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"Get loud!" Rea Garveys Kampf gegen Idioten

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Den Mund zu halten, ist nach eigenem Bekunden nicht seine Stärke: Rea Garvey.

(Foto: Sven Sindt / Universal Music)

Alle Welt kennt ihn als Juror bei "The Voice of Germany". Und als Musiker. Mit "Prisma" bringt Rea Garvey sein drittes Soloalbum heraus. Doch auf den Nägeln brennt dem Iren derzeit ein ganz anderes Thema, wie sich im n-tv.de Interview herausstellt.

n-tv.de: In Deutschland sagt man: Aller guten Dinge sind drei. Gibt es so eine Redewendung auch im Englischen?

Rea Garvey: (überlegt) Nein, ich glaube nicht. Wir sind wohl etwas zuversichtlicher. Statt auf drei zu warten, sagen wir: Eins reicht. (lacht)

Ich frage das natürlich, weil du nun mit "Prisma" dein drittes Soloalbum veröffentlichst. Als du vor vier Jahren dein erstes Album "Can't Stand The Silence" präsentiert hast, hast du im Interview gesagt, das sei wie der erste Sex. Wie ist das beim dritten Album?

Na ja, wenn man das erste Mal erlebt hat, will man weitermachen. (lacht) Es gibt schon eine gewisse Euphorie, wenn man ein Album macht, und man muss alle emotionalen Ebenen erreichen: Es muss explosiv sein, intim, manchmal auch aggressiv. All diese Dinge will man erleben. Und eines der schönsten Erlebnisse ist es dann, wenn man wie ich heute mit dem Album in der Hand dasteht.

Fühlst du dich inzwischen komplett als Solokünstler angekommen?

Ich merke auf jeden Fall, was sich seit der Band Reamonn in meinem Leben verändert hat. Es war mir einfach total wichtig, selbst entscheiden zu können. In einer Band geht das nicht unbedingt. Nicht, dass wir immer einer anderen Meinung gewesen wären. Aber man braucht eine gewisse Kompromissbereitschaft, die man irgendwann nicht mehr geben will. Ich bin dankbar, dass ich eine Band hatte, in der ich Erfahrungen sammeln konnte. Dadurch habe ich heute das Selbstbewusstsein, um sagen zu können: Auch wenn ihr alle etwas anderes wollt - ich will das so und nicht so haben.

Das Album hast du erstmals in deiner Wahlheimat Berlin aufgenommen. Was bedeutet dir das?

Stimmt, bisher habe ich immer im Ausland aufgenommen, weil ich im Studio Konzentration brauche. Aber jetzt war ich an einem Punkt in meinem Leben, an dem es möglich war, in Berlin aufzunehmen. Meine Plattenfirma und ich kennen uns inzwischen lange genug, dass sie mich einfach mal mein Ding machen lassen - ich hatte keine Bedenken, dass sie jeden Tag an der Tür klopfen würde. Und ich habe es genossen, zu Hause zu sein. Das ist schon witzig: Auf einmal waren viele Kinder im Studio. Früher wäre das für mich nicht gegangen. Da hätten nur Musiker sein dürfen, die mit mir die Platte machen. Aber irgendwann kommst du - nicht aus Gewohnheit, aber aus Stärke - an den Punkt, an dem du sagst: Das stört mich nicht, wir kommen auf jeden Fall zum Ziel.

Auf deinem Solodebüt hast du mit elektronischen Sounds experimentiert. Beim Nachfolger "Pride" gab es viele akustische Momente. Was zeichnet für dich nun "Prisma" musikalisch besonders aus?

Ich würde sagen: Es ist ein Rockalbum. Und ich glaube, dass die Message diesmal größer als die Musik ist. Der Text spricht viel lauter. Man muss zuhören und kann ziemlich eindeutig interpretieren, worum es geht. In der Musik sagt man manchmal: Ich lasse das Bild halb gemalt - der Rest ist deins. Aber hier geht es darum, Dinge anzugreifen und zu sagen: Das geht nicht, das dürfen wir nicht ignorieren - "Get loud!".  

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Auf "Prisma" zeigt sich der Ire mit Wahlheimat Deutschland nachdenklich.

(Foto: Sven Sindt / Universal Music)

Aufstehen, Stellung beziehen, Gesicht zeigen - das ist es, worum es in mehreren Songs geht. Würdest du "Prisma" als politisches Album bezeichnen?

Ein sehr guter Freund von mir hat es so bezeichnet. Da meinte ich nur: Fuck. Ich bin für Politik viel zu naiv. Es ist ein Album, das Weltpolitik anspricht, keine Frage. Aber ich würde sagen: Was ich zu sagen habe, ist eigentlich weniger politisch als selbstverständlich.

