Hörbücher

Im Grundsatz wahr Klatschgeschichten über Donald Trump

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Bei einem Auftritt vor einer konservativen Vereinigung machte Trump kürzlich einen Witz darüber, dass er angeblich eine Glatze kunstvoll mit Haaren verdecke (seine Haarfarbe erklärte er nicht).

dpa

"Feuer und Zorn", das Buch des amerikanischen Journalisten Michael Wolff über Donald Trumps bizarre erste Monate im Weißen Haus, liegt nun auch als Hörbuch vor. Es ist das passende Medium für das, was Wolff zu erzählen hat.

Jeder hört sich gern Klatsch an, vor allem dann, wenn er die eigenen Erwartungen bestätigt. Das ist wahrscheinlich der Grund für den beispiellosen Erfolg von "Feuer und Zorn", das Buch des US-Journalisten Michael Wolff.

Obwohl kein Mangel an schriftlichem Material über Präsident Donald Trump herrscht, hat Wolffs Beschreibung des Innenlebens des Weißen Hauses neue Maßstäbe gesetzt. Zumindest, was den ökonomischen Erfolg von Sachbüchern angeht. "Wir haben noch nie erlebt, dass ein Buch in dieser Geschwindigkeit verkauft wurde", hieß es im Januar aus Wolffs amerikanischem Verlag. Unmittelbar nach dem Start des Verkaufs war es vergriffen und über Wochen nicht lieferbar - was dazu führte, dass die E-Book-Version innerhalb weniger Tage hunderttausendfach verkauft wurde. In den USA steht es bei Amazon noch immer auf Platz eins der meistgelesenen Bücher.

Der Nerv, den Wolff offensichtlich getroffen hat, dürfte in der Art seiner Erzählweise liegen. Wolff macht kein Geheimnis daraus, dass er sich mitunter entscheiden musste, welche Version für ihn der Wahrheit am nächsten kommt. "Viele Schilderungen von Vorgängen im Weißen Haus widersprechen sich, viele sind, ganz nach Trump-Manier, schlicht erlogen", schreibt er. "Solche Widersprüche und der lockere Umgang mit der Wahrheit - um nicht zu sagen: mit der Realität - ziehen sich wie ein roter Faden durch dieses Buch." Manchmal gebe er einfach die Version der Beteiligten wieder und überlasse das Urteil den Lesern. "In anderen Fällen habe ich mich aufgrund übereinstimmender Berichte von Informanten, die sich als zuverlässig erwiesen haben, für die Version entschieden, die mir wahr erscheint.

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Das Hörbuch ist bei Argon erschienen und liefert 13 Stunden spannende politische Unterhaltung.

Inwieweit Wolff nun also "die Wahrheit" erzählt, ist umstritten. Trump selbst bezeichnete das Buch als verlogen, seine Sprecherin Sahra Sanders nannte es einen "Schund-Boulevard-Roman" voller falscher und irreführender Berichte. Allerdings führte "Feuer und Zorn" dazu, dass Trump endgültig mit seinem langjährigen Verbündeten Steve Bannon brach und dieser dann seinen Job als Chef der rechten Pseudo-Nachrichtenseite Breitbart verlor. Schundromane haben solche Folgen normalerweise nicht.

Ein der Wahrheit vermutlich sehr nahekommendes Urteil fällten zwei Journalisten der US-Nachrichtenseite Axios. Es gebe Abschnitte in "Feuer und Zorn", die falsch oder schlampig seien oder auf einem Vertrauensbruch basierten - also darauf, dass Wolff Informationen verwendete, die ihm im Vertrauen gegeben worden waren. Zwei Aspekte seien jedoch absolut korrekt: Trumps Darstellung als sprunghaft und unberechenbar sowie das geringe Ansehen, das er unter seinen Mitarbeitern genieße.

"Den Scheiß kannste dir nicht ausdenken"

Kurzum: Man kann nicht darauf vertrauen, dass jedes einzelne Detail stimmt - der Grundtenor jedoch entspricht der Wahrheit. Lohnenswert ist das Buch allemal: Von Hause aus ist Wolff eher Kolumnist als investigativer Reporter, ihm geht es vor allem um eine gute Geschichte. Ob er bei einem Ereignis, das er schildert, selbst dabei war, oder ob er nur davon hörte, ist beim Lesen nicht zu erkennen. Der Genauigkeit seiner Darstellung hilft das nicht immer, der Dramatik seiner Erzählung dafür umso mehr. Kein Wunder, dass aus "Feuer und Zorn" eine Fernsehserie gemacht werden soll.

Wer so lange nicht warten will, kann auf das gerade erschienene Hörbuch zurückgreifen, in dem der Schauspieler Richard Barenberg "Feuer und Zorn" vorliest. Seine warme Stimme bildet einen eigenartigen Kontrast zu dem, was er da erzählt - Anekdoten, bei denen man vor Fassungslosigkeit nicht weiß, ob man lachen oder verzweifeln soll. Ein Beispiel: Trumps bei Twitter erhobener Vorwurf an seinen Vorgänger Barack Obama, dieser habe sein Telefon "anzapfen" lassen, basierte nicht auf exklusiven, überprüften Geheimdienstinformationen, sondern auf einem Interview, das der Präsident gerade in seinem Lieblingssender Fox News gesehen hatte. "Es war ein Wendepunkt", schreibt Wolff darüber. "Bis hierher war Trumps engster Kreis größtenteils bereit gewesen, ihn zu verteidigen. Aber nach den Tweets über das Anzapfen seiner Leitungen verfielen alle, bis auf Hope Hicks, in einen Zustand mulmiger Betretenheit, um nicht zu sagen permanenter Fassungslosigkeit. Und Sean Spicer wiederholte sein tägliches, fast stündliches Mantra: 'Den Scheiß kannste dir nicht ausdenken.'"

Das gilt auch für weniger politische Storys. Trumps Tochter Ivanka soll sich hin und wieder einen Spaß daraus machen, über die Frisur ihres Vaters zu lästern. "Oft beschrieb sie ihren Freunden, wie die zustande kam: eine vollkommen kahle Stelle - seit einer chirurgischen Kopfhautstraffung eine klar begrenzte Insel -, die vorn und an den Seiten von einem Haarkranz umgeben war, dessen Enden in der Mitte zusammengeführt, dann zurückgekämmt und mit Haarspray fixiert wurden. Die Farbe, so erklärte sie ihren lachenden Zuhörern, stammte von einem Produkt namens Just for Men. Je länger man es einwirken ließ, desto dunkler wurde es. Trumps orange-blonde Haarfarbe war das Ergebnis seiner Ungeduld."

Wolff bietet keine komplizierten Analysen, sondern teils hochwertigen, teils albernen politischen Tratsch. Das Hörbuch ist dafür die am besten passende Form: Schließlich wird Tratsch in der Regel nicht aufgeschrieben, sondern weitererzählt. Ob Sean Spicer den Satz mit dem "Scheiß" wirklich so gesagt hat, ist da eher zweitrangig. Wichtiger ist, dass er ihn gesagt haben könnte, dass jeder normale Mensch an seiner Stelle ebenfalls geflucht hätte. Wie gesagt: Klatschgeschichten. Absolut hörenswert.

"Feuer und Zorn" bei Audible hören

Quelle: n-tv.de

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