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AC/DC lassen nicht locker Je oller, desto doller

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Man hat sogar das Gefühl, als wären AC/DC noch einmal inniger und intensiver mit ihren Trademarks verschmolzen.

(Foto: Josh Cheuse)

Es soll ja Leute geben, die meinen, mit zunehmendem Alter würde die Spannkraft nachlassen. AC/DC beweisen das Gegenteil. Mit ihrem neuen Studioalbum "Power Up" zeigen die alten Herren, dass man auch im Spätherbst des Lebens noch zu Höchstleistungen imstande sein kann.

Der November ist ein trister Monat. Nur wenige Menschen können sich für den nasskalten Charme einer Zeit begeistern, in der es eigentlich nur darum geht, eine halbwegs erträgliche Brücke zwischen dem letzten wärmenden Sonnenstrahl und den ersten Vorweihnachtsbesorgungen zu schlagen. In diesem Jahr tritt das gemobbte Kalender-Stiefkind aber mit stolzgeschwellter Brust ins Licht.

Erst das Ende vom Trump'schen Wahnsinn, dann der erfreuliche Blick in die Covid-19-Impfstoffkristallkugel, und nun auch noch eine neues AC/DC-Album: Da soll nochmal einer behaupten, aus einem verzagten Allerwertesten könne kein fröhlicher Furz kommen.

Für Millionen Hardrock-Fans auf der ganzen Welt stellt das letztgenannte "Geschenk" natürlich alles andere in den Schatten - zumindest für die Dauer von 41 Minuten. Denn genauso lang dreht sich der neueste Streich aus dem Hause Young und Co. im heimischen CD-Player.

Auf Trademark-Soundpfad in Richtung Rocker-Rente

Eine knappe Dreiviertelstunde handgemachte Fünf-Akkorde-Kunst für junggebliebene Altsemester, die sich gegen neumodischen Klangfirlefanz wehren wie einst zwei mutige Gallier gegen eine Übermacht aus Rom: Das kennt man bereits aus den Jahren 2014 ("Rock Or Bust"), 2008 ("Black Ice"), 2000 ("Stiff Upper Lip") ... Ja, man könnte das Zeitrad zurückdrehen bis zum Jahr 1980 - das Jahr, in dem Brian Johnson das Zepter des verstorbenen Bon Scott übernahm. Seither spazieren der rotzig näselnde Brian und seine Kumpels auf ein und demselben Soundpfad in Richtung Rocker-Rente.

Spätestens heute an jenem fröstelnden Novembertag des Jahres 2020 werden wohl auch die letzten Wünsch-dir-was-Propheten einsehen, dass sich die Marschroute der Rocklegenden aus Down Under nicht mehr ändern wird.

Trotz einiger schwerer Schicksalsschläge (im Herbst 2017 verstarben kurz nacheinander die beiden Young-Brüder George und Malcom) und dem zwischenzeitlichen Abschied von Frontmann Brian Johnson (dem Sänger drohte während der letzten Tournee der totale Hörverlust) lassen AC/DC nicht locker. Im Gegenteil: Man hat sogar das Gefühl, als wären die Band-Mitglieder Angus Young, Brian Johnson, Cliff Williams, Phil Rudd und Stevie Young noch einmal inniger mit intensiver mit ihren Trademarks verschmolzen.

So energiegeladen und frisch wie vor zwanzig Jahren

Der stoisch trockene Beat von Kesseltreiber Phil Rudd, die sich duellierenden Riffs und Licks der beiden Blutsverwandten Angus und Stevie Young, die pumpenden Basslines von Rhythmusdoktor Cliff Williams und das immer noch das komplette Rotzspektrum abdeckende Organ von Ballonmützen-Fan Brian Johnson: Die fundamentalen AC/DC-Stärken markieren auf "Power Up" die Eckpfeiler für ein musikalisches Konstrukt, das sich zum letzten Mal vor zwanzig Jahren ("Stiff Upper Lip") so energiegeladen und frisch präsentierte.

Zwei satte Beckenschläge, torpediert von verzerrten SG-Klängen, machen den Anfang. Keine vier Minuten später bewirbt sich bereits der erste Song für einen Platz auf der kommenden Live-Setlist („Rejection“). Wie kleine Kinder im kunterbunten Bällebad steigern sich die fünf betagten Herren in einen Spielrausch, der eingefleischten Anhängern im Minutentakt den Puls weiter nach oben treibt.

Der perfekte Brückenschlag zwischen Harmonie und Rotz

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"Demon Fire" rattert auf der Überholspur in Richtung Magengrube. "Money Shot" schält sich erst verhalten, dann aber umso wuchtiger aus den Boxen. Und dann kommt die Band auch noch mit einem kleinen "You Shook Me All Night Long"-Brüderchen um die Ecke. "Through The Mists Of Time" ist ein Ohrwurm und der perfekte Brückenschlag zwischen Harmonie und Rotz.

Im 47. Band-Jahr (!) tanzen AC/DC noch einmal auf den Tischen - und das, wie erwähnt, trotz eines schweren emotionalen Rucksacks auf den Schultern. Mit viel Leidenschaft und Energie erklimmen die Hardrock-Götter ein weiteres Mal den Branchenthron. In diesem Sinne: Pommesgabel in die Luft und "Power Up" dafür!

Quelle: ntv.de