Musik

Mal Rotzgöre, mal Helene Fischer Leslie Clio wird zur "Brave New Woman"

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Der lebende Beweis dafür, dass man alles sein und alles machen kann: Leslie Clio.

(Foto: Sarah Köster / ‎Sony Music / House of Clio)

Sie mache Soul-Pop, heißt es, als der Hype um Leslie Clio 2013 beginnt. Doch längst ist diese Schublade viel zu eng für sie - auch auf ihrem neuen Album "Brave New Woman", das nun erscheint. Mit ntv.de spricht sie über Frauen-Power, Schlager und die ewige Pippi Langstrumpf in ihr.

ntv.de: Als du vor neun Jahren dein Debüt-Album "Gladys" veröffentlicht hast, haben wir bei ntv.de geschrieben: "'Keine Sau' würde sie kennen, meint Leslie Clio. Das sollte sich aber mal flugs ändern." Und? Hat es sich verändert?

Leslie Clio: Das hat sich natürlich verändert - schon kurz nach "Gladys". Aber mich halten jetzt nicht alle auf der Straße an und wollen Autogramme. So ist es nicht. Ich hänge in meinem Leben aber auch nicht von dem Gedanken ab: "Oh, ich bin berühmt." Das ist nicht, was mich beim Aufstehen umtreibt. Trotzdem bin ich immer wieder auch positiv überrascht, wenn ich dann doch mal erkannt werde - beim Essen oder irgendwo außerhalb von Berlin. Ich sollte mich also schon immer benehmen. (lacht)

Es gibt Musikerinnen und Musiker, die durchaus einen narzisstischen Hang haben. Und die, die zumindest behaupten, es gehe ihnen nur um ihre Kunst und sie könnten auf die ganzen Begleiterscheinungen der Popularität gut und gerne verzichten. Welcher Typ bist du?

Ich habe definitiv keine narzisstischen Motive. Mir geht es nur darum, Musik zu machen. Es gibt nur wenige auserkorene Menschen, die die Muse küsst und denen kreative Ideen geschenkt werden. Ich halte Ideen für übernatürlich. Ich glaube, der Himmel sucht sich jemanden, dem er sie schickt - und entweder nimmst du sie an oder nicht. Dass mich diese Ideen immer wieder besucht haben, ist der einzige Grund, weshalb ich das zu meinem Beruf gemacht habe. Ich sehe es einfach als meine Aufgabe, sie zu Papier zu bringen.

Und das klappt offenbar ganz gut. Neun Jahre nach "Gladys" bist du immer noch da. Das schaffen nicht alle in dem Geschäft …

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"Ich halte Ideen für übernatürlich."

(Foto: Sarah Köster / ‎Sony Music / House of Clio)

Das habe ich über die Jahre auch gemerkt. Ein Stück weit bin ich stolz darauf, dass ich das sehr früh erkannt habe. Mir war rasch klar: Ich werde nie Gefahr laufen, Kreativität mit Kommerzialität oder der Karriere zu verwechseln. Ich weiß, dass der ganze Hype, der um mich gemacht wird, und all das, was mir in die Wiege gelegt wird, irgendwann auch mal wieder weg sein wird. Ich hatte Glück an der Stelle und habe die richtigen Menschen im richtigen Kontext kennengelernt. Das trägt mich bis heute.

Bei "Gladys" haben dich noch viele im Soul-Bereich verortet. Auch du selbst hast deine Musik damals als Soul-Pop charakterisiert. Inzwischen hat sich dein Spektrum aber stark erweitert. Wo siehst du dich heute musikalisch?

Ich glaube, ich gebe es auf, das zu definieren. (lacht) Für das erste Album fand ich Soul-Pop einen ganz cleveren Begriff. Aber schon auf dem zweiten Album habe ich mich natürlich komplett davon abgewendet. Das dritte Album war dann total Indie. Und was es jetzt ist, weiß ich eigentlich gar nicht so richtig. Dafür bin ich noch zu frisch an dem Album dran. Ich mache einfach gar keinen Stempel mehr drauf. Am Ende bin ich es - und jedes Album ist Ausdruck dessen, wo ich gerade im Leben stehe und wohin mich die Ideen getragen haben.

Mit "Ich flieg' los" hast du einen Song zu einer aktuellen Disney-Kampagne beigesteuert. Er basiert auf einer englischen Vorlage von Brandy, ist aber fast schon schlageresque …

Total! Als ich das Video gedreht habe, habe ich die ganze Zeit gedacht: Ich spiele heute Helene Fischer! (lacht) Das war meine Rolle des Tages. Es ist ein schmaler Grat. Deshalb habe ich mich auch noch nie so richtig an Deutsch rangetraut. Ich finde selbst Mark Forster total schlageresque. Aber es gibt ja auch coolen Schlager. Die Originalsachen von Marianne Rosenberg aus den 70ern mit Orchester zum Beispiel sind richtig gut.

