Hörbücher

Neil Gaiman zum Hören Den Göttern ist nicht zu trauen

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Der nordische Gott Loki hat es bis in die Comicwelt von Marvel und auf die Kinoleinwand gebracht - hier Tom Hiddleston in "Thor". Doch auch in "American Gods" von Neil Gaiman spielt er eine Rolle.

(Foto: imago stock&people)

Fantasy trifft Mythologie, Schauerroman trifft Naturreligion: Die Bücher Neil Gaimans verweigern sich stets einfachen Zuordnungen. Zwei Hörbücher entführen nun in die so fantasievoll wie detailreich gestalteten Parallelwelten des Autors.

Comics, Romane, Kinderliteratur, Kurzgeschichten, Drehbücher und Hörspiele: Es gibt kaum eine Literaturform, die Neil Gaiman noch nicht mit Erfolg ausprobiert hätte. Der Engländer, der seit Jahren in den USA lebt, gehört zu den bekanntesten Fantasy- und Science-Fiction-Autoren der Welt. Seine Bücher erleben nicht nur Millionenauflagen und zahlreiche Übersetzungen, Gaiman wurde für seine Bücher auch schon mit etlichen Preisen bedacht.

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Neil Gaiman, 1960 in England geboren, lebt mittlerweile mit seiner zweiten Ehefrau Amanda Palmer in den USA. Sie erwarten ihr erstes gemeinsames Kind.

(Foto: Kimberly Butler)

Kein Wunder, denn sein Werk geht über die übliche Genre-Literatur weit hinaus. Es strotzt vor Anspielungen auf literarische Vorbilder, auf Geschichte, Mythologie und Religion. Klassische englische Schauerliteratur trifft hier auf Popkultur, Shakespeare auf nordische Götter. Das hat Gaiman eine große und treue Fangemeinde beschert, die seine Werke verschlingt, egal ob Roman, Hörspiel oder Comic - wo er mit "Sandman" seinen ersten großen Erfolg feierte. Zwei neue Hörspiele führen nun einmal mehr den Ideenreichtum und die Vielseitigkeit Gaimans vor Ohren.

Mit dem preisgekrönten Roman "American Gods" legte Gaiman 2001 einen modernen Klassiker der Fantasy-Literatur vor. Doch 2013 veröffentlichte er eine ergänzte und überarbeitete Version, die nun als ungekürztes Hörbuch bei Lübbe Audio erscheint. Im Mittelpunkt steht Shadow, ein gerade entlassener Sträfling, der ein Jobangebot des mysteriösen Mr. Wednesday annimmt. Doch schnell entpuppt sich sein neuer Arbeitgeber nicht nur als Trickbetrüger, sondern auch als: Gott. Mr. Wednesday ist niemand anderes als die amerikanische Variante von Göttervater Odin. Einst kam er in den Gedanken der nordischen Einwanderer in die neue Welt, wurde stark durch ihren Glauben und ihre Opfer - so wie unzählige andere Götter aus Afrika, Asien und Europa, die es über die Jahrhunderte nach Amerika verschlug.

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"American Gods", gelesen von Stefan Kaminski, vollständige Lesung der erweiterten Fassung, 1365 Minuten, erschienen bei Lübbe Audio.

Einige dieser alten Götter fielen bald in Vergessenheit und verschwanden, andere - wie Wednesday - sind kurz davor, sie fristen ein kümmerliches Dasein. Ihre Macht über die Menschen haben sie verloren, neue Götter sind an ihre Stelle getreten: Geld und Drogen, Medien und Technologien. Doch die alten Götter versammeln sich und fordern die neuen zu einem letzten Kampf heraus. Ein Sturm zieht auf und Shadow steht mittendrin.

Mythologie, Volksglauben, Popkultur

"American Gods" handelt von einem Krieg mitten in Amerika, aber auch von Verrat und Täuschung und davon, dass Götter menschgemacht sind, dass sie nur existieren können, wenn die Menschen an sie glauben. Gaimans epische Geschichte vermischt Fantasy mit Mythologie, sie ist packend und atmosphärisch erzählt und enthält unzählige Verweise auf religiöse Figuren, amerikanische Volkssagen, aber auch auf die moderne Popkultur.

