Musik

"Jeder Song ein kleiner Film" Thomas Anders ist mit sich im Reinen

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Wir sollten uns selbst lieben. Dann können wir auch andere lieben.

imago/STAR-MEDIA

Er hat Kirschen vom Baum geklaut und sich mit Autosuggestion erzogen. Er ist nicht blind seit seiner Heirat, aber treu. Er singt Modern-Talking-Hits in Amerika und bringt die Fans ins Deutschland zum Träumen. Ein Gespräch mit Thomas Anders ist also überaus interessant. "Thomas Anders hat ein eigenes Solarium" - das war jedoch das Erste, das ich am Tag des Interviews über ihn gelesen habe, als ich ihn nochmal gegoogelt hatte. Nichts mit Dieter Bohlen, nichts mit Modern Talking, nichts über ihn und seine Frau, nichts über seine Tourneen oder Konzerte oder die Musik oder sein neues Album "Ewig mit dir", das zu dem Zeitpunkt in den Startlöchern stand und jetzt bereits die Charts erklommen hat. Eine höchst befremdliche Geschichte, wie Thomas Anders selbst findet: "Ich verstehe es nicht! Ich habe das am Rande erzählt und dann wird es zur Überschrift", wundert er sich. Dabei lag er zum letzten Mal im Frühjahr auf der Sonnenliege, der Sommer war ja wahrlich so, dass man kein Solarium brauchte. Ihn erstaunt, dass das alles ist, was nach einem 45-minütigen Interview rausgekommen sein sollte. Das machen wir im Gespräch mit dem 55-Jährigen, der früher gern auf seine "Nora"-Kette reduziert wurde, lieber mal ganz anders und sprechen über alles - außer Solarien.

n-tv.de: Sie waren ja vor Kurzem noch Juror bei "X-Factor" - ich bin immer wieder erstaunt, wie viele Leute singen können. Allerdings auch, wie viele Leute nicht singen können und da trotzdem hingehen.

Thomas Anders: (lacht) Ja, das kann vor laufenden Kameras schon mal passieren, dass ein Kandidat bei der Vorausscheidung echt gut war und live dann vollkommen daneben singt. Das ist die Aufregung. Aber wenn wir mal zusammenrechnen, wie viele Einwohner Deutschland, Österreich und die Schweiz haben, also mehr als 90 Millionen - denn aus diesem Fundus schöpfen wir bei solchen Casting-Shows ja schließlich - dann sind es letzten Endes doch gar nicht so viele Leute, die wirklich singen können.

Sie können ja zum Glück singen, und zwar auf dem neuen Album: "Ewig mit dir"- wie wahnsinnig romantisch. Sie sind ein Gentleman, liest man …

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So romantisch!

… ja, diese Bezeichnung habe ich mir vor über zehn Jahren auf einer Gala-Veranstaltung in Hamburg eingefangen. Und die bin ich seitdem nicht mehr losgeworden. Der Moderator der Show hatte vorher ein paar Damen befragt, was ihnen zu mir einfallen würde, und da fiel wohl dieses Wort. Ich finde, das hat was. Ich benutzte das übrigens seitdem, aber ich habe das Gefühl, dass es erst jetzt im Kopf der Menschen angekommen ist. Es braucht einfach eine ganze Weile, bis sich ein Branding bildet.

Und die Romantik?

Ja, "Ewig mit dir" hat natürlich etwas Romantisches, aber vor allem ist das Wort "ewig" für mich total mystisch und spannend besetzt. Es ist nicht greifbar. Jeder hat seine eigene Fantasie-Interpretation für "ewig". "Ewig mit dir" ist der erste Song, den ich für das Album fertig hatte - und mir war klar, dass das ganze Album so heißen muss. Der Song hat übrigens nichts mit meiner Frau zu tun, für die habe ich einen anderen Song auf dem Album (lacht). "Ewig mit dir" klingt einfach schön und regt zum Träumen an. Ich teile das gern mit meinen Zuhörern.

Es ist doch wunderbar, wenn ein Sänger seinen Gefühlen freien Lauf lässt und man ihn dann noch besser verstehen kann. Das ist total authentisch.

Genau, Authentizität ist das A und O. Ich lebe das Ganze ja. Aber "Ewig mit dir" für meine Frau wäre mir zu plakativ, das ist mir zu viel Zuckerwatte. "Hätt's nie ohne dich geschafft" ist das Lied für meine Frau, das ist noch viel persönlicher. Und auf den Punkt.

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Auch im Duett ganz nett: Mit Florian Silbereisen singt er "Sie sagte doch, sie liebt mich".

(Foto: imago/Future Image)

Und greifbar. Und wahrscheinlich auch die Wahrheit, oder?

