Musik

Jack Antonoff: geheimer Pop-King "Bei Männern ist zu viel Ego im Spiel"

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Kaum ein Songschreiber hat die Popmusik in den vergangenen Jahren so beeinflusst wie Jack Antonoff.

(Foto: Daniel Silbert)

Sie kennen vielleicht seinen Namen nicht, aber Sie kennen seine Songs. "I Don't Wanna Live Forever" von Zayn und Taylor Swift? Hat Jack Antonoff geschrieben! "Green Light" von Lorde? Auch! Und für "We Are Young", den Megahit seiner früheren Band Fun., ist der 33-jährige Antonoff selbstverständlich auch verantwortlich. Jetzt erscheint mit "Gone Now" das großartige zweite Album seiner Ein-Mann-Band Bleachers. Mit n-tv.de hat Antonoff über die Angst vor dem Scheitern, Beyoncé und zu viel Testosteron gesprochen.

Viele Ihrer neuen Songs klingen wie Entschuldigungen oder doch jedenfalls wie sehr persönliche Geständnisse. Was um alles in der Welt haben Sie denn angestellt?

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Ich bin nicht sicher. Aber ich fühle, dass ich irgendwas verkackt habe. Das gehört wohl zum Menschsein. Wir laufen alle herum und denken: Oh Gott, ich bin ein Versager! Auf Nachfrage können wir diese Auffassung auch irgendwie begründen. Im Moment des Aufwachens, wenn man die Augen öffnet und all die Last noch nicht über einen hereingebrochen ist, ist man eine Sekunde ganz klar. Danach schultert jeder wieder seinen Sack voll Scheiße.

Sie singen von Abgründen und klingen dabei doch unbekümmert.

Manchmal liegen nur ein paar Augenblicke zwischen dem Gefühl, nicht mehr weitermachen zu können, und der besten Zeit deines Lebens. So sollen sich auch meine Songs so anfühlen. Man kann zu ihnen tanzen, aber auch weinen. Sie sind vielschichtig.

Nachdem Sie in verschiedenen Bands gespielt haben, sind Sie schon eine Weile mit Ihrem Solo-Projekt "Bleachers" erfolgreich. Als Songschreiber haben Sie sogar Einfluss auf die ganz großen Namen der Popmusik. Macht es Sie stolz, das Genre so elementar mitzudefinieren?

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"Gone Now" ist das zweite Album der Ein-Mann-Band Bleachers.

Meine Songs hört die ganze Welt. Davon habe ich immer geträumt. Mir gefällt die Idee, dass sich ganz unterschiedliche Menschen durch Musik verbunden fühlen. Allerdings möchte ich lieber kein Teil der Musikindustrie sein. Guter Pop braucht Innovation. Binnen drei Minuten muss etwas Aufregendes passieren, etwas, das jeder hören will. Wenn jemandem das gelingt, zieht die Branche nach. Dabei kommen diese langweiligen Songs heraus. Auf einen guten Titel folgen unzählige langweilige.

Könnte Ihnen ja grundsätzlich auch mal passieren, dass Sie zu den Nachahmern gehören …

Ich habe mir in meiner Wohnung in New York ein kleines Studio eingerichtet. Da arbeite ich - allein, gelegentlich mit anderen Künstlern. Ich bemühe mich, bei meiner Arbeitsweise keine Kompromisse einzugehen.

Sie haben mit Stars wie Taylor Swift, Lorde oder Grimes zusammengearbeitet - allesamt Frauen. Ist das Zufall?

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Ich schreibe Musik immer in höheren Tonlagen. Dazu passt eine weibliche Stimme besser. Vor allem aber wollen Frauen tiefgründigere Geschichten erzählen. Mein ganzes Leben lang habe ich mich in der Gegenwart von Frauen besonders wohl gefühlt. Bei Männern ist oft zu viel Ego im Spiel.

Wie meinen Sie das?

Ich möchte hier nicht zu sehr verallgemeinern, doch bei vielen Männern geht es um Dominanz. Die Arbeitsatmosphäre ist hitzig. Es geht nur darum, großartig zu sein. Wenn ich mit einer Frau im Studio bin, sitzen wir einfach rum und besprechen, was uns gerade beschäftigt. Das drehen und wenden wir dann und basteln einen tollen Song daraus.

Hadern Sie mit dem Konzept von Männlichkeit, das gegenwärtig in der Gesellschaft vorherrscht?

Früher hat es mir mehr ausgemacht als heute. Ich bin im New Jersey der 90er-Jahre großgeworden. Meine Welt war sehr kleinbürgerlich und heteronormativ geprägt. Teile von mir sind bis heute in alten Idealen verhaftet. Sollte ich nicht schon verheiratet sein? Sollte ich nicht schon Kinder haben? Sollte ich nicht schon ein Haus besitzen und bewohnen?

Und sollten Sie?

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Als Kind wollte Jack Antonoff immer raus aus New Jersey. Heute wohnt er in New York.

(Foto: Daniel Silbert)

Fuck it! Mit 15 Jahren habe ich mein altes Leben gegen ein Tour-Leben eingetauscht. Ich ging nicht mehr zur Schule und wurde Teil von etwas, für das es keinen vorgefertigten Plan gibt. Ganz kann man seine Herkunft aber eben nicht abschütteln. Es wird sich immer etwas seltsam anfühlen, nicht die Person geworden zu sein, von der man dachte, dass man sie einmal sein würde.

Ihre Songs sind oft fast schmerzhaft persönlich. Braucht gute Musik zwingend Ehrlichkeit?

Die Menschen müssen einen vor allem verstehen. Wer einen guten Song schreiben will, muss also herausfinden, wie er ausdrückt, was er erlebt hat. Beyoncés Album "Lomonade" ist ein perfektes Beispiel dafür. Beyoncé ist unantastbar - reich, berühmt. Sie erscheint als diese merkwürdige Gottheit. Aber sie ist verdammt nochmal betrogen worden! Mit ihrer Musik hat sie einen Weg gefunden, ihre Erfahrung jedem zugänglich zu machen.

Sie haben als Teenager ihre jüngere Schwester Sarah verloren. Ihr widmen Sie auch Ihr neues Album. Speziell der Song "Everybody Lost Somebody"

Der Titel klingt erstmal banal. Tatsächlich habe ich ewig gebraucht, den Song so hinzubekommen, wie ich mir das vorgestellt habe. Mein Schmerz ist ja irgendwie auch ein allgemeiner: Jeder hat sein Päckchen zu tragen. Ich sehe darin ein verbindendes Moment. Wenn man etwas bewältigt und dabei beobachtet, dass andere Ähnliches durchleben, fühlt man sich nicht mehr ganz so allein auf der Welt.

Durchlaufen Sie da gerade einen Heilungsprozess?

Ich weiß nicht, ob ich an Heilung glaube. Dafür glaube ich ans Weitermachen.

Mit Jack Antonoff sprach Anna Meinecke.

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Quelle: ntv.de