Musik

"Wir verstehen uns" Lou Doillon: sanft, weiblich, rockig

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Lou Doillon - rockig, poetisch, französisch.

(Foto: imago images / Landmark Media)

Lou Doillons Album "Places" war 2013 eine Art Offenbarung für die Interviewerin, die sich das gute Stück eine Zeit lang mehrmals täglich anhörte und ihre Kinder damit in den Wahnsinn trieb. Haften geblieben sind eine dauerhafte Anbetung der wunderbaren Französin (Stimme, Musik, Aussehen, Duft, l'art de vivre) und Kinder mit einem hervorragenden Musikgeschmack. Grund genug, über das 2019er Album "Soliloquy" zu sprechen. "Soliloquy" bedeutet so viel wie "zu sich selbst sprechen", also Monolog, und vielleicht ist das ja der Schlüssel zum Glück: Wenn man sich mit sich selbst erst einmal schön ausgesprochen hat, dann hat man auch anderen etwas zu sagen. Lou, die Tochter von Jane Birkin und Jaques Doillon, die Halbschwester von Charlotte Gainsbourg und der leider bereits verstorbenen Kate Berry, ist eine geradezu göttliche Erscheinung: Hut, wallender Mantel und diese Aura, die verdammterweise nur Französinnen haben. Keine Yves-Saint-Laurent-Handtasche, kein Givenchy-Parfüm, kein lässig geschnittener Pony vermögen das an einer anderen Frau auszustrahlen, was dieser lässigen Französin mit den britischen Wurzeln anscheinend mühelos gelingt.

n-tv.de: Das letzte Mal haben wir uns vor sechs oder sieben Jahren gesehen - da kam dein Album "Places" heraus und seitdem liebe ich es und höre es immer wieder. Ich hatte die CD zwischenzeitlich verloren, doch vor Kurzem wiedergefunden. Und dann kam dieses Jahr auch noch etwas Neues von dir - wie Weihnachten und Ostern zusammen also ...

Lou Doillon: (lacht) Ja, das ist super, in der Zwischenzeit ist viel passiert, bei mir und sicher auch bei dir.

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Mit Hut - naturellement.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Das stimmt allerdings. Hat sich in Sachen "Frausein" eigentlich auch etwas verändert in den letzten Jahren? Ich habe so das Gefühl.

Erst einmal muss ich sagen, dass ich sehr gerne eine Frau bin, und zwar jeden Tag (lacht). Aber es stimmt, die Zeiten haben sich, sogar in der kurzen Spanne dieser letzten sechs Jahre sehr geändert. Frauen nehmen wirklich nichts mehr einfach so hin, sie wollen etwas bewirken, sie wollen vor allem nicht mehr unterdrückt werden und am besten: den Männern gleichgestellt sein. In vielerlei Hinsicht, aber vor allem beim Thema Geldverdienen. Besonders wichtig sind die Veränderungen für junge Frauen und Mädchen, denn sie haben die Möglichkeit, sich ganz andere Vorbilder zu suchen.

Wie sieht das bei dir aus mit Vorbildern?

Ich habe mir tatsächlich eben gerade erst eine Playlist zusammengestellt mit allen Frauen, die ich bewundere und die ich liebe zu hören. Ich habe aber auch eine Liste von Autorinnen gemacht, die ich gerne lese.

Was liest du gerade?

Ein Buch von einer Frau, die Viv Albertine heißt und in der Band "The Slits" spielte, eine Punk-Band aus den Siebziger-/Achtzigerjahren. Damals waren Frauen entweder Groupie oder Sängerin, wenn es um die Musikindustrie ging. Aber eine Frau an einem Instrument? Das war neu. Ich freue mich jedenfalls immer sehr, wenn ich das Gefühl habe, dass ich eine Frau bin, von der andere etwas lernen könnten.

Wer ist denn auf deiner aktuellen Frauen-Playlist?

Oh, so viele! Jazz-Sängerinnen wie zum Beispiel Billie Holiday und Sarah Vaughan, aber ich liebe auch Country. Mein Lieblings-Country-Lied ist "Jolene" von Dolly Parton, aber ich liebe die Version von Bobby Gentry am meisten. Aber natürlich sind da auch die Rock 'n Roll Girls PJ Harvey, Patti Smith, Beth Ditto, Nina Hagen, Nina Simone ... so viele Frauen.