Auf jeden Fall (lacht). Ohne meine Frau hätte ich das so nicht geschafft. 

Sie waren viel auf Tournee in letzter Zeit, auch in den USA - dort sind Sie der Thomas "Änders". Wer kommt in den USA zu Ihren Konzerten?

Es lässt sich nicht abstreiten - die Menschen, die kommen, haben einen nostalgischen Gedanken (lacht). Und ja, es geht dann auch um Modern Talking. Es geht um "die guten alten Zeiten", die Leute lieben es … Das Schöne ist ja, dass ich die alle singen darf, da ist rechtlich alles geklärt.

Sie und Dieter Bohlen - Sie sind beide sehr erfolgreich, da gönnt man dem jeweils anderen doch sein Glück und den Erfolg, oder?

Auf jeden Fall, aber ich bin ja nun mal der Sänger in der Band gewesen. Im Rest der Welt wird das Thema Modern Talking und Dieter Bohlen und Thomas Anders übrigens gar nicht so ausgiebig besprochen wie hier. Bei anderen Bands, anderen Duetten ist es doch auch so, dass wir uns immer an den Sänger erinnern, wenn die sich getrennt haben, und nicht an den, sagen wir mal, Drummer.

Außer, wenn er Phil Collins heißt.

Der wurde dann aber auch Sänger (lacht).

Das Album klingt so, als ob Sie sehr zufrieden sind mit sich und der Welt, ist das richtig?

Ja, das stimmt zu großen Teilen. Das Album spiegelt mich wider. Es ist kein Song darauf, zu dem man mich zwingen musste. Ich stehe total hinter jedem einzelnen Titel. So ein Album ist natürlich nicht die Autobiografie eines Sängers, das kann ja nicht sein. Aber ich versuche, den Songs mein Leben, meine Fantasie einzuhauchen, das stimmt. Jeder Song ist ein kleiner Film und ich bin der Regisseur. Ich muss versuchen, es stimmlich - mit Schwingungen und mit Emotionen - meinen Zuhörern leichter zu machen, sich da hineinzudenken.

"Das Leben ist jetzt" ist ein Ohrwurm. War das der Plan oder entsteht so ein Ohrwurm von selbst?

Den Song hat Wolfgang Hofer geschrieben. Und der hat auch Texte für Udo Jürgens geschrieben.

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Und da haben Sie einen Ohrwurm bestellt …

(lacht) Naja, ich habe ihm ein Beispiel genannt, "Pures Leben", so hätte ich es gerne wieder. Und nach einer Weile hat er mir den geschickt, auch mein Produzent hat sofort gesagt, den nehmen wir! Der Song ist der erste auf meinem Album und ich habe damit meine Lebenseinstellung ganz deutlich gemacht.

Die Sie wie beschreiben würden?

Ich bin ein durchaus positiv denkender Mensch, ich hebe nicht den Zeigefinger und sage: "Hört mir mal zu!", sondern ich biete euch etwas an von meiner Lebenserfahrung und von meiner extremen Lebensfreude.

Sind Sie als Kind in den Topf mit dem Zaubertrank gefallen?   

Ich kann zumindest sagen, dass ich eine Kindheit hatte, die ich jedem wünschen würde. Dann kommt hinzu, dass ich ein recht geerdeter Typ bin, das ist meine Basis. Für mich bildet Kindheit die Basis für das spätere Leben - was im Umkehrschluss jedoch nicht heißt, dass man es nicht schaffen kann, bloß weil man keine tolle Kindheit hatte. Aber es macht die Sache einfacher. Ich komm' aber auch vom Land - da haben wir noch die Kirschen vom Baum geklaut und haben Drachen steigen lassen, bis es dunkel wurde.

Also - Ihr Glas ist immer halbvoll und nicht halbleer …

Ja, schon, aber ich bin auch ein nachdenklicher und wissbegieriger Mensch. Ich frage mich, wo kommen innere Kräfte her, was bedeutet unser Leben für den einzelnen? Ich beschäftige mich mit den Fragen nach "Wer bin ich?", "Was kann ich?", "Wofür stehe ich?", und bin dann darauf gekommen, dass jeder von uns gar nicht sein ganzes Potenzial ausschöpft, dass wir unsere Ressourcen gar nicht komplett ausnutzen. Dabei ist unser Unterbewusstsein doch so extrem stark! Ich glaube ja, dass ich mich selbst mit Autosuggestion zu einem glücklichen Menschen erzogen habe.

Ewig mit Dir (Ltd. Fanbox mit Florian Silbereisen Duett)
EUR 39,99
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War Ihnen schon mal alles zu viel?

