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Alle Rocker haben bekanntlich auch eine weiche Seite: die Scorpions.
Alle Rocker haben bekanntlich auch eine weiche Seite: die Scorpions.(Foto: Moritz "Mumpi" Küster / Sony Music)
Freitag, 24. November 2017

Die Scorpions im Kuschel-Modus: "Wir brauchen wieder einen Wind of Change"

Vorweihnachtszeit ist Balladenzeit. Da wollen auch Deutschlands Vorzeige-Rocker von den Scorpions nicht hintenanstehen und setzen sich mit "Born To Touch Your Feelings" ihr Plüsch-Denkmal. Doch im n-tv.de Interview geht es auch um den knallharten Weltzustand.

Vorweihnachtszeit ist Balladenzeit. Wenn vor der Haustür die ersten eisigen Winde ihre Runden drehen und die Bäume ihre letzten Blätter ins Nirgendwo verabschieden, legt man in den Radio-Redaktionen der Republik den Schalter um. Aufmüpfige Beats und jaulende Gitarren machen Platz für Gezupftes aus der Zartbitterschublade. Plötzlich schälen sie sich wieder aus den Boxen: Wahlweise opulent aufbereitete oder im Kammermodus säuselnde Balladen á la "Tears In Heaven", "Nothing Compares 2 U" und "One Moment in Time".

Auch eine Band aus Deutschland ist mittendrin statt nur dabei, wenn es um vorweihnachtlichen High-End-Sound-Input geht. Und das auch nicht erst seit gestern. Die Scorpions bewiesen bereits im Februar des Jahres 1979 ("Holiday"), dass sie in puncto Schmusefaktor problemlos mit der internationalen Konkurrenz mithalten können. Knapp 40 Jahre später gehören die Hannoveraner zur Crème de la Crème der Balladen-Branche.

Mit ihrem neuesten Studiowerk "Born To Touch Your Feelings" setzen sich die Herren nun ihr längst überfälliges Plüsch-Denkmal. Chronologisch angeordnet servieren die Scorpions ihren Fans all ihre Balladen-Highlights der vergangenen vier Jahrzehnte auf dem Silbertablett. Im Zuge der Promo für das neue Album trafen wir uns mit Langzeit-Gitarrero Matthias Jabs zum Interview und sprachen über musikalische Höchstleistungen, mediale Panikmache und Karriere-Achterbahnfahrten.

n-tv.de: Matthias, im Pressetext zum neuen Album wird die Rockballade als "Königsdisziplin" beschrieben. Ist dem wirklich so? Und wenn ja, was macht das Schreiben einer Ballade so herausfordernd?

Matthias Jabs: Eine Ballade zu schreiben, ist ja an sich gar nicht so schwierig. Was allerdings nur den wenigsten Künstlern gelingt, ist das Transportieren von echten Gefühlen. Wir kommen gerade aus Russland und haben das mal wieder am eigenen Leib spüren dürfen. Songs wie "Still Loving You" und "Wind Of Change" brauchen wir nur kurz anzustimmen. Den Rest übernimmt das Publikum. Das schafft man natürlich nur, wenn die Songs das gewisse Etwas haben. Das ist so ähnlich wie beim Schauspieler. Wenn der weint, und im Kino weint keiner mit, dann war es auch nicht gut. Bei einer Ballade ist es ähnlich. Man muss die Leute erreichen. Schafft man das, singt die halbe Welt mit. Aber auch uns gelingt das nicht immer. Ausnahmeballaden wie "Wind Of Change", "Still Loving You" oder auch "Holiday" schreibt man nun mal nicht jedes Jahr.

Bringen eure drei brandneuen Balladen "Follow Your Heart", "Melrose Avenue" und "Always Be With You" alles mit, um ähnlich steil zu gehen wie beispielsweise "Wind Of Change" oder "Still Loving You"?