Manchmal vergessen wir ja, was Frauen wirklich alles können und leisten, zum Beispiel, wie sie ihre Familien versorgen, Städte wieder aufbauen, während Männer ihre Familien verlassen oder nur Reden halten. Ein bisschen ketzerisch zwar, aber so ist es ja noch oft ...

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Immer in Bewegung - aber auch ein bisschen angekommen.

(Foto: imago/PanoramiC)

Ja, gerade in Krisenzeiten oder im Krieg, und leider gibt es noch immer Krieg auf dieser Welt, auch wenn wir das nicht so wahrhaben wollen. Ich meine, vor noch nicht allzu kurzer Zeit wurden Frauen verhaftet, wenn sie Hosen trugen. Sie durften nicht wählen. Und immer dann, wenn die Männer nicht konnten, weil sie zum Beispiel im Krieg waren, dann arbeiteten Frauen wie Männer. In Berufen, aus denen sie, sobald die Männer wieder da waren, vertrieben wurden. "Vielen Dank, aber jetzt übernehmen wir das wieder" (lacht). Schön wäre es, wenn das alles mal normal werden würde und nicht nur die Ausnahme.

Wie stellen wir das am besten an?

Das ist sehr kompliziert, stimmt. Feminismus ist eine Art Abstraktion - damit meine ich, dass es eine immense Vielfalt gibt. Frauen, die arbeiten wollen, Frauen, die es nicht wollen. Frauen, die Kinder wollen, Frauen, die keine Kinder wollen. Frauen, die in sogenannten Männerberufen arbeiten wollen und Frauen, die im Traum nicht darauf kämen, das zu tun. Es muss jedoch die Möglichkeit für alle geben, alles zu machen oder eben sein zu lassen. Männer und Frauen sollten die Wahl haben! Und manchmal müssen Frauen, die arbeiten "wie ein Mann", einen hohen Preis zahlen.

Wie meinst du das?

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Sie sind oft einsam. Sie müssen sich ja angeblich entscheiden zwischen Job und Kindern, zwischen halbtags oder Karriere. Ich habe aber das Gefühl, dass sich das jetzt ändert. Ich lebe so - vielleicht in erster Generation - wie ich es möchte: Ich bezahle mein Haus selbst, ich habe einen Job, den ich liebe, ich habe ein Kind und mit Männern komme ich auch ganz gut klar (lacht). Und deswegen habe ich größten Respekt vor allen Frauen, die das so oder so ähnlich bereits früher hingekriegt haben, als es noch verpönt war, selbstständig zu sein. Oder eine sehr erfolgreiche Frau, das hatte oft eine große (betont das Wort auf Französisch) "Isolation" von der Gesellschaft zur Folge. Es ist wunderbar, die Möglichkeiten zu haben, die wir heute haben. Und ich finde, dass wir nicht gegen, sondern mit den Männern arbeiten sollten.

Natürlich.

Das ist der einzige Weg. Das Tolle am Feminismus ist aber auch, dass diese Bewegung immer andere mit eingeschlossen hat. Feministinnen haben sich auch um die Rechte Homosexueller gekümmert, um die Farbiger, von Kindern, von Alten. Frauen haben das Große und Ganze gesehen, denn sie wissen, wovon sie sprechen, wenn es um "Minderheiten" geht. Wir kennen den Drill, dem wir ausgesetzt waren. Aber Männer auszuschließen wäre wirklich dumm, weil wir die Gabe haben, alle zu umarmen. Wir wissen, wie man gewinnt und haben es nicht nötig, andere auszuschließen. Wenn man jetzt Männern ihre Rechte absprechen würde, dann wäre ich die Erste auf der Straße, die für die Rechte von Männern demonstriert (lacht).

Jungs und Mädchen gehen ja wieder gemeinsam demonstrierten, weil es um ihre Zukunft geht.

Du meinst "Fridays For Future"? Das ist wundervoll!

Gibt es einen deutschen und einen französischen Feminismus?

Ja. Ich glaube, Frankreich ist eine merkwürdige Kombination daraus, wie man Dogmen auf der einen Seite beseitigt und einem gewissen Katholizismus, und das alles zusammen macht es in Frankreich nach wie vor chauvinistischer als in Deutschland.

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Mit dem Papa, Regisseur Jaques Doillon.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Sind die Französinnen auch chauvinistisch?