Ja, nach der ersten Runde Modern Talking, ganz klar, da hatte ich so etwas wie ein Burn-out, denke ich, da hieß das nur noch nicht so. Ich war müde, fühlte mich fremdbestimmt, hatte nur noch zu funktionieren. Dann wurde es besser, je älter ich wurde. Das erste "Nein" ist übrigens das Leichteste. Mit einem "Jein" bringt man sich so in Erklärungsnot. Wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht zu viel aufbürden, wir müssen Ballast abwerfen. Wir müssen außerdem auch darauf Rücksicht nehmen, dass wir anderen nicht zu viel aufbürden.

Aber wir fangen bei uns selbst an, oder?

Ja, das steigert natürlich unsere Lebensqualität! Wir müssen achtsam mit uns umgehen. Man muss trotzdem abwägen, immer wieder. Das Wichtigste, was ich gelernt habe, ist aber, dass wir uns selbst lieben müssen. Dass wir uns so nehmen, wie wir sind. Wir müssen uns immer wieder vor Augen führen, dass man für sich selbst der wichtigste Mensch auf der Welt ist.

Das könnte egoistisch klingen …

Ja, aber wenn ich mich nicht als superwichtig empfinde, kann ich doch auch meine Familie oder meine Freunde nicht auffangen. Natürlich, wenn jetzt einer mit der Knarre reinkäme, dann würde ich sagen, bitte erschießen Sie mich, tun Sie meinem Kind nichts, verschonen Sie meine Frau. Aber um Energie abzugeben, um gut miteinander auszukommen, muss ich mit mir im Reinen sein.

Geht Ihre Frau eigentlich permanent auf Wolke sieben mit so einem ausgeglichenen Mann, der ihr auch noch Lieder schreibt, die er vor Tausenden von Leuten für sie singt?

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Ein eingespieltes Team: Thomas mit seiner Claudia.

(Foto: imago/Spöttel Picture)

Es ist ihr ein bisschen unangenehm (lacht). "Hätt's nie ohne dich geschafft" habe ich für sie in New York zum ersten Mal gesungen, da war sie im Publikum. Normalerweise singe ich ja keine deutschen Songs in den USA, aber da habe ich eine Ausnahme gemacht. Den Song hat übrigens Gregor Meyle geschrieben, super Typ! Das war auch nicht geplant, es ist einfach passiert. Bei ihr flossen ein paar Tränen (lacht). Sie hat heute noch einen Kloß im Hals, wenn sie es hört.

Fallen Sie auch mal in ein schwarzes Loch, wenn Sie auf einer Tour allein sind? Eben noch vor ganz vielen Menschen, dann allein im Hotelzimmer?

Nein, eigentlich nicht. Es ist natürlich schön, wenn meine Frau da ist, aber ich komm gut allein klar.

Sie geben ein irre harmonisches Bild ab, Sie und Ihre Frau …

… ja, und das stimmt auch (lacht).

Und wenn Ihre Frau in die Hamptons will, dann sagen Sie: Kein Problem, Schatz, das machen wir …

Ja! Wir beide lieben den Film "Was das Herz begehrt" mit Jack Nicholson und Diane Keaton. Es war ein Traum von uns beiden, dort, wo dieser Film gedreht wurde, hinzufahren. Das habe ich mit der Tournee verbunden und ich konnte mich schon mal an die Zeitumstellung gewöhnen. Wir gönnen uns alle sieben bis acht Wochen so ein Wochenende zu zweit oder auch mal mit unserem Sohn.

Ist Ihre Frau manchmal eigentlich eifersüchtig oder genervt von den doch, wie ich annehme, meist weiblichen Fans?

Ich habe meiner Frau gesagt, dass ich mit der Hochzeit ja nicht blind wurde (lacht). Sie übrigens auch nicht. Aber wir wissen beide, wo unser Zuhause ist. Wir haben eine so starke Innigkeit und wenn einer von uns beiden von jemand anderem attraktiv gefunden wird, dann ist das etwas sehr Schönes, wir erzählen uns das, und das war's dann. Mein Publikum respektiert mein Privatleben - das möchte eine schöne Zeit bei einem Konzert haben und mehr nicht.

Mit Thomas Anders sprach Sabine Oelmann

Warum der Sänger sich selbst als "lebenden Kondensstreifen" bezeichnet und weshalb er "gerne für einen Tag Angela Merkel wäre", erzählt er am 1. Dezember ab 11 Uhr in der zweistündigen Radio-Talkshow "Mit den Waffeln einer Frau" der Kollegin Barbara Schöneberger auf barbaradio.

Thomas Anders ist im Mai 2019 auf Deutschland-Tournee.

Quelle: n-tv.de

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