Unterhaltung
50 Jahre "Azzurro" - 81 Jahre Paolo Conte.
50 Jahre "Azzurro" - 81 Jahre Paolo Conte.
Freitag, 09. November 2018

"Auf der Suche nach Gespenstern": Paolo Conte feiert "50 Jahre Azzurro"

"It's wonderful, it's wonderful, it's wonderful, good luck my baby, it's wonderful, it's wonderful, it's wonderful, I dream of you, via via, vieni via con me ..." Und? Ein Ohrwurm, oder? "Via Con Me" - dieses Lied kennt so gut wie jeder. Gesungen wird es von einem älteren Herrn, einem Gentleman, der unweit von Mailand lebt, in seinem Geburts- und Heimatort Asti, um es genauer zu sagen. Dort, in der Kanzlei seiner Familie, empfängt er n-tv.de und spricht über Dies und Das, das Leben vor allem und die Liebe und die Laster, und er sprüht mit seinen 81 Jahren noch immer vor Witz, Intelligenz und Charme. Paolo Conte veröffentlichte gerade seine brandneue Single "Lavavetri" des neuen Albums "Live in Caracalla - 50 Jahre Azzurro". Das Album wurde live vor Ort aufgenommen, wo Paolo Conte, begleitet von einem großartigen Orchester, sage und schreibe das 50. Jubiläum seines Meisterwerks "Azzurro", feierte. "Live in Caracalla - 50 Jahre Azzurro" ist eine Reise in den Sommer. 

n-tv.de: Wie hält man es durch, über die Jahre, die Jahrzehnte, so fleißig, kreativ und produktiv zu sein?

Paolo Conte: Fleißig bin ich gewesen, weil ich in meiner Karriere immer so perfektionistisch sein wollte. Und getextet habe ich am liebsten mit einem Bleistift, damit ich alles wieder mit dem Radiergummi ändern konnte. Denn ich habe mich oft korrigiert. Und dann gibt es natürlich immer die Entscheidungen das Orchester betreffend - da bin ich dann eine Art Psychologe, weil es ja gar nicht einfach ist, so viele Charaktere und Gemüter unter einen Hut zu bekommen. Die meisten sind ja jünger als ich, da ist es gar nicht so einfach, sie in meine Richtung zu bringen. Grundsätzlich würde ich sagen, dass ich ein neugieriger Mensch bin, und deswegen ist dies wohl auch das Rezept für meinen Antrieb, immer weiter zu machen.

Lässt sich nicht verbiegen: Paolo Conte.
Lässt sich nicht verbiegen: Paolo Conte.

Die New York Times hat einmal geschrieben, dass Paolo Cote eine romantische Weltanschauung hat. Es ist doch gar nicht mehr so einfach, heutzutage romantisch zu sein, oder?

(lacht) Stimmt schon, aber früher hieß romantisch zu sein auch schwach zu sein. Heute ist die Definition von Romantik, jedenfalls für mich, fast schon ein Schild, ein Schutzschild vor einer Welt, die doch sehr virtuell geworden ist.

Ein anderes Mittel in Ihrer Musik ist die Ironie …

Ja, ein bisschen Ironie ist schon dabei, aber immer, ohne böse zu sein! Ich übe schon auch Kritik, das ist richtig, und in meinen Liedern gibt es Figuren. Figuren, mit denen ich spielen kann.

Italienisch ist wunderschön - die wenigsten aber sprechen die Sprache. Dennoch wird Paolo Conte auf der ganzen Welt geliebt und verstanden. Woran mag das liegen? Ist italienisch vielleicht die Sprache der Musik?

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Nein, so weit würde ich nicht gehen. Es ist eher eine recht schwierige Sprache für die Musik. Sicher, es ist die Sprache der Oper, deshalb mag es einem so vorkommen. Aber dass ich überall verstanden werde liegt in meinen Augen daran, dass meine Zuhörer sensible Menschen sind. Und dass diese Zuhörer imstande sind, meine Sprache zu verstehen, zu fühlen, auch wenn sie sie nicht hundertprozentig beherrschen. Meine Zuhörer haben einfach Antennen (lacht).

Warum machen Sie immer weiter Musik, Senore Conte? Sie könnten doch auch einfach die Füße auf den Tisch legen ...

Konzerte gebe ich natürlich weniger als früher, und auch schreibe ich weniger als früher. Auf dem Album ist ein neues Lied, "Lavavetri", das ist sozusagen ein Bonustrack, so nennt man das heute doch, oder? (lacht) Es geht um einen Mann, der den Autofahrern seine Dienste als Fensterputzer an der roten Ampel anbietet.

Ist es eine selbst erlebte Geschichte? Meist ist man ja leider ziemlich genervt, wenn an jeder dritten Ampel ein Fensterputzer steht. 

Das stimmt schon, es nervt oft, vor allem, wenn man kein Kleingeld zur Hand hat, aber ich habe diese Geschichte erlebt. Dieser Mann war sehr sympathisch, immer dieselbe Person an der derselben Ampel. Er hat immer freundlich gelächelt.

Italiens Rolle ist momentan nicht leicht: Flüchtlinge ertrinken im Mittelmeer, Italien will niemanden mehr aufnehmen, Deutschland auch nicht mehr, und dann singen Sie von einem "Lavavetri", einem Fensterputzer. Vielleicht auch ein Flüchtling? Wollen wir diese Geschichte hören?