Wir sind irgendwie daran gewöhnt (lacht). Es gibt eine große Widersprüchlichkeit. Frauen aus Deutschland und vor allem aus Skandinavien sind viel emanzipierter. Frauenrechte werden immer normaler. In Frankreich gibt es tolle Schriftstellerinnen, Regisseurinnen, Schauspielerinnen, Politikerinnen, aber es gibt noch viel zu tun. Auf der anderen Seite spielen französische Frauen auch mit diesen Widersprüchen, seit Jahrhunderten. 

Unsere Kinder werden anders damit und miteinander umgehen.

Davon gehe ich aus! Und der Witz ist ja, es gibt sowieso mehr Frauen als Männer, wir sind die Mehrheit! Ich hatte schon Glück, so wie ich erzogen wurde, aber es war nicht einfach, als Schauspielerin oder als Sängerin zu starten in einem überwiegend männlichen Business. Aber das ist ein Kampf, den ich mit einem Lächeln kämpfen kann, denn mir ist absolut klar, dass es in anderen Bereichen und anderen Ländern noch viel schlimmer ist.

Bist du da, wo du immer sein wolltest?

Ich bin schon stolz, dass ich da bin, wo ich bin und ich fange an, einen Rhythmus zu entwickeln zwischen den Zeiten, in denen ich schreibe, Zeiten, in denen ich auftrete oder auf Tour bin. Dabei denke ich nie darüber nach, ob ich eine Frau bin oder nicht, sondern einfach, dass ich als Mensch glücklich und zufrieden bin. Weil ich aber ein unruhiger Mensch bin, bin ich immer in Bewegung - deswegen bin ich wohl nie zur richtigen Zeit am richtigen Platz. Oder ich merke es zumindest nicht.

Wenn man aus einer so bekannten Familie kommt wie du - muss man sich davon nicht auch irgendwie emanzipieren?

Ja, ich arbeite daran, ständig eigentlich. Es ist auf der einen Seite ganz wunderbar, aber auf der anderen eben auch mit vielen Erwartungen verbunden. Es ist wirklich ermüdend und langweilig, immer die "Tochter von" zu sein. Aber ich glaube, es ist mir mittlerweile gelungen, ganz ich selbst zu sein. Auch mit meiner Musik.

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Mit Mama - Schauspielerin und Ikone Jane Birkin.

(Foto: imago stock&people)

Aber du liebst deine Familie sehr, deine Herkunft, oder?

Aber ja! Aber wir sind ja ein wilder Mix aus vielen Familien. Ich habe mich auch lange als Außenseiterin gefühlt. Das ist heute anders, fühlt sich an manchen Tagen aber noch immer fremd an. Ich bin mit vierzehneinhalb Jahren ausgezogen, (überlegt) das ist 22 Jahre her (lacht), oh mein Gott.

Dein neues Album - es ist etwas rockiger, etwas aggressiver als man es von dir gewohnt ist.

Ja, ich wollte einfach nicht mehr so höflich sein, so ruhig. Aber das ich mit "Places" so angefangen habe, war genau die richtige Entscheidung. So bin ich normalerweise auch, ruhig und höflich, aber ich wollte auch mal meine andere Seite zeigen. Ich wollte raus aus meiner Komfortzone und ich wollte die Leute, die bereits eine feste Meinung über mich haben, überraschen. Und ich bin sehr glücklich mit dem Album, denn es ist alles von mir! Die Texte, die Kompositionen, ich habe die Musiker ausgesucht, ich habe mit dem Label darum gerungen, es so zu machen, wie ich es möchte - ich fühle mich wirklich gut damit. Bei "Places" habe ich mich noch gefragt, ob ich das überhaupt kann. Ob ich das darf. Bei meinem zweiten Album war ich sehr sehr weiblich, habe mich mit allem auseinandergesetzt, was es bedeutet, eine Frau zu sein. Jetzt beim dritten Album weiß ich, dass ich es kann. Und deswegen mache ich auch so, wie ich es will. Und außerdem liebe ich es, diese rockigere Seite live zu performen. Da kommt in mir die Schauspielerin raus.

Führst du oft Monologe?

(lacht) Auf jeden Fall, vor allem, wenn ich schreibe. Da höre ich sehr deutlich und sehr oft "die andere Stimme". Oder ganz ehrlich - die anderen Stimmen, Mehrzahl. Am besten läuft es, wenn du dich mit den anderen Stimmen anfreunden kannst und weißt: "Wir verstehen uns".

Mit Lou Doillon sprach Sabine Oelmann

Quelle: n-tv.de

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