Und was macht der preisgekrönte Sprecher Stefan Kaminski daraus? Ein fantastisches Ein-Mann-Hörspiel! Die verschiedenen Sprachstile, Dialekte oder Akzente, die Kaminski permanent aus dem Hut zaubert, ziehen nicht nur den Hörer schnell in die Geschichte hinein. Sie enthüllen auch so manchen Aspekt, den man bei der Lektüre des Buches schnell überliest. Sie betonen jene Detailverliebtheit, mit denen Gaiman seine Geschichten so gern anreichert und die sie so atmosphärisch und reich machen. Vor allem jedoch die Charaktere profitieren von dem vielseitigen Sprecher: Während Shadow vergleichsweise normal spricht, wechselt Wednesdays Stimme je nach der Laune des Gottes zwischen rauem Organ und arrogantem Gestus. Die slawischen Götter Tschernibog und die Sarja-Schwestern bekommen einen typischen osteuropäischen Akzent, der afrikanische Mr. Nancy eine hohe, kratzige Stimme, die zu den dürren Beinen seiner göttlichen Spinnengestalt passt.

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"Der Ozean am Ende der Straße", gelesen von Hannes Jaenicke, bearbeitete Fassung, 266 Minuten, erschienen bei Lübbe Audio.

Stellenweise mag man kaum glauben, dass hier nur ein Sprecher zu hören ist, so vielgestaltig und ideenreich gerät die Lesung von "American Gods". Sie ist deshalb trotz ihrer Länge von mehr als 1300 Minuten auch nie langweilig. Fans von Fantasyliteratur dürften an dem Hörbuch dieses modernen Klassikers ihre helle Freude haben.

Im Vergleich kürzer und kompakter kommt Gaimans jüngstes auf Deutsch erschienenes Werk "Der Ozean am Ende der Straße" daher. Man sollte sich davon jedoch nicht täuschen lassen. Der Roman ist eine dichte Gruselgeschichte, die auf dem englischen Land spielt. Ein Junge kommt darin unvermittelt mit einer magischen Welt in Berührung, die in sein Leben eindringt und zur tödlichen Bedrohung wird. Nur die Nachbarstochter Lettie kann helfen. Denn auch sie ist nicht von dieser Welt und kennt so allerlei magische Tricks.

Gothic-Literatur und Grimms Märchen

Während "American Gods" die epische Weite Amerikas feiert, beschreibt "Der Ozean am Ende der Straße" die bedrückende Enge der englischen Provinz und die Verwirrung des Erwachsenwerdens (die übrigens auch von Gaimans eigenen Erlebnissen inspiriert wurde). Der angenehm altmodische Grusel, der an englische Gothic-Romane und die Märchen der Gebrüder Grimm erinnert, schleicht sich hier ganz beiläufig in das Leben des Protagonisten ein, sorgt dann jedoch für Beklemmung und kalte Schauer, die über den Rücken laufen.

Das Hörbuch, das ebenfalls bei Lübbe Audio erscheint, wird von Hannes Jaenicke gelesen. Das passt insofern perfekt, als der Roman von alten Naturgeistern erzählt und Jaenicke nicht nur engagierter Umweltschützer ist, sondern auch noch über eine raue Stimme verfügt, die zum Landleben genauso passt wie zu den Geheimnissen, die sich in Bäumen, Wiesen und Ententeichen verbergen. Ententeichen, die in Wahrheit Ozeane sind.

"Der Ozean am Ende der Straße" verfügt nicht über die erzählerische Fülle und Tiefe von "American Gods" und Hannes Jaenickes eher klassische Lesung hat auch nicht die sprachliche Vielfalt von Stefan Kaminskis hörspielartiger Umsetzung. Doch "Der Ozean am Ende der Straße" ist eine kleine, feine Gruselgeschichte, die erneut beweist, wie fantasievoll, detailreich, vor allem aber vielseitig Gaiman seine Welten erschafft.

Das Hörbuch "American Gods" bei bei Amazon oder iTunes bestellen.
Das Hörbuch "Der Ozean am Ende der Straße" bei Amazon oder iTunes bestellen.

Quelle: n-tv.de

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