Trifft auf dich das alte Mädchen-Klischee vom Traum, Prinzessin zu sein, zu?

Nein. Aber das ist tatsächlich auch nicht das, was Disney heutzutage noch propagiert. Davon handelt ja auch das Lied "Ich flieg' los" selbst - nach dem Motto: Ich lasse mich von gar nichts aufhalten und bin die Letzte, die im Turm auf einen Prinzen wartet. Es geht eigentlich in den ganzen Filmen der letzten Jahre schon darum, dass du alles sein und machen kannst.

Als Kid Clio hast du im vergangenen Jahr ein Album für Kinder gemacht ...

Ja, da ging es mir nicht zuletzt auch genau darum, mir selbst zu beweisen, dass ich auch Deutsch texten und ein deutsches Album machen kann, ohne dass es schlageresque wird.

Für den Sampler "Giraffenaffen 3" hattest du schon 2014 das Lied "Anne Kaffeekanne" eingesungen. Wie bist du auf die Idee gekommen, jetzt ein komplettes Kinder-Album zu machen?

Die Idee ist genau aus "Anne Kaffeekanne" heraus entstanden. Der Song ist sehr weit gereist und hat sehr viel Zuspruch erfahren. Ich dachte mir: Wenn das die Kinder so glücklich macht, probier ich es doch mal. Dann habe ich bereits in meiner ersten Session dafür "Heute bin ich faul" geschrieben. So ging es ganz schnell. Es gibt ein Helge-Schneider-Zitat, das ich in jedem Interview droppe, weil es einfach so wahr ist.

Ich bin gespannt ...

Er wurde sinngemäß mal gefragt: "Was war denn wichtiger für Sie - das Buch oder der Film?" Und er sagte: "Das eine hat sehr viel Arbeit und Geld gekostet. Das andere war dagegen eine Schnapsidee, hat aber in fünf Minuten abgehoben." Beides sagt nichts über den Wert für einen selbst oder aber andere aus. Genau so ist das bei kreativen Sachen. Das Kinder-Album etwa ist sehr schnell entstanden. Das ist einfach rausgeschossen, ich glaube, in gerade mal zwei Wochen.

Viele Musiker und Musikerinnen werden zu so einer Arbeit inspiriert, weil sie selbst Kinder haben. Nena zum Beispiel oder Peter Maffay. Das war aber nicht dein Antrieb ...

Nein, ich habe keine Kinder. Ich bin die ewige Pippi Langstrumpf von nebenan. Das war mir aber auch wichtig. Ich habe keinen pädagogischen Ansatz verfolgt. Ich war als Kind schon eine Rotzgöre - und bin es ein Stück weit immer noch. Ich mache da Rotzgören-Musik auf Augenhöhe.

Mit "Brave New Woman" erscheint nun aber wieder ein neues "reguläres" Album von dir. Auch wenn du ihm keinen Stempel verpassen willst - wie würdest du deine Entwicklung auf dem Album beschreiben?

Ich würde es so sagen: Dieses Album habe ich für mich gemacht. Für mich als Künstlerin. Nach diesem Album hat keiner gefragt. Keiner hat darauf gewartet oder dafür Geld auf den Tisch gelegt. Der Grund, weshalb es das gibt, bin ich. Ich habe gesagt: Ich habe die Vision, ich warte auf niemanden mehr, ich höre auf meinen inneren Kompass, ich setze auf mich selbst und auf das, was ich kann.

Das passt zum Titel "Brave New Woman" ...

Ja, denn auch thematisch geht es nicht mehr um irgendwelche Liebeskummer-Geschichten oder Kämpfe der Marke "Warum liebt er mich nicht?". Es geht einfach um die Frau, die ich bin, und darum, zu sich selbst zu stehen, an sich selbst festzuhalten und sich selbst zu empowern. Das zieht sich eigentlich durch alle Songs auf dem Album.

Ist das auch der Grund, weshalb das Album nicht mehr so düster wie der Vorgänger "Purple" klingt?

Stimmt, "Purple" war extrem düster. Da war der Song "Darkness Is A Filler" der Aufhänger. Das war auch eine Zeitaufnahme nach dem zweiten Album und dem Hype. Da hatte mich das Majorlabel gerade gedroppt und alles lag brach. Ich war komplett leer und brauchte mal wieder einen Perspektivwechsel. Ich bin nach Hawaii ausgewandert und habe all das mal zugelassen: Dunkelheit, Schwäche und Grauzonen, die einfach auch zur Gefühlspalette des Menschen gehören. Das alles steckte auf "Purple". Aber nachdem ich das abgeschlossen hatte, war mir klar: Das war es auch damit. (lacht) Seitdem schwimme ich wieder oben.

In den letzten zwei Jahren kam man nie darum herum, mit Musikerinnen und Musikern auch über die Corona-Situation zu sprechen. Wie sehr hast du darunter gelitten?