In Europa momentan offen zu sein, ein Italiener zu sein, das ist gar nicht so einfach, stimmt. Natürlich muss man den Geflüchteten die Hand reichen, ich will mich nicht verbiegen lassen und bleibe offen. Und als Land, als Kontinent offen zu bleiben, ist fast schon eine technische Frage, die ich gar nicht beantworten kann, da kenne ich mich nicht so aus. Aber wir müssen anderen helfen, soviel steht fest.

Asti - ist das die schönste Stadt der Welt für Sie? Sie sind hier schließlich geboren, leben hier ...

(lacht) Nein, wahrscheinlich nicht, aber das Land drumherum ist wunderschön! Ich liebe Italien natürlich, deswegen liebe ich Städte wie Venedig und Rom ganz besonders. Aber mir gefallen als Großstädte tatsächlich Berlin und San Francisco sehr, und London hat etwas sehr Spezielles. Vielleicht, weil sie so schön groß und chaotisch sind, das macht sehr viel Charme aus.

Die Aufnahmen für die neue CD sind in den Caracalla-Thermen entstanden - ist das ein Lieblingsort Ihrer Karriere oder warum hat es Sie für dieses besondere Album dorthin verschlagen?

Ich muss gestehen, dass ich eigentlich viel lieber in geschlossenen Räumen auftrete. Die Caracalla-Thermen sind natürlich fantastisch, aber am liebsten trete ich in klassischen Theatern auf. Das hat wahrscheinlich sentimentale Gründe: Es ist ein Gefühl. Und ich bin immer auf der Suche nach "Gespenstern" - mich interessiert, wer dort vor mir aufgetreten ist und was für eine Wirkung das hat, was für eine Energie. 

50 Jahre "Azzurro" - ist das nicht der Wahnsinn? Ein Fingerschnipsen, und die Zeit ist vergangen?

Ich bin zwar ein sentimentaler Typ (lacht), aber nicht auf dieser süßlichen Ebene. Ich habe natürlich Gefühle, und die Jahre sind schrecklich schnell vergangen. Als älterer Mensch muss man außerdem feststellen, dass die Jahre jetzt noch schneller als früher vergehen. Das ist nicht so einfach.

Eigentlich wollten Sie Anwalt werden - und waren es auch eine Weile. Dann wurde die Musik in Ihrem Leben immer wichtiger. Haben Sie da jemals etwas bereut?

Nein, eigentlich nicht. Ich habe aber eine Angewohnheit von damals übrig behalten, etwas eher Technisches: Wenn ich schlaflos bin, dann stelle ich mir rechtliche Regeln, Paragraphen vor, wie man Dinge löst. Statt Schäfchen zählen. Das ist so klar, so strukturiert, das beruhigt mich, und dann kann ich einschlafen. Aber ich bereue garantiert nicht, dass ich nicht am Gericht oder in einer Kanzlei arbeite (lacht). Während ich Anwalt war, habe ich mich dennoch immer schon als Musiker betrachtet. Vormittags habe ich gearbeitet, nachmittags fuhr ich nach Mailand wegen der Musik, um Kontakte zu pflegen. Und 1973 wurde ich überredet, meine Muster für andere Sänger selbst zu veröffentlichen. So bin ich ein Cantautore, ein Liedermacher, geworden. 

Für wen würden Sie heute gern noch schreiben, mit wem zusammen arbeiten?

Ich habe es geliebt, mit Charles Aznavour oder Stevie Wonder zusammen zu arbeiten, was soll ich da noch für Wünsche offen haben? (lacht) Ich kann das gar nicht so einfach sagen, ich kenne mich heute nicht mehr so gut aus. Ich habe tatsächlich genug mit meinen Erinnerungen zu tun. 

Und wer war Ihr Idol, wer hat Sie zur Musik gebracht?

Das ist schwer zu beantworten. Es war ein Traktor.

Ein Traktor als Vorbild?

Ja, ich war als junger Mann oft auf dem Bauernhof meiner Großeltern, und da fuhren natürlich Traktoren. Diese Geräusche - rattaratata - haben mich inspiriert (lacht). Wie ein Brummen, von Eisen, auch die Kolben hörte ich. Und dann kam noch das Muhen einer Kuh dazu und die Geräusche anderer Tiere, der Insekten, wie im Dschungel. Das alles zusammen verschmolz zu etwas in meinem Kopf, das mich in meiner Musik begleitet. Ich weiß nicht, ob ich das gut erklären kann, auch das ist mehr ein Gefühl. Aber es war damals der Sound, den ich geradezu gesucht hatte.

Sie rauchen ja sicher nicht mehr, Herr Conte ...

... (lacht) ...

... wie halten Sie sich in Form? Sie geben ja weiterhin Konzerte ...

Ich versuche, ein ruhiges Leben zu führen, ich will noch lange fit bleiben. Gutes Essen, Spaziergänge mit dem Hund, wenig Alkohol. Wein nur zum Essen! Nicht wie in Deutschland, wo die Leute den Wein auch vor oder nach dem Essen trinken.

Was bedeutet Ihnen Applaus?

Applaus ist ein ganz präziser und genauer Mechanismus, wie im Zirkus. Natürlich bekomme ich gern Applaus und Komplimente, von den Fans, von der Presse, aber ich bin wie ein Artist: Nach der Vorstellung werde ich belohnt, und zwar durch Applaus. Und dann trete ich von der Bühne.

Mit Paolo Conte sprach Sabine Oelmann

Das Doppelalbum erscheint am 9. November als Doppel-CD und am 30.11.18 als 3-fach Vinyl-Edition.

Sein einziges Deutschlandkonzert wird Paolo Conte am 3. August 2019 auf dem Roncalliplatz in Köln geben.

Quelle: n-tv.de