Musik

DJ Ötzi im Interview"Man darf sich selbst nicht anlügen"

30.04.2026, 15:09 Uhr
00:00 / 11:56
DJ Ötzi (c) Monsterpics
DJ Ötzi meldet sich mit neuer Musik zurück - und ganz besonderen Coversongs. (Foto: Monsterpics)

1999 macht der Song "Anton aus Tirol" Gerhard "Gerry" Friedle alias DJ Ötzi quasi über Nacht zum Star. Über 25 Jahre lang bringt der Sänger seine Fans nun schon musikalisch in Stimmung - sogar international. Auf seinem neuen Album "ÖHA" darf der Spaßfaktor natürlich auch nicht fehlen. Doch ein genaues Hinhören lohnt sich. Im Interview mit ntv.de erklärt DJ Ötzi, warum Vereinsamung und Selbstbetrug auf seinem neuen Album Thema sind - und, wieso er unbedingt Depeche Mode covern wollte.

ntv.de: Dein neues Album heißt "ÖHA". Das steht im Tiroler Dialekt für etwas Überraschendes, Unerwartetes. Was wird deine Fans am Album am meisten überraschen?

DJ Ötzi: Zum Beispiel Songs wie "Ich kann dich sehen". Das Album erzählt davon, dass man Leute viel mehr ansehen und ihnen Wertschätzung entgegenbringen sollte. Dass man respektvoll mit dem Gegenüber umgeht, weil die Vereinsamung immer größer wird. Das ist kein gutes Zeichen. Und da ist beispielsweise ein Song namens "Happy" drauf, dass die Leute vielleicht dazu anhalten könnte, eben nicht negativ in den Tag zu gehen. Sondern sich stattdessen selbst mal fest zu drücken und zu sagen: "Oh, heute ist ein schöner Tag, lass uns rausgehen!" Und selbst wenn man dann doch später wieder niedergeschlagen bei der Arbeit sitzt, kann man sich wenigstens sagen: "Ich habe es versucht, gut drauf zu sein."

Kannst du mehr Beispiele von Songs nennen, die dir besonders am Herzen liegen?

Ja, beispielsweise den Song "Ehrlich". Das ist eine Nummer, die für mich ganz wichtig ist. Man kann vielleicht andere anlügen, aber man darf sich selbst nicht anlügen. Den "ÖHA"-Effekt, nach dem du gefragt hast, würde ich so beschreiben: Das Covern von Songs oder die gewohnte Leichtigkeit meiner Musik gehören zu mir, die kann und soll man beim Album auch erwarten. Aber ich mag auch immer ein bisschen was unter der Haube herzeigen. Meine Musik mag Leichtigkeit haben, aber bei genauerer Betrachtung eben auch Sinn.

Wie würdest du deine Fans beschreiben? Für wen singst du?

Ich singe für Leute, die ein Ohr für mich haben und ein offenes Herz.

Du bist jetzt über 25 Jahre im Geschäft. Hat sich deine Fanbase verändert?

Ja, definitiv. Viele meiner Fans sind seit den Anfängen dabei und kommen heute sogar mit ihren Kindern zu den Konzerten - das ist etwas ganz Besonderes. Gleichzeitig kommen immer wieder neue, jüngere Leute dazu, dadurch ist die Fanbase viel breiter geworden. Und es ist schon lustig: Oft sagen Leute zu mir: "Du warst Teil meiner Jugend" - und sind gefühlt selbst erst 50. Da denke ich mir: So alt bin ich doch noch gar nicht! Aber genau das zeigt, wie lange mich die Menschen schon begleiten - und das freut mich total. Macht mich aber auch nachdenklich.

Anzeige
DJ Ötzi - "ÖHA"
4
18,99 €

Inwiefern?

Die Welt dreht sich so schnell und ich komme nicht nach. Und schon wieder ist ein Sommer vorbei. Man ist ständig unterwegs, von Auftritt zu Auftritt, und manchmal bleibt kaum Zeit, das alles wirklich bewusst zu erleben. Da merkt man schon, wie schnell die Zeit vergeht.

Das klingt anstrengend?

Es ist auch das Schönste, was es gibt. Das Schlimme an meinem Job ist nur das Warten, das Fahren, das Fliegen, im Hotel zu sitzen. Allein aufzuwachen, ohne meine Familie. Das ist sehr, sehr anstrengend.