Mich hat es eigentlich erstmal gar nicht belastet. Ich war gerade im Schreibprozess und dachte nur: Na gut, dann fahre ich die kommenden Wochen halt mal nicht los und spiele Konzerte, sondern nutze die Zeit fürs Album. Mich hat es deshalb eher auf der menschlichen Ebene erwischt. Wie viele andere habe ich mich zum Beispiel gefragt: Wann war ich das letzte Mal mit Kollegen zusammengesessen? Wann war ich das letzte Mal auf einer Veranstaltung? So richtig ist aber auch das erst in jüngster Zeit bei mir angekommen. Ich kann lange ohne Menschen. (lacht) Jetzt setzt es mir aber allmählich auch zu.

Mit "Love Is A Shield" befindet sich auf dem Album auch eine Coverversion eines alten Camouflage-Hits aus den 80ern ...

Ja! Sie haben es auch reposted und geliked.

Wie bist du auf diesen Song gekommen?

Ich hatte 2019 nach meiner Teilnahme an "Sing meinen Song" ein Coveralbum aufgenommen. Am Ende wurde daraus aber nur eine EP. Ich dachte mir: Den Song halte ich mal zurück. Für das Album jetzt hat er gepasst. Auch dieser Song ist keine Krawall-Nummer, sondern hat etwas Versöhnliches, das das Gegenüber mit einbezieht. Das hat sich thematisch gut eingefügt.

Die Thematik des Albums passt auch gut zu dem, was sich hinter den Kulissen bei dir abgespielt hat: Du hast ein eigenes Label gegründet, ein komplettes Frauen-Team um dich herum aufgebaut und den patriarchalen Strukturen im Musikgeschäft den Kampf angesagt ...

Absolut. Wir haben ein extrem von Männern dominiertes Business. Frauen sind total unterrepräsentiert und weit weg von einer Gleichberechtigung. Der einzige Weg da raus ist, Frauen einzustellen. Das ist eigentlich relativ einfach. (lacht) Nun war ich das erste Mal in der Position, ein Team zu gründen und Leute zu engagieren. Da habe ich das so gemacht, nicht weil ich Männer nicht mögen oder glauben würde, dass man mit Frauen besser arbeiten kann. Ich habe es einfach als Chance gesehen, ein Zeichen für das zu setzen, was man sonst immer bemängelt.

Deine Kinder-Songs haben wir schon angesprochen. "Sing meinen Song" ebenfalls. Auch bei "Night of the Proms" hast du mitgewirkt. Magst du Herausforderungen?

Klar! Es geht doch im Leben immer um die Neugier und darum, über sich selbst hinauszuwachsen und schlauer zu werden. Das ist mein größter Motivator. Mal gucken, was noch kommt.

Auch der deutschen Jury zum Eurovision Song Contest (ESC) hast du schon mal angehört. Könntest du dir vorstellen, selbst bei dem Wettbewerb mitzumachen?

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Das hat sich bisher nicht ergeben, aber ich sage niemals nie. Ach doch, das würde ich auf jeden Fall machen. Allerdings nicht mit der Ambition, jetzt so Lena-mäßig für Deutschland gewinnen zu müssen. Ich müsste schon albern sein dürfen. (lacht)

Der deutsche ESC-Vorentscheid findet demnächst statt. Gerade hinter uns liegt der "Veganuary", für den du als Veganerin auch geworben hast. Wie lange lebst du schon vegan?

Fleisch esse ich seit fast 15 Jahren nicht mehr. Vegan bin ich seit rund zehn Jahren. Ich würde mich allerdings als Dreiviertel-Veganerin bezeichnen, damit es nicht so dogmatisch klingt. Am Ende bin ich aber wahrscheinlich trotzdem total vegan. (lacht)

Für PETA hast du dich sogar ausgezogen. Bist du missionarisch unterwegs?

Mittlerweile ja. Das ist wie mit allem: Je länger du dabei bist, umso mehr musst du dein Wissen weitergeben. Sonst bringt es nichts. Es gibt aber immer noch viele Menschen, die nicht wissen, wo die Milch herkommt und was der richtige Preis für sie wäre. Und ich finde, das ist falsch. Im Jahr 2022, in Zeiten der Klimakrise und Pandemien musst du das wissen.

Ende März willst du auf Tour gehen - sieben Shows sind geplant. Wie sicher bist du, dass das klappt?

So gar nicht! Ich bin die Letzte, die das in der Hand hat. Ich kann die Tour nur vorbereiten. Das mache ich. Ich habe mir schon mal Gedanken über die Songs, ihre Reihenfolge und die Beleuchtung gemacht. Noch bin ich guter Dinge. Drück mir die Daumen!

Mit Leslie Clio sprach Volker Probst

Leslie Clio geht ab Ende März auf Tour: Leipzig (30. März), Stuttgart (31. März), München (1. April), Berlin (3. April), Hamburg (4. April), Köln (5. April), Mainz (6. April)

Quelle: ntv.de

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