Musik

Neues Album von Reinhard Mey "Ich mach immer noch diese Lieder"

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Seit über 50 Jahren singt er seine Lieder: Reinhard Mey.

(Foto: Jim Rakete / Electrola / Universal Music)

Seit mehr als 50 Jahren zählt Reinhard Mey zu den führenden Liedermachern im deutschsprachigen Raum. Jetzt ist sein 28. Studioalbum erschienen - nach vier Jahren Wartezeit: "Das Haus an der Ampel".

"Und ich, nun, ich mach immer noch diese Lieder", konstatiert Reinhard Mey nonchalant auf seinem neuen Album. Es ist eine Zeile aus dem Lied "Das Haus an der Ampel", in dem er ein Gespräch mit seinen bereits vor Jahrzehnten verstorbenen Eltern imaginiert. Der 77-Jährige berichtet dem Vater und der Mutter von der aktuellen Familiensituation: was aus seinen drei Kindern geworden ist und was seine hinzugekommenen Enkel treiben. Die fantasierte Plauderei mit den Eltern ist letztlich eine geschickt inszenierte Story, mit der die Fans auf dem Laufenden gehalten werden. Vier Jahre haben sie auf Neuigkeiten aus dem Mey'schen Haushalt warten müssen. So lange liegt die Veröffentlichung des letzten Studioalbums zurück.

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Live sah man Mey zuletzt unter anderem beim von Frank Zander organisierten Weihnachtsfest für Obdachlose am 20. Dezember 2019.

(Foto: imago images/Photopress Müller)

"Das Haus an der Ampel" ist zugleich der Titelsong des neuen Longplayers. Und einmal mehr gilt, was für alle Mey-Platten seit seinen Anfängen in den 1960er-Jahren galt: Wem die vorherigen Tonträger des Berliners gefielen, der wird auch an dem nunmehr 28. Studioalbum seine Freude haben. Der Mann macht halt "immer noch diese Lieder", mit denen er sich ein teilweise seit Jahrzehnten loyales Publikum ersungen hat. Die üblicherweise guten Verkaufszahlen und vollen Konzerthäuser sprechen für sich.

Perlen jenseits der Endlosschleife

Dass auch die neuen Stücke vielfach sowohl thematisch als auch kompositorisch klingen wie schon tausendmal gehört, wird einen echten Fan nicht abschrecken. Im Gegenteil. "An meinen Bleistift", "Häng dein Herz nicht an einen Hund", "Glück ist, wenn du Freunde hast", "Ich liebe es, unter Menschen zu sein" und "Wiegenlied" - all diese Nummern reihen sich mühelos ein in Meys umfangreiches Gesamtwerk, dieses Sammelsurium von Alltagsbeobachtungen, Anekdoten, Einsichten, Reminiszenzen und Gefühlsduseleien. Textlich zwar meist durchaus pointiert und facettenreich, aber inhaltlich und musikalisch eben doch trivial und wohlfeil.

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Aufhorchen lässt das neue Album dagegen dort, wo Mey seine Endlosschleife der Banalitäten verlässt. Das Lied "Im Hotel zum ewigen Gang der Gezeiten" etwa ist ein echter Höhepunkt: Eine Gruppe alter Hotelgäste blickt der eigenen Vergänglichkeit ins Auge - eine mit düsterer Symbolik und mysteriösen Andeutungen gesponnene Reflexion. "Der Vater und das Kind" thematisiert einfühlsam den liebevollen Umgang eines Vaters mit seinem behinderten Nachwuchs, und "Gerhard und Frank" beleuchtet versiert eine langjährige schwule Partnerschaft, die tragisch mit der krankheitsbedingten Selbsttötung eines der beiden Männer endet.

Die 15 neuen Mey-Lieder werden um ein weiteres aus fremder Feder ergänzt: den Klassiker "Scarlet Ribbons" von 1949, den er gemeinsam mit Tochter Victoria-Luise interpretiert - ein passables Bonus-Duett in englischer Sprache, wenngleich es deplatziert wirkt.

"Album" und "Skizzenbuch"

Für die Produktion des Albums zeichnet einmal mehr Manfred Leuchter verantwortlich. Seine bedachten Arrangements ohne Brimborium geben Meys Texten Raum, verstärken die Atmosphäre, wo es sinnvoll ist. Vor diesem Hintergrund erscheint es unnötig, dass der CD (dem "Album") eine weitere CD (das "Skizzenbuch") beigefügt ist, die dieselben Lieder enthält, diesmal jedoch von Mey im Studio ohne weitere Musiker aufgenommen - also so, wie er seine Lieder auch in seinen Konzerten präsentiert. In der Tat ist diesmal keine Tournee angekündigt. Wer mag, kann das "Skizzenbuch" also als Ersatz betrachten. Oder einfach ignorieren.

Neben dem Doppelalbum gibt es "Das Haus an der Ampel" auch als limitierte Edition (Doppelalbum mit umfangreicher Bilderchronik).

Quelle: ntv.de