Musik

Joy Denalane vom "Gleisdreieck" "Ich bin an mir selbst gescheitert"

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Die Soulsängerin ist nach sechs Jahren wieder da.

(Foto: Eva Baales / Universal Music)

Sie ist die Frau mit dem markanten Soul in der Stimme. Die Berliner Sängerin Joy Denalane ließ sich für ihr neues Album "Gleisdreieck" sechs Jahre Zeit. Viele Fragen hat sie sich gestellt, am Ende kann sie nicht alle beantworten - aber genau das macht für sie das neue Album aus. Bekannt wurde Joy Denalane mit der Band "Freundeskreis" und als Gesangspartnerin ihres späteren Mannes Max Herre. Mit n-tv.de spricht die 43-Jährige über Heimat, scheitern und singen in der U-Bahn.

n-tv.de: Das erste Album nach sechs Jahren Pause - wie fühlt sich das an?

Joy Denalane: Es fühlt sich ziemlich aufregend an. Ich habe sechs Jahre nicht in eigener Sache auf der Bühne gearbeitet, sondern war beschäftigt mit der Arbeit am Album. Oder ich habe mit Max für sein MTV Unplugged auf der Bühne gestanden. Dass es sich nun wieder auf mich fokussiert, ist aufregend.

Du hast dir bei diesem Album viel Zeit genommen - gab es da auch mal zwischendurch Schwierigkeiten oder Hänger?

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Scheitern und wieder aufstehen. Joy Denalane hat in den letzten Jahren viel an ihrer Musik gearbeitet.

(Foto: Eva Baales / Universal Music)

Ja, Schwierigkeiten hatte ich, weil ich nach dem letzten Album überlegt habe, wie das neue Album klingen könnte. Da hatte ich eine Idee entwickelt und diese in New York umgesetzt. Die Idee war, ein dynamisches, souliges, retroeskes Album im Stil von Ike und Tina Turner zu machen. Ich dachte, das reicht für ein Album. Aber dann habe ich doch nochmal die Reißleine gezogen, weil ich auf dem Weg dahin irgendwie das Gefühl entwickelt habe, ich bin nur einer einzigen Idee nachgegangen. Die aber nicht den Sound widerspiegelte, an dem mir etwas lag.

So eine Art Scheitern?

Das war kein schöner Moment, denn ich musste mir eingestehen, ich bin quasi an mir selbst gescheitert. Da ist mir Zeit verloren gegangen. Dann habe ich alles auf null gestellt und von vorne begonnen.

Im Prinzip hast du zwei Alben produziert, nur eines nicht veröffentlicht …

Ja, von der Anzahl der Songs sogar drei Alben.

Dein Album heißt "Gleisdreieck": Wie stark ist deine Beziehung zu diesem Ort?

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Das neue Album ist ab dem 3. März 2017 im Handel.

(Foto: Universal Music)

Das Gleisdreieck ist der Ort, an dem ich aufgewachsen bin. Dort habe ich meine Kindheit und Jugend verbracht - und wurde vorbereitet auf die Welt da draußen. Eines Morgens, als das Album schon fertig war, bin ich U-Bahn gefahren und am Gleisdreieck vorbeikommen. Dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich kann mich damit einfach identifizieren. Und abgesehen davon fand ich auch das Bild poetisch, weil es den Bahnhof beschreibt, an dem man aussteigt, umsteigt. Es ist ein Ort der Begegnung, der Verabschiedung, es ist eine Weggabelung. Das Gleisdreieck als Bild ist auch ein Bild für das Leben (lacht).

Wie hat sich dieser Ort so dargestellt?

Es gab dort jede Menge Kinder und es herrschte Vielfalt, denn die Eltern der Kinder kamen aus den unterschiedlichsten Ländern. Im Prinzip war es eine heterogene Gruppe, die miteinander auskommen musste. Das hat meinen Blick auf die Welt schon geprägt.

Flüchtlingskrise, Vorurteile und Rassismus - meinst du, du kannst mit deiner Kunst, mit deinen Liedern, für Toleranz und Vielfalt werben?

Mein Lied "Zuhause" ist schon ein Versuch, einen Dialog zu führen, da ich in diesem Song solche Erlebnisse verarbeite. Aber ich bin weder wütend noch schreibe ich anderen vor, was sie denken sollen. Ich habe Fragen ans Leben, an die Menschen und ich habe nicht die Lösung und keine Wut. Aber vielleicht macht es was mit den Menschen.


Wie schwer ist es, in den Songs so persönlich und auch autobiografisch zu sein?

Ich glaube, meine Stücke waren immer genauso ehrlich und teil-autobiografisch. Die Art und Weise, wie ich es singe - nicht so virtuos im Gesang, sondern lediglich die Melodie den Song tragen lassen - legt den Fokus dieses Mal mehr auf den Text. Und ich habe auch weniger Antworten aufs Leben im Vergleich zu den anderen Alben.

Vor Kurzem hast du eine Session in der U-Bahn gemacht, die man auch in den sozialen Netzwerken sehen konnte - wie ist es dazu gekommen?

Diese Idee ist aus dem Team heraus entstanden. Ich fand das auch sofort gut, denn Singen ist ja die Kernkompetenz. Für mich war es schon immer egal, wo ich gesungen habe, sobald ich mich in einem musikalischem Umfeld gefühlt habe. Ob es der kleinste Club der Welt ist oder die U-Bahn. Aber ich singe zum Beispiel nicht gerne auf Familienfeiern, da werde ich die Letzte sein, die irgendwas singt.

Und was passierte in der Bahn? (siehe Video)

Ich bin in der Warschauer Straße eingestiegen und musste auch am Gleisdreieck wieder raus - das hat sich natürlich super ergeben (lacht). Wir haben dann da ein paar Songs gesungen und ich muss ehrlich sagen, ich hätte im Leben nicht gedacht, dass es auf so eine Resonanz stößt. Ich war überwältigt. In meiner Welt saß ich in diesem Waggon mit überschaubar vielen Leuten und die Vorstellung, dass es sich so potenziert, das konnte ich mir in dem Moment gar nicht so vorstellen. Ich hatte jedenfalls Spaß.

Mit Joy Denalane sprach Sonja Gurris

Das Album "Gleisdreieck" bei Amazon bestellen und bei iTunes streamen.

Quelle: ntv.de