Musik

"Das ist doch der Metallica-Typ" Kirk Hammett über Alk, Schlager und S&M

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Aus der Metallica-Nummer kommt er nicht raus: Kirk Hammett.

(Foto: imago images / Pacific Press Agency)

Mit "S&M2" wagen sich Metallica ein zweites Mal an den Brückenschlag zwischen Rock und Klassik. Gitarrist Kirk Hammett spricht mit ntv.de über diese Herausforderung, aber auch über das Bandleben in der Corona-Zeit, Sänger James Hetfields Entzug und sein unausweichliches Schicksal.

ntv.de: Rund 20 Jahre nach den ersten Shows und Aufnahmen mit dem Orchester San Francisco Symphony habt ihr euch nun mit "S&M2" ein zweites Mal dieser Zusammenarbeit gestellt. Hättest du dir vor 20 Jahren vorstellen können, dass du dich nochmal auf diese Herausforderung einlässt?

Kirk Hammett: Nein! Erst als uns vor ein paar Jahren bewusst wurde, dass der Jahrestag irgendwann bevorstehen würde, haben wir angefangen, darüber zu sprechen. Aber wir haben da zunächst nicht wirklich viel Energie hineingesteckt. Konkret wurde es erst, als es um die Eröffnung des Chase Centers (2019 eröffnete Multifunktionsarena in San Francisco, Anm. d. Red.) ging und die verantwortlichen Leute auf uns zukamen. Sie fragten uns, ob wir nicht Teil der Eröffnungsfeiern mit einigen Shows sein wollten. Wir sagten sofort Ja. Dann entstand die Idee zu einer Neuauflage von "S&M". So kam das zustande.

Natürlich habt ihr im Rahmen dieser Shows viele Klassiker wie "Enter Sandman", "One" oder "Master of Puppets" gespielt. Aber es kamen auch neuere Songs von den Alben "St. Anger", "Death Magnetic" und "Hardwired ... to Self-Destruct" hinzu. Wie habt ihr die Auswahl getroffen?

Das ist uns nicht allzu schwer gefallen. Es ist klar, dass Songs, die langsamer sind oder nur ein mittleres Tempo haben, für das Orchester geeigneter sind. Sie lassen dem Orchester mehr Raum zur Entfaltung. Das im Hinterkopf haben wir uns zum Beispiel für einen Song wie "All Within My Hands" in seiner Akustikversion entschieden. Oder für Songs wie "The Day That Never Comes" und "Halo On Fire". Diese beiden Songs waren meiner Ansicht nach ideal für eine Umsetzung mit dem Orchester.

Die Shows, bei denen die Aufnahmen zu "S&M2" entstanden, fanden bereits im September 2019 statt - vor der Corona-Krise. Ein glücklicher Umstand, denn jetzt wäre das gar nicht durchführbar gewesen ...

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Anlässlich der Eröffnung des Chase Centers in San Francisco spielten Metallica zwei neue "S&M"-Shows.

(Foto: Brett Muray / Universal Music)

Nein, nichts davon wäre derzeit möglich. Leider. Ein Orchester während der Corona-Zeit? Man könnte eventuell die Geiger und einen Sänger zusammen auf die Bühne stellen. Sie kämen vielleicht auch mit Abstand noch miteinander klar. (lacht)

Wie bist du persönlich mit der Corona-Krise in den vergangenen Wochen und Monaten umgegangen? Warst du viel zu Hause und hast Social Distancing betrieben?

Hey, ich betreibe schon mein ganzes Leben Social Distancing! (lacht) Für mich hat sich also nicht viel geändert. Ich bin eine schüchterne Person. Ich fasse auch sonst keine Türklinken an und drücke keine Aufzugknöpfe. Das handhabe ich schon eine sehr lange Zeit so. Auch als Musiker macht mir das nicht viel aus. Die meisten Musiker arbeiten und proben zu Hause. Der größte Unterschied für mich ist, eine Maske zu tragen und darauf zu achten, dass zwischen mir und anderen Menschen genug Raum ist. Ich respektiere die Bemühungen, dieses Virus loszuwerden, voll und ganz und unterstütze sie, so gut es geht.

Trotzdem hattest du wahrscheinlich auch viel freie Zeit, mit der du eigentlich nicht gerechnet hattest ...

Ja, und ich habe sie auch genutzt. Zum Beispiel, um durch alle meine musikalischen Ideen zu gehen. Ich habe über 600 musikalische Ideen, die ich durchgegangen bin. Das hat ein paar Monate gedauert. Zudem habe ich an einem Instrumental-Stück mit Edwin Outwater, dem musikalischen Direktor der "S&M2"-Shows, gearbeitet. Ich hoffe, dass ich all das bald der Band vorstellen und mit ihr besprechen kann.

