Musik

"Routine ist tödlich" Der rastlose Jean-Michel Jarre

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Jean-Michel Jarre musste mal wieder raus aus dem Studio.

(Foto: Louis Hallonet)

Um da hinzukommen, wo er hinwill, würde Jean Michel Jarre auch mit einer Rakete anreisen. Das glaubt man ihm sofort - der "Godfather of Electronic Music" sprüht vor Ideen und Energie. Überzeugen kann man sich davon jetzt auf seiner Tour in Deutschland.

Das Publikum in den Musik-Metropolen der Welt lässt sich nicht leicht begeistern, es ist vom großen Live-Angebot verwöhnt und auch ein wenig gesättigt. Umso sensationeller war vor Kurzem die Reaktion des Londoner Publikums auf Jean-Michel Jarres Konzert, das erste seit seiner sechsjährigen Pause: Nach der Premiere seines neuen Live-Programms "Electronica" im walisischen Cardiff fesselte Jarre seine Fans in der ausverkauften Londoner O2 Arena. Jarre, der "Godfather of Electronic Music" präsentierte seine Live-Produktion in 3D. Sound, Licht und LED-Screens sorgen auf der Tour für das Rundum-Sorglos-Paket, das man von dem Franzosen gewohnt ist: Ein Spektakel für Augen und Ohren. An diesem Sonntag fällt in der Frankfurter Festhalle der Startschuss zu den insgesamt sechs Live-Shows in Deutschland. Jarre verspricht Jarre eine Mischung aus Aktuellem und Klassikern. Ein besonderes Highlight wird sicher die Live-Premiere von Auszügen aus seinem Studioalbum "Oxygene 3", das erst im Dezember veröffentlicht wird. Zum 40. Jubiläum dieses Blockbusters ließ sich Jarre zu sieben neuen Kapiteln des "Oxygene"-Werks inspirieren. Der Maestro wird übrigens nur auf dem Papier älter, denn Jarre setzt Maßstäbe, an die der Nachwuchs nur schwer heranreicht. Mit seinen 68 Jahren will er Geschichten erzählen, und er will Geschichte schreiben. Jarres Konzerte, die komplette Großstädte vereinnahmten, setzten in der Vergangenheit gleich mehrere Guinnessbuch-Weltrekorde. Erwähnt sei nur das Konzert in Moskau, das anlässlich des 850. Geburtstags der Stadt von über 3,5 Millionen Zuschauern gefeiert wurde. n-tv.de hat sich kurz vor seinem ersten Deutschlandkonzert mit ihm am Telefon unterhalten.

n-tv.de: Jean-Michel, ça va?

Jean-Michel Jarre: Wunderbar, und selbst?

Sehr gut, wo wir nun endlich wieder miteinander sprechen. War ja kompliziert genug. Wo bist du?

Noch in Paris. Ich muss ein paar Dinge zwischen den Konzerten erledigen.  

Wir haben letztes Jahr über die Alben "Electronica 1 & 2" gesprochen und nun bist du auf Tour. Das ist ein Riesen-Ding, oder?

Ja, es ist wirklich sehr aufregend! Ich freue mich unglaublich, mit den neuen Alben zu touren. Ich habe ja quasi fünf Jahre ununterbrochen im Studio verbracht, wurde wirklich mal wieder Zeit, dass ich rauskomme (lacht).

Mit wem wirst du unterwegs sein?

Natürlich kann ich nicht alle Leute, die mit mir zusammengearbeitet haben, mit auf die Tour nehmen, das ist natürlich schade, aber das lassen die Terminkalender ja gar nicht zu.

Das ist wirklich schade, denn eigentlich hofft man ja schon, in deinen Konzerten auch mal Yello oder Cyndi Lauper oder Gary Numan zu treffen.

(lacht) Ich will nicht zu viel verraten. Aber da diese Tour bis Ende 2017 andauern wird, gehe ich davon aus, dass an der einen oder anderen Stelle mal einer der Künstler auftauchen wird. Aber auch ohne die Kollegen bin ich mit einer völlig neuen Herangehensweise an die Vorbereitungen für die Tour gegangen. Ich werde mit meinen Musikern aber nicht nur neue Songs performen, sondern auch meine alten Erfolge in die Konzerte einbinden. Auf eine völlig neue Art und Weise natürlich! 

Das wird die Fans freuen.

Na klar. Das wird alles so ineinander übergehen. In Großbritannien hat das bereits  ganz wunderbar geklappt.

Die alten Fans bringen ja vor allem vielleicht auch neue Fans mit …

Ja, im Publikum sind ältere Leute (lacht), Leute, die mir schon lange die Treue halten, aber auch Kinder und Teenager, das ist besonders schön, das berührt mich richtig. Und ich verspreche, dass für jeden etwas dabei sein wird. Allein die Show! Die Bilder, das Licht, die Effekte, ich glaube, das kann eine Brücke zwischen den Generationen schlagen. Ich bin ja einer der Ersten, der all diese visuellen Effekte in seine Arbeit mit einbezogen hat. Ich habe eine 3D-Cinematographie, ohne dass die Zuschauer diese Brillen aufsetzen müssen.