Hast du Angst vor dem Älterwerden?

Ich habe keine Angst vorm Älterwerden. Ich sehe das eher so: Ich bin jetzt einmal auf der Welt - also möchte ich die Zeit auch genießen.

Heißt das, dass du dir vorstellen kannst, auch die nächsten 25 Jahre noch auf der Bühne zu stehen?

Nein, dass nicht, oder doch. Mal sehen, vielleicht nicht immer in der gleichen Intensität - aber die Bühne wird immer ein Teil von mir bleiben.

Und was würdest du stattdessen machen wollen?

Ich würde reisen - an all die Orte, an denen ich Kraft tanken kann. Einfach mal zur Ruhe kommen, am Meer sitzen und nichts müssen. Ohne Druck, ohne Verpflichtungen - weder Termine noch Erwartungen. Einfach nur leben, den Moment genießen und mal ganz bei mir sein.

Du hast mal gesagt, dass du die ersten Jahre deiner Karriere gar nicht bewusst wahrgenommen hast, weil sie einfach so an dir vorbeigerauscht sind. Hast du das Gefühl, dass du heute bewusster spüren kannst, was du machst?

Ich will das bewusster spüren. Einen so großen Song wie "Ein Stern" nicht bewusst zu erleben, ist fast ein Affront. Aber ich habe den Erfolg einfach nicht gespürt, weil ich nur unterwegs war. Ich habe ihn nicht feiern können. Weil wir eben immer nach dem Nächsten gestrebt haben. Ohne Druck, einfach, weil wir jeden Tag besser sein wollten als am Tag zuvor. Aber man muss nicht immer besser werden, man kann auch mal ein bisschen ankommen.

Abgesehen von deinen eigenen Songs hast du auf "ÖHA" auch einige Coversongs drauf. Unter anderem "In The Ghetto" von Elvis Presley. Du bist ein großer Fan des King, aber warum ist es gerade dieser Song geworden?

Ich war am 25. Todestag von Elvis in Memphis und durfte dort mit seiner Original Band, der TBC-Band, spielen. Und da sang seine Tochter Lisa Marie mit ihrem verstorbenen Vater, der auf einer Videowand eingespielt wurde, "In The Ghetto". Das mich sehr berührt. Und diese Version habe ich dann meiner Tochter Lisa Marie vorgespielt. Sie spürt auch diese Nähe zu Elvis, nicht nur, weil wir sie nach seiner Tochter benannt haben. Und deswegen haben wir dieses Lied gemacht.

Du singst mit deiner Tochter auch noch das Duett "Ein Licht".

Mit dem Song wollte ich einfach erklären, dass die Welt zwar so ist, wie sie ist. Aber vielleicht können wir sie verändern, indem wir ein gutes Gefühl aussenden und füreinander da sind.

Duett-DJ-Oetzi-mit-seiner-Tochter-Lisa-Marie-Friedle-ARD-Live-Show-Adventsfest-der-100
Stolzer Vater: DJ Ötzi mit seiner Tochter Lisa Marie Friedle bei einem gemeinsamen Auftritt. (Foto: IMAGO/Christian Schroedter)

Wie war die Zusammenarbeit im Studio?

Sie funktioniert harmonisch. Ich gehe aber trotzdem aus dem Studio raus, um Lisa Marie in ihren Swing zu lassen. Die Beziehung zu meiner Tochter ist sehr wertschätzend.

Was wolltest du deiner Tochter fürs Leben mitgeben?

Dinge wie "Bitte" und "Danke" zu sagen. Aber auch, ihrem Gegenüber Wertschätzung entgegenzubringen, ihn zu sehen und wahrzunehmen. Loyal zu sein. Verlässlichkeit und Vertrauen. Bei Leuten zu spüren, ob sie eine gute Energie haben oder nicht - und ihnen dann entweder aus dem Weg zu gehen oder auf sie zuzugehen.

Du coverst auf "ÖHA" mit "Just Can't Get Enough" als großer Fan der Band auch einen Depeche-Mode-Song!

