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"Zwischen uns die Mauer" im Kino Ossi mit Leiter liebt Wessi

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Anna (Lea Freund) und Philipp (Tim Bülow) widersetzen sich der Trennung durch die Mauer.

(Foto: picture alliance/dpa)

Zum 30. Jahrestag des Mauerfalls blicken mehrere Kinofilme auf das Ende der deutschen Teilung zurück. Einer von ihnen ist "Zwischen uns die Mauer". Ein relevanter Beitrag zur Geschichtserinnerung? Fehlanzeige. Dafür ist das Teenager-Liebesdrama viel zu klischeebehaftet.

Es kommt nicht selten vor, dass Journalisten bei einer Pressevorführung im Kino emotional reagieren. Warum auch nicht? Dass sie anschließend über den Film schreiben müssen, bedeutet ja nicht, dass sie in einem lustigen Moment nicht herzhaft lachen oder in einer Schrecksekunde nicht zusammenzucken oder aufschreien können. Was allerdings seltener vorkommt, ist, dass ein Film im Minutentakt von einem verächtlichen "Pffff" oder "Oh Gott" begleitet wird. Oder dass eine Kollegin mitten im Film aufgibt und den Kinosaal kopfschüttelnd verlässt. Oder dass nach der Vorstellung Beschreibungen wie "unterirdisch" fallen. Bei "Zwischen uns die Mauer" war all das der Fall - und das zu Recht.

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  1986. Anna (Lea Freund), ein durchschnittliches Mädchen aus der West-Provinz, fährt mit ihrer Kirchengruppe für eine Jugendbegegnung nach Berlin. Eigentlich ist die 16-Jährige nur wegen der besetzten Häuser und den Partys da - doch als sie den Pflichttermin bei einem Pfarrer in Ost-Berlin absolviert, fällt ihr fast das Stück Kuchen aus der Hand, als dessen Sohn Philipp (Tim Bülow) den Raum betritt. Sie verliebt sich Hals über Kopf in den Lederjacke tragenden und rauchenden Rebellen und plötzlich sind die West-Partys gar nicht mehr so wichtig. In den folgenden Tagen verbringen sie so viel Zeit wie möglich miteinander und dass es nicht nur bei einer kleinen Romanze bleibt, wird spätestens bei ihrem Abschied klar.

Und so widersetzen sich Anna und Philipp der Trennung durch die Mauer. Zumindest versuchen sie es. Denn den Kontakt übers Telefon zu halten ist nicht leicht, wenn der Staatssicherheitsdienst im Osten beim Abhören der Gespräche aus Versehen die Leitung abwürgt. Aber auch Annas Eltern sehen die neue Liebe ihrer naiven Tochter kritisch. Trotzdem versucht die, Philipp so oft wie möglich zu besuchen. Doch während sie das Gefühl hat, die Stasi in Form ihrer nervigen Eltern zu Hause zu haben, die ihr die weitere Ost-Reisen verbieten möchten, kommt Philipp, der immer mehr über eine Flucht mit einer Leiter nachdenkt, tatsächlich in die Mühlen der berüchtigten Geheimpolizei. Eine gemeinsame Zukunft scheint nun aussichtslos. Und dann fällt die Mauer ...

Wo bleibt der Bildungsauftrag?

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Philipp zeigt Anna seine kleine, graue Welt und schmiedet gleichzeitig Fluchtpläne nach West-Berlin.

(Foto: picture alliance/dpa)

Seit knapp 30 Jahren ist Deutschland nun wiedervereint und pünktlich zum Jubiläum blicken derzeit mehrere Kinofilme auf das Ende der Teilung zurück. Den Anfang machte "Traumfabrik" im Sommer, in den kommenden Wochen folgen Filme wie "Fritzi - eine Wendewundergeschichte" und "Im Niemandsland". Filme gegen das Vergessen sind wichtig: Für die neue Generation liegt dieser Ausschnitt der deutschen Geschichte schon ewig zurück - vor allem für Westdeutsche. Sie kennen den Kalten Krieg und die Deutsche Demokratische Republik (DDR) nur aus den Geschichtsbüchern und aus Erzählungen. Es ist einfach schwer vorstellbar, dass Beton und Stacheldraht ein Land in zwei teilen und unzählige Familien, Freundschaften und Lebenspläne zerbrechen konnten.

Ein relevanter Beitrag zur Geschichtserinnerung ist "Zwischen uns die Mauer" von Regisseur Norbert Lechner aber leider nicht. Dafür ist der Film - obwohl er auf dem biografischen Roman von Katja Hildebrand beruht - zu unglaubwürdig. Anstelle von starken Bilder und der Möglichkeit, einer jüngeren Generation die DDR näherzubringen, sind die langatmigen 110 Minuten klischeebehaftet und ideologisch aufgeladen.

Im Osten bitte nicht lächeln

Da ist zum Beispiel Ina, eine Freundin des Pastorensohns, die die Kirchengruppe wegen ihrer systemtreuen und "zu jedem Anlass die Fahnen schwenkenden" Eltern nur heimlich besuchen kann. Auch um seine Bücher beneidet sie Philipp - bei ihren Eltern gebe es ja nur das Kapital und das Kommunistische Manifest. Überhaupt ist jeder Ossi, der nicht systemkritisch ist, unfreundlich, eindimensional und vor allem böse. Öffentlich lächeln sollte sich Anna daher lieber verkneifen, das lernt sie bereits bei ihrer ersten Grenzüberquerung.

Der Westen dagegen - der ist großartig. Da gibt es so viele Einkaufsläden, dass man manchmal gar nicht mehr weiß, wo man seine Handtasche überhaupt gekauft hat. Wenn das nicht Freiheit ist ... Und sogar schwul darf man da sein! Es ist genau diese plumpe Schwarz-Weiß-Malerei, derer sich Lechner bedient, die heute nicht mehr so recht passen will in einen Film über die Wiedervereinigung.

Übrig bleibt ein Teenie-Liebesdrama, deren Hauptdarsteller einem fast schon leid tun, wenn sie ihre Verliebtheit zum Ausdruck bringen müssen, indem sie sich beim Spazierengehen kichernd schubsen und kneifen wie zwei vorpubertierende Kinder. Sehr altersunüblich ist das - vor allem für einen 18-Jährigen, der sonst heimlich die Wachtürme an der Mauer beobachtet, um seine Flucht in den Westen zu planen. Katja Hildebrands Liebesdrama auf die Leinwände zu bringen, ist an sich nicht verkehrt. Im Rahmen des 30. Jubiläums der Wiedervereinigung hätte man sich den Film allerdings sparen können.

"Zwischen uns die Mauer" läuft ab sofort im Kino.

Quelle: n-tv.de

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