Hörbücher

Jan Becks "Dorn: Zimmer 203"KI - und die Welt steht am Abgrund

25.04.2026, 12:18 Uhr Thomas-BadtkeVon Thomas Badtke
00:00 / 06:04
Hotelzimmerschluessel-Hotel-room-key
In Zimmer 203 hat Dorn alle Hinweise zu einer Cold-Case-Mordserie zusammengetragen. (Foto: picture alliance / Bildagentur-online/Saurer)

Was verbindet eine tote TV-Psychologin und einen Priester? Diese Frage muss der zurückgezogen lebende Ex-Kriminalpsychologe Dorn lösen. Gelingt es ihm nicht, sterben weitere Menschen. Aber Dorn hat Hilfe.

"Was wollen Sie?" "Ich will Dich unsterblich machen." Der vom Leben gebeutelte ehemalige Kriminalpsychologe Simon Dorn wird hellhörig. Doch die neue Klientin bietet Dorn nicht nur einen Ausweg aus seiner finanziellen Notsituation, sie sorgt auch dafür, dass er seine Bekannte beim Bundeskriminalamt Wien, Lea Wagner, alarmiert. Denn Dorns Klientin ist eine bekannte deutsche TV-Psychologin - und sie ist seit Wochen schon tot. Verdurstet.

Dorn, der mittlerweile in Cold Cases ermittelt, fühlt sich an eine Mordserie erinnert. Alle Hinweise dazu hat er in einem Raum zusammengetragen, "Zimmer 203" in seinem Hotel Dornwald in Bad Gastein. Das Haus, achtgeschossig und einst die prachtvolle Perle des bekannten Urlaubsortes, ähnelt mittlerweile fast einer Ruine, baufällig, dem Verfall mehr und mehr anheimfallend.

Das Hotel ist ein Wrack, wie Dorn selbst. Er meidet die Öffentlichkeit, die Menschen an sich. Er lebt allein, nur ein weißer Schäferhund leistet ihm Gesellschaft. Ein Streuner aus Wien, den Lea Wagner einst mitgebracht hat. Diesmal hat die Ermittlerin einen ihrer Brüder dabei. Er muss sich unsichtbar machen, denn ein korrupter Polizist will ihm ans Leder. Dorn ist alles andere als begeistert. Aber da eine Hand die andere wäscht und er sich Hinweise im Fall der toten TV-Psychologin erhofft, gibt er Leas Bruder Obdach.

Win-win-Situation

Was aber weder Dorn noch Lea wissen: Der korrupte Bulle ist ihnen bereits auf der Spur. Aber auch Lea kommt mit ihren Ermittlungen voran, ihren Chef lässt sie zunächst außen vor. Sie entdeckt mithilfe eines Kollegen einen weiteren Toten. Auch er ist verdurstet. Ein Priester. Wo liegt die Verbindung zwischen den Opfern?

Lea weiß es: "Sie waren beide moralische Instanzen. Menschen, zu denen andere aufschauen, deren Rat sie suchen." Leuchttürme. Menschen, die anderen den Weg weisen. Ein Zusammenhang ist also hergestellt. Bleibt die Frage nach dem Warum.

Anzeige
Zimmer 203 - Ruf der Toten: Simon Dorn und Lea Wagner ermitteln, Band 2
294
0,00 €6,99 €

Bei den Leichen wurde jeweils ein monströser Computer gefunden, der noch lief. Und schon bald wird Wagner und Dorn klar: Die Sache ist größer als sie bislang angenommen haben. Ihr Gefühl wird durch eine preisgekrönte Zeitungsjournalistin bestätigt, die in einem Wirtschaftsfall um ein mit viel Steuergeld vollgepumptes KI-Startup ermittelt, gewissermaßen Österreichs Antwort auf die ganzen Wachstumsperlen rund um das Thema Künstliche Intelligenz. Aber kann eine KI morden?

Moral ist, was du daraus machst

"Dorn. Ruf der Toten: Zimmer 203", der zweite Band der "Dorn"-Reihe von Jan Beck, erschienen bei Penguin Randomhouse und dem Hörverlag, macht da weiter, wo der Erstling "Zimmer 103" aufgehört hat. Dorn, der als Kind mit anschauen musste, wie sein kleiner Bruder im Pool des Hotels ertrunken ist. Dorn, der als Schüler einen Busunfall mit Dutzenden Toten überlebte. Dorn, dessen Frau hochschwanger bei einem Autounfall umgekommen ist. Dorn, der mit der Cold-Case-Ermittlerin Klara, seiner einzige Geldgeberin, in längst vergessenen Fällen ermittelt, bis Klara selbst einem Serienmörder zum Opfer fällt. Dorn, der mit Lea Wagner ebendiesem Serienmörder auf die Schliche kommt. Allein seine Person ist es wert, sich der Hörbuchreihe zu widmen.

Aber da gibt es ja auch noch das "Dornwald", bei dem einem unwillkürlich das "Overlook" aus Stephen Kings "The Shining" in den Sinn kommt. Knarzende Böden, Geräusche in den Wänden, scheppernde Wasserrohre - und über allem eine geheimnisvolle Patina längst vergangener Zeiten. Ein Monster in Hotelform, dessen Restaurierung Unsummen verschlingen würde. Und dennoch lebt Dorn dort. Im düsteren Weinkeller. Natürlich ist Dorns Hautfarbe die eines klassischen Vampirs aus den besten Horrorfilmzeiten.

Anzeige
Jan Beck
Jan Beck, Dorn, Zimmer 103

Dorn mag das "Dornwald". Dorn hasst das "Dornwald". Er kann und will nicht loslassen. Dorn ist verbissen, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat. Das verbindet ihn mit Lea Wagner, die in einer kleinen Wiener Wohnung lebt, Hühner und Bienenvolk auf dem Wohnhausdach inklusive - und verbotenerweise. Leas Mutter, einst Bardame im Wiener Prater, jetzt kettenrauchende Empfängerin von Stütze. Liebenswert sind sie beide. Wie aus dem Leben gegriffen. Das zeichnet die "Dorn"-Reihe aus: Die Protagonisten sind verschroben, aber gleichzeitig so normal wie du und ich. Sympathisch. Alle. Abgesehen von Leas Chef, einem karrieregeilen, aber stinkfaulen Typen.

Dazu noch die herrlich frische Stimme von Christine Marx. Wandlungsfähig, vielschichtig, unverwechselbar. Diese Gesamtgemengelage macht die "Dorn"-Reihe zu einem absoluten Schmankerl! Für die Unsterblichkeit braucht es nur noch eine Verfilmung, vielleicht als Streaming-Hit?

Quelle: ntv.de

ThrillerRezensionen