Dein Metallica-Kollege Rob Trujillo hat in einem Interview gesagt, er hätte in der Corona-Krise einige Dinge ganz neu gelernt. Kochen zum Beispiel. Gibt es bei dir auch etwas, dass du dir neu beigebracht hast?

Kochen jedenfalls nicht. Ich kann kochen! Und backen. Ich koche vegetarisches und veganes Essen - so sieht es aus. Und sonst? Ich habe während der Corona-Krise das Fernsehen für mich wiederentdeckt, nachdem ich lange keinen Kabelanschluss mehr hatte. Und seither habe ich leider ein Faible für trashige Reality-Shows entwickelt. Ich gebe es nicht gerne zu, aber so ist es.

Ihr habt als Band auch eine ganze Stange Geld an hilfsbedürftige Menschen in der Corona-Krise gespendet ...

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Gibt es sie auch in 20 Jahren noch?

(Foto: Anton Corbijn / Universal Music)

Ja, denn viele Menschen brauchen gerade Hilfe. Und wir sind in einer Situation, in der wir helfen können. Mir macht das nichts aus und ich versuche, so gut zu helfen, wie ich es kann. Das ist vielleicht auch einer der Gründe, weshalb ich es liebe, Musiker zu sein - weil auch das anderen Menschen hilft. Ich glaube wirklich daran, dass wir nur hier sind, um uns gegenseitig zu unterstützen. Und ich versuche, so effektiv und adäquat wie möglich meinen Teil dazu beizutragen.

Zurück zu "S&M2". Beim ersten Album hat Michael Kamen als Dirigent der San Francisco Symphony eine wichtige Rolle gespielt. Er starb 2003. Hat es einen großen Unterschied gemacht, dass er diesmal nicht dabei war?

Seine Energie hat auf jeden Fall gefehlt. Er hatte eine bestimmte Energie, für die er als Rock'n'Roll-Dirigent bekannt war (Kamen arbeitete mit diversen Rock- und Pop-Größen wie etwa Pink Floyd, Queen oder David Bowie zusammen, Anm. d. Red.). Er hat wirklich Brücken zwischen Rock und klassischer Musik geschlagen. Das ganze "S&M"-Projekt geht auch auf ihn zurück. Er hatte die Idee und kam damit auf uns zu. Von daher könnte man auch sagen, das neue Album ist eine Art stiller Tribut an Michael Kamen. Die Anerkennung und Dankbarkeit für das, was er zu dem Projekt beigetragen hat, schwingt jedenfalls noch immer mit.

Während der "S&M2"-Shows wurde noch einer weiteren Person, die nicht mehr unter uns weilt, Tribut gezollt - eurem früheren Bassisten Cliff Burton, der bei einem Tourbus-Unfall 1986 starb. Er scheint im Kosmos von Metallica noch immer omnipräsent zu sein ...

Absolut. Cliff Burton wird immer ein Teil von Metallica sein. Wie könnte es auch anders sein? Vom ersten Tag an, an dem er bei Metallica spielte, hat er musikalische Statements hinterlassen. Sei es "Anasthesia" oder das Intro zu "Damage, Inc" - das hat er erschaffen. Und er hat mit seinem Bassspiel den Nagel damals einfach auf den Kopf getroffen. Er kam mit einem akustischen Standard-Bass an und traf auf ihm jeden Ton. Nicht nur mich hat das weggeblasen. Lass es uns kurz machen: Er hat einfach eine wichtige Rolle für Metallica gespielt - viel wichtiger, als wir alle vielleicht ursprünglich gedacht hätten.

Wegen der Corona-Krise wurden in diesem Jahr viele Konzerte abgesagt. Ihr habt allerdings mehrere Shows auch ganz unabhängig davon gecancelt - wegen des erneuten Alkoholentzugs eures Sängers James Hetfield. Wie geht es ihm aktuell?

Ich treffe ihn in ein paar Stunden. Von daher könnte ich dir dann wahrscheinlich mehr darüber sagen. Aber wir halten einmal die Woche ein virtuelles Treffen ab, um in Kontakt zu bleiben und uns auf dem Laufenden zu halten. Wir funktionieren also in gewisser Weise. James ist dabei, sich aus seiner Situation herauszuarbeiten. Wir können eigentlich nur versuchen, ihn dabei zu unterstützen.