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Jarre im Studio.

(Foto: Louis Hallonet)

Oh ja, ich hasse diese Brillen …

Ja, ich würde sogar mehr dafür bezahlen, einen Film in 2D sehen zu dürfen, damit ich ihn nicht mit Brille angucken muss! (lacht)

Es sind so viele Stücke auf deinem Album - war es nicht schwer, sich für die Tournee jetzt zu entscheiden, welche aufgeführt werden und welche nicht?

Gar nicht. Ich habe die ausgewählt, die möglichst einfach zu präsentieren sind, ohne die anderen Künstler. Das heißt natürlich nicht, dass wir vollkommen ohne Vocals auskommen müssen, ich habe ja Musiker und Musikerinnen, die auch singen können. (lacht) Und außerdem habe ich vor, alles immer wieder während der Tour ein wenig zu verändern. Ich muss mich ja auch wohlfühlen dabei. Und für Überraschungen werde ich auch immer wieder sorgen. Es wird experimentell!! Ach ja, und das 40. Jubiläum von "Oxygène" feiern wir auch auf der Bühne.

Es wird nicht langweilig. Ist es eigentlich noch möglich, dich irgendwie zu überraschen?

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Er hat noch viel vor!

Oh ja, ich lasse mich gerne überraschen. Ich bin so gerne in Deutschland, denn wir haben allein schon wegen der Musik so viel gemeinsam. Ich habe hier immer das Gefühl, dass ich besonders gut verstanden werde. Frankreich und Deutschland haben eine lange Geschichte, was Musik und auch Kultur angeht, und die fängt bei den alten Komponisten klassischer Musik an und geht über die Elektronische Musik bis heute. Uns geht es um die Melodie. Darüber haben wir letztes Mal schon gesprochen: elektronische Musik hat nichts mit Amerika zu tun, nichts mit Blues oder Jazz oder Pop, es begann in Deutschland und Frankreich. Deutsche Filme, Architektur wie Bauhaus und auch die Fotografie haben einen so großen Einfluss auf mich, deswegen ist es bei euch immer ganz besonders für mich.

Wäre Edward Snowden nicht dein Lieblingsgast bei einer deiner Shows? Er ist auf deinem Album vertreten mit einem Manifest, das er in dem Stück "Exit" vorträgt.

Es war sehr wichtig für mich, Edward zu treffen, als ich in Moskau war. Aufgrund seiner, sagen wir mal, sehr speziellen Situation habe ich ihn gefilmt und das können wir nun auf jedem Konzert zeigen. Das heißt, er ist tatsächlich der einzige von allen Künstlern auf "Electronica", der immer dabei sein wird!

Hast du noch eine offene Liste, mit wem du in Zukunft zusammenarbeiten möchtest?

Ja, und obwohl ich schon 30 Künstler auf den letzten Alben dabei hatte, sind immer noch welche übrig, die ich unbedingt an meiner Seite haben möchte. Meine Liste ist tatsächlich noch nicht fertig (lacht). Daft Punk, Chemical Brothers, Skrillex oder Kraftwerk fallen mir spontan ein. Vielleicht bin ich dann ja aber auch bei denen auf einem Album zu hören, das wäre ja auch eine Möglichkeit.

Was ist das Schönste am Touren und was das Schlimmste?

Das Schlimmste ist die Frustration darüber, dass ich es nie schaffe, länger in einer Stadt zu bleiben. Ich würde mir gerne alles angucken, mit Menschen sprechen, meine Freunde besuchen, aber das klappt während einer Tournee ja nicht. Aber ein bisschen was schaffe ich doch immer, denn ich muss einfach wissen, in welcher Stadt ich bin, verstehst du? Dann bin ich besser auf der Bühne. Und ich versuche auch, nicht immer dieselbe Show abzuliefern. Routine ist tödlich!

Reist du immer noch am liebsten mit dem Zug?

Oh ja, sehr gerne, aber ich nehme auch das Fahrrad, Motorrad, Auto, Flugzeug, um da hinzukommen, wo ich hinwill. Oder eine Rakete.

Mit Jean-Michel Jarre sprach Sabine Oelmann

Tourdaten:

16. Oktober Festhalle, Frankfurt
19. Oktober Barclaycard Arena, Hamburg
20. Oktober Mercedes Benz Arena, Berlin
22. Oktober Electri_City Conference @ ISS Dome, Düsseldorf
19. November Arena Nürnberg, Nürnberg
21. November Münsterlandhalle, Münster

Quelle: n-tv.de

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