Gleichwohl hast du dich inzwischen mehrfach in die Diskussion um Flüchtlinge eingeschaltet. Beim Deutschen Radiopreis Anfang September etwa hast du erklärt, in jedem Land gebe es Idioten - und wenn die laut seien, müssten die anderen eben lauter sein. Du bist grundsätzlich sozial sehr engagiert. Was konkret bewegt dich nun in der aktuellen Flüchtlingsdebatte?

Das Wissen, dass ich es sein könnte. Die beste Werbung, die ich als Student mal gesehen habe, war ein Rahmen um einen Spiegel. Auf ihm stand: So sieht jemand mit Aids aus. Das hat bei mir sofort Klick gemacht. Ich könnte auch das Opfer sein - deswegen muss ich Verständnis für die Opfer haben. Auch wenn Menschen individuell sind, sind wir doch alle gleich und gleichberechtigt. Ich kenne diese Geschichten. Meine Frau und viele Freunde, die Deutsche sind, sind geflüchtet. Im Song "Run for the Border" geht es tatsächlich auch um eine Freundin, die 1988 von der DDR in den Westen geflüchtet ist.

Wie beurteilst du aktuell den Umgang mit dem Thema in Deutschland?

Ich bin nicht in der Lage und berechtigt, den Deutschen Ratschläge zu erteilen. Ich bin selbst ein Gast hier und verhalte mich auch so. Aber wenn es um Menschenrechte geht, hat jeder eine Meinung, egal, wo er steht. Ich finde es durchaus nachvollziehbar, dass viele Menschen hier Angst haben. Es gab die Bilder von ISIS - und auf einmal kommen zehn- oder zwölftausend Flüchtlinge in München an. Wenn du 65 und allein in deiner Wohnung bist, dann hast du Angst.

Du verstehst also die Vorbehalte, die es gegen die Aufnahme der Flüchtlinge gibt …

Ich verstehe die Angst, die die Menschen haben. Aber natürlich hat niemand das Recht, jemanden wegen Glauben, Hautfarbe oder Herkunft zu verurteilen. Erst wenn man jemandem die Hand gibt, kann man anfangen, sich eine Meinung zu bilden - und auch nur über diese Person. Ich finde, die Politiker haben den Menschen zu wenig erklärt, um was es geht und wer diese Menschen sind. Sie haben das Land nicht auf die Ereignisse vorbereitet, obwohl schon seit Jahren klar ist, dass es passieren würde.

Wie meinst du das?

Den Krieg gibt es schon seit vier Jahren. Die G20 macht ein Geschäft mit dem Verkauf von Waffen. Im Waffenhandel ist Amerika die Nummer 1, Russland die Nummer 2, China die Nummer 3, aber Deutschland schon die Nummer 4. Mit Krieg wird Geld gemacht. Aber das Ergebnis ist die Flucht von Menschen, die nicht sterben wollen. Um das zu verstehen, muss man sich nicht mal eine halbe Stunde in Damaskus auf die Straße stellen. Wenn du einmal einen echten Schuss hörst, vor allem, wenn aus Aggression geschossen wird, jagt dir das eine Angst ein, die du dir nicht vorstellen kannst.

Wie fällt denn dein Urteil aus, wenn du den Umgang mit dem Flüchtlingsthema in Deutschland mit Irland vergleichst?

In Irland hat der Staat beschlossen, 800 Flüchtlinge aufzunehmen. Darüber waren viele entsetzt: Wenn Deutschland 800.000 Flüchtlinge aufnimmt, können wir nicht nur 800 aufnehmen. 6000 Familien haben sich daraufhin gemeldet und gesagt, dass sie Flüchtlinge aufnehmen würden. Wer den Unterschied ausmacht, ist auch in Deutschland zu sehen: Das sind Familien, Mütter, Väter, die beschließen, die Menschen persönlich kennenzulernen. Sie gehen einfach zu einem Flüchtlingslager und stellen sich vor. Diese Menschen finde ich beeindruckender als alles andere. Sie suchen nicht die große Lösung, sondern die Lösung täglicher Probleme. Akzeptanz, Toleranz, Großzügigkeit - die Menschen in Deutschland können und machen das wirklich gut. Ich finde nur, dass der Staat besser funktionieren muss.

Gleichwohl gibt es auch das Phänomen der Fremdenfeindlichkeit. Man muss sich doch nur die ganzen Hasskommentare im Internet anschauen …

Ja, aber findest du es richtig, dass irgendwelche Leute, die zu Hause auf der Couch irgendwelche Hasskommentare schreiben, das ganze Land beeinflussen? Sollen Leute, die vielleicht schlecht gebildet oder sogar dumm sind und ihren Hass anonym auf Facebook-Seiten äußern, ein ganzes Land steuern? Hier müssen wir klüger sein und damit erwachsen umgehen. Das ist eine Mini-Minorität, die nur sich selbst repräsentiert. Durch die Beachtung, die man ihnen schenkt, entsteht eine verdrehte Welt.