James Hetfield spricht in der Regel sehr offen über seine Alkoholprobleme. Ich könnte mir vorstellen, dass sie mehr als nur einmal auch die Existenz von Metallica bedroht haben. Wie ist das heute - droht die Band noch immer irgendwann daran zu scheitern oder gibt es euch auch in weiteren 20 Jahren noch?

Ich weiß es nicht. Wir haben bis hierhin auf jeden Fall schon so viel überstanden und sind zu Brüdern geworden. Wir lieben einander, auch wenn wir uns gelegentlich ebenso hassen. (lacht) Aber so ist es nun mal unter Brüdern. Man muss erkennen, dass wir für den Rest unseres Lebens aneinander gebunden sind. Wie sollte es anders sein? Okay, ich könnte irgendwann sagen, ich steige bei Metallica aus. Und dann? Jeder würde mich anschauen und sagen: "Hey, das ist doch der Metallica-Typ." Ich könnte also die Band physisch verlassen, aber emotional, symbolisch, mental würde man mich sowieso nicht gehen lassen. Was würde das bringen?

Nichts vermutlich ...

Eben. Warum also kämpfen? Das beschreibt auch mein Verhältnis zum Ruhm. Ich mag keinen Ruhm! (lacht) Ich mag es, mich mit meiner Gitarre in mein Zimmer zu verkriechen und mit meiner Familie abzuhängen. Ich mag es auch, dass Leute unsere Musik lieben und zu unseren Shows kommen. Aber ich mag keinen Ruhm! Wir sind doch auch nur wie alle anderen. Wir machen genauso menschliche Fehler und treffen falsche Entscheidungen. Der Unterschied ist nur: Wenn wir Fehler machen oder schlechte Entscheidungen treffen, kriegen das viele Menschen mit. Und das ist nicht so cool ...

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Da würde ich dich gern auf eine Sache ansprechen: Vor zwei Jahren habt ihr tatsächlich einen Whiskey namens "Blackened" in euer Merchandise-Sortiment von Metallica aufgenommen. Angesichts von James Hetfields Alkoholproblemen hat mich das, ehrlich gesagt, erstaunt ...

Für mich hat das eine mit dem anderen nichts zu tun. In den USA sprechen wir derzeit viel über "falsche Äquivalente", weil Politiker aus Einzelfällen falsche Rückschlüsse für große Gruppen von Menschen ziehen. Für mich ist es hier das Gleiche - man kann die beiden Dinge nicht miteinander vergleichen. James' Kampf darum, trocken zu werden, ist mental und emotional eine komplett persönliche Angelegenheit. Dass wir Alkohol produzieren, abfüllen und verkaufen, ist davon total unabhängig. Es ist jedermanns völlig eigene Entscheidung, ob er trinkt oder nicht. Und ich glaube, ich darf verkaufen, was ich möchte. Wäre ich Diabetiker, würde das doch auch nicht bedeuten, dass ich keine Süßigkeiten verkaufen darf. Aber Danke für diese Frage! Das wollte ich schon immer mal klarstellen, wurde aber noch nie danach gefragt. Jetzt kann es jeder ein für alle Mal nachlesen.

Wir können zum Abschluss über keine Metallica-Konzerte in der Zukunft sprechen, weil wir nicht wissen, wann diese wieder möglich sein werden. Aber wir können noch einmal über Shows aus der Vergangenheit reden. Vergangenes Jahr habt ihr mehrere Konzerte in Deutschland gegeben - und in jeder Stadt einen für sie typischen deutschen Song gespielt. In Berlin zum Beispiel ein Lied von Rammstein, in Köln "Viva Colonia". Wie kam es dazu?

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Rob ist wirklich gut darin, sich mit der Musikkultur in jedem Land und in jeder Stadt auseinanderzusetzen. Aber wir fragen auch Freunde, erkundigen uns bei der Plattenfirma und halten unsere Ohren gespitzt, was am besten in der jeweiligen Stadt passen würde. Aber ich kann dir sagen: Ich hatte bislang keine Ahnung vom Genre, das ihr "Schlager" nennt. (lacht) Aber als Rob und ich anfingen, uns durch verschiedene Sachen durchzuhören, hatten wir einen Heidenspaß. Das war so lustig! Ich glaube, wenn man ein bisschen was getrunken oder geraucht hat, ist das der größte Spaß. "Viva Colonia" etwa war ein ziemlich interessanter Song. Und als wir ihn gespielt haben, sind die Leute ausgerastet. Das war großartig.

Mit Kirk Hammett sprach Volker Probst

Quelle: ntv.de