Depeche Mode wollte ich einfach einmal in meiner Vita haben, weil ich mich Dave Gahan sehr verbunden fühle. Der ist so ein Über-Typ. Diese Band lässt mich nicht los, von Anfang bis zum Ende. Ich bin sogar in Pasadena in dem Stadion gewesen, in dem 1989 ihr Konzertfilm "101" gedreht worden ist. Ich habe also nicht einfach nur etwas gecovert, ich liebe diese Musik. Dieses Experimentelle, dieses außergewöhnlich Andere, dieses Düstere, aber trotzdem Klare. Das berührt mich. Depeche Mode ist Kunst.

Du hattest keine leichte Kindheit und Jugend und bist unter anderem bei Pflegeeltern groß geworden und hast später eine Zeit lang auf der Straße gelebt. Glaubst du, dass dein Leben anders verlaufen wäre, wenn dein Start nicht so holprig gewesen wäre?

Ja. Das war vielleicht mein größter Antrieb. Ich kann extrem stolz auf mich sein, dass ich mein Leben trotzdem meistern durfte. Ohne meine Frau hätte ich das nie geschafft. Sie hat mir unglaublich viel beigebracht und mir immer den Rücken gestärkt. Heute kann sie sich zu 1000 Prozent auf mich verlassen - ich bin immer für sie da. Und ich versuche natürlich jeden Tag, ihr Leben noch schwerer zu machen. (lacht)

Du hast offen auch über deine Depressionen und deine Krankheit gesprochen. Warum hast du dich bewusst entschieden, diese Themen öffentlich zu machen?

Wenn ich das nicht gemacht hätte, wenn ich nicht meine Geschichte nach außen getragen hätte, wäre ich heute vielleicht nur irgendein Anton aus Tirol. Aber so habe ich viele Leute mit meiner Story bewegt und konnte den Menschen, die Ähnliches erlebt haben, vielleicht etwas geben.

Nach meiner Erfahrung trifft man, wenn man sich öffnet, immer auf Menschen, denen Ähnliches passiert ist, oder?

Ja, so viel ist heutzutage oberflächlich. Und ich will das nicht sein. Ich möchte den Leuten zeigen, dass ich mit meiner Vergangenheit Frieden geschlossen habe. Und mich das heute viel gesünder sein lässt als früher. Mit Wut und Zorn lässt es sich nämlich nicht leicht leben. Meine erfolgreichsten Songs waren immer die, die Geschichten erzählt haben. Und wenn es Geschichten aus meiner Welt waren, dann waren sie noch stärker.

Kannst du dir vorstellen, musikalisch irgendwann in eine ganz andere Richtung zu gehen?

Vielleicht war das, was bis jetzt war, erst der Anfang. Einfach, um mich so zu triggern, dass ich nicht aufgebe, sondern vielleicht noch was Besseres aus mir raushole. Ich weiß nicht, ob ich mit 65 noch "Anton aus Tirol" singen kann.

DJ OETZI (c) Monsterpics
Singt nicht nur, sondern legt auch gerne auf: DJ Ötzi. (Foto: Monsterpics)

Du trittst natürlich auch in einem sehr energiegeladenen Party-Umfeld auf. Da stellt man sich die Altersfrage vermutlich umso mehr, oder?

Ja, genau deshalb kreiere ich mir meine eigenen Welten - wie die "Mountain Mania" oder die "Gipfeltour". Da kann ich singen und gleichzeitig als DJ auflegen, genauso, wie ich es liebe. Wenn es wirklich deine eigenen Projekte sind, dann ist plötzlich alles möglich.

Damit ziehst du ja auch die Fans an, die wirklich dich sehen wollen - und nicht nur den "Anton aus Tirol" hören wollen, oder?

Ich will, dass meine Fans, meine Musik-Familie, einen Mehrwert spürt, wenn sie bei mir ist. In Stuttgart waren beispielsweise 7000 Leute im Publikum. Und ich glaube, die haben nicht eine Sekunde an Schulden, Krankheit, Krieg oder irgendwas gedacht, sondern die waren jetzt in diesem Moment bei uns. Und das ist meine Aufgabe. Nicht mehr, nicht weniger.

DJ Ötzis neues Album "ÖHA" ist seit dem 24. April erhältlich. Die nächste "Mountain Mania" findet am 10. Oktober in der Kölner Lanxess Arena statt.

Mit DJ Ötzi sprach Claudia Spitzkowski

Quelle: ntv.de, csp

Musik