Ein Freund von dir ist Til Schweiger. Auch er wurde im Netz teils extrem angefeindet, weil er sich stark für Flüchtlinge engagiert. Habt ihr euch mal ausgetauscht?

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Demnächst steigt er bei "The Voice of Germany" zum vierten Mal in den Ring.

(Foto: Sven Sindt / Universal Music)

Ich habe mit ihm getextet. Ich weiß, wie er ist und wie emotional er sein kann. Das ist bei seiner Arbeit nicht anders als bei diesem Thema. Ich finde es stark von ihm, seine Meinung zu vertreten, auch wenn ihn dafür wieder eine Mini-Minorität hasst. Er repräsentiert trotzdem die Mehrheit. Wie schwer ihn das trifft, muss er dir selbst sagen. Ich habe ihm einfach geschrieben und gesagt, dass ich zu ihm stehe, wenn er meine Hilfe braucht. Aber ich glaube, auch bei seinem Projekt hat er jetzt schon genügend Partner, um die Sache anzuschieben - von Sigmar Gabriel bis Jan-Josef Liefers und Thomas D. Wenn man gut befreundet ist, reicht es, zu sagen: Die Türen sind offen. Sag, wenn du mich brauchst.

In der Vergangenheit hast du Til Schweiger auch gern mal deine neuen Songs vorab vorgespielt. Hat er "Prisma" schon gehört?

Nein. Wir waren beide zu sehr mit uns selbst beschäftigt. Aber es war auch nicht nötig - ich bin mir bei diesem Album so sicher wie nie zuvor.

Nicht mehr ganz neu ist natürlich der Song "Supergirl". Du hast gesagt, du findest deine Originalversion mit Reamonn besser als das Cover von Newcomerin Anna Naklab. Trotzdem hat sie es nun mit dem Lied bis auf Platz 2 der Charts geschafft - ihr mit Reamonn damals nur auf Platz 4. Wurmt dich das?

Nein, so etwas ärgert mich nicht. Den Erfolg eines anderen darf man nicht als Messlatte nehmen. "Ein Hit ist ein Hit", hat meine Frau gesagt - und sie hat recht. Ich hätte den Song so nicht aufgenommen. Aber gerade dass es anders ist, finde ich schön - von einer Frau gesungen, eine lesbische Beziehung im Video … So bekommt das Lied ein zweites Leben.

Bei "The Voice of Germany" wirst du selbst demnächst wieder auf die Suche nach neuen Talenten gehen. Du bist jetzt das vierte Mal dabei. Was reizt dich noch daran?

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Das Album "Prisma" ist ab sofort erhältlich.

(Foto: Universal Music)

Ich habe wahnsinnig viel Spaß damit. Man beschäftigt sich mit Musik - aber nicht der eigenen. Das ist toll und eine gute Abwechslung für mich, vor allem nach der Zeit mit so einer Platte, in der man intensiv mit der eigenen Musik beschäftigt ist. Und ich lerne viel. Ich finde, im Moment ist eine ganz spannende Zeit. Es gibt mehr Musik denn je, aber weniger Gesichter. Durch das Streaming ist die Musik viel schneller in der Welt als durch eine physikalische CD. Allerdings kennt man oft die Gesichter dahinter nicht. Das passt zu "The Voice".

Mit Nick Howard hast du die Show einmal gewonnen. Er scheint inzwischen jedoch in der Versenkung verschwunden zu sein. Seinen Plattenvertrag hat er jedenfalls verloren …

Ja, aber er ist seinen Weg gegangen. Das respektiere ich. Ich finde, Nick ist durchaus ein Beispiel für das Gute an "The Voice of Germany". Er lebt von seiner Musik. Trotzdem ist klar: "The Voice" verleiht dir keinen goldenen Stempel. Es ist entweder ein Teil deines Wegs oder etwas, das du später abschüttelst: "Okay, falscher Weg, ich gehe woanders hin."

Nicht mehr in der Jury ist in der kommenden Staffel Samu Haber. Wirst du ihn vermissen?

Ich mag Samu. Wir verstehen uns auch gut. Aber Andreas Bourani ist auch eine coole Socke. Ich glaube, sie sind diesmal nach der Größe gegangen. (lacht) Andreas ist genauso groß wie Samu. (Andreas Bourani ist 1,89, Samu Haber 1,93 Meter groß, Anm. d. Red.) Und ein guter Gegner. Ich habe ja Spaß daran, die anderen fertigzumachen - und bin offensichtlich auch talentiert darin. (lacht)

Wenn du die freie Auswahl hättest - welchen Kollegen hättest du denn gern mal als Konkurrenten in der "The Voice of Germany"-Jury?

Als Konkurrenten? Ich sehe keine Konkurrenz!

Mit Rea Garvey sprach Volker Probst

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Quelle: ntv.de