Matthias Jabs ist seit knapp 40 Jahren bei den Scorpions.
Matthias Jabs ist seit knapp 40 Jahren bei den Scorpions.(Foto: Oliver Rath / Sony Music)

Meiner Meinung nach sind es tolle Songs. Ob es allerdings irgendwann einmal Klassiker werden, entscheiden nur die Fans.

Der Song "Melrose Avenue" stammt aus deiner Feder. Du hast ja mit den Scorpions schon die ganze Welt gesehen. Was ist an der Melrose Avenue in Los Angeles so besonders?

Für mich ist es einfach ein Ort, an dem alles zusammen kommt. Dieses ganze California-Gefühl ist ja ein großer Bestandteil unseres Sounds. Und auf der Melrose Avenue pocht das Herz dieses Vibes. Die ganzen Läden, die schrillen Leute, das Flair: Wer schon einmal dort war, weiß, wovon ich rede.

Gibt es für dich eigentlich eine Mutter aller Balladen?

Auf jeden Fall. Ich denke, dass "Stairway To Heaven" von Led Zeppelin auch heute noch alles andere in den Schatten stellt.

Mich hat ja als Teenager das Osbourne/Ford-Duett "Close My Eyes Forever" total berührt.

Oh ja, auch ein toller Song. Solche Juwelen findet man heute leider kaum noch.

Woran liegt das?

Das ist schwer zu sagen. Keine Ahnung. Gerade heutzutage bräuchten wir viel mehr Songs, die die Menschen verbinden.

Was bereitet dir in puncto Weltzustand denn derzeit am meisten Sorgen?

Mittlerweile ist Ex-Motörhead-Drummer Mikkey Dee (r.) zu den Scorpions gestoßen.
Mittlerweile ist Ex-Motörhead-Drummer Mikkey Dee (r.) zu den Scorpions gestoßen.(Foto: Jovan Nenadic / Sony Music)

Auch das ist eine schwere Frage. Ich bin da, ehrlich gesagt, ein bisschen hin und her gerissen. Zum einen sehe ich natürlich die Probleme und das Leid in der Welt. Aber auf der anderen Seite weiß ich als erfahrener Vielreisender, dass es vor zwanzig oder dreißig Jahren nicht groß anders war. Heute wird das, was es auch schon früher gab, einfach nur intensiver verbreitet. Wir leben heute in einem Medienzeitalter, in dem viel zu viel Angst geschürt wird. Ich meine, wir haben erst vor Kurzem in der Ukraine gespielt. Der Veranstalter dort kam aus Russland. Die Leute haben da wunderbar miteinander gearbeitet. Hier bei uns wird es immer so dargestellt, als würden sich Russen und Ukrainer ausnahmslos bekriegen. Das stimmt aber nicht.

Wir brauchen also mal wieder einen "Wind of Change"?

Absolut. Mir ist das heutzutage viel zu viel Panikmache.

Zurück zur Musik: Du bist nun schon seit fast 40 Jahren mit den Scorpions unterwegs. Gibt es irgendeine Bandphase, mit der du besonders schöne Erinnerungen verknüpfst?

Wie jede andere Band hatten auch wir unsere Hochs und Tiefs. Für mich persönlich waren die Achtziger unheimlich spannend. Als wir damals in den Staaten so dermaßen explodierten … Das war schon ziemlich krass und eine tolle Zeit, die ich nicht missen will.

Und auf der anderen Seite? Gab es auch Zeiten, die du heute lieber unter den Teppich kehren würdest?

Natürlich gab es auch Phasen, in denen es um die Band nicht so gut bestellt war. Ich erinnere da nur an die Zeit, in der die Grunge- und Alternative-Welle über die Musikwelt schwappte. Damals hatten es Classic-Rock-Bands wie wir unheimlich schwer.

Ihr habt euch damals dann irgendwann entschieden, euch anzupassen.

Das Album "Born To Touch Your Feelings" ist ab sofort erhältlich.
Das Album "Born To Touch Your Feelings" ist ab sofort erhältlich.(Foto: Sony Music)

Das war wahrscheinlich der beste Fehler, den wir je gemacht haben. (lacht) Wir haben uns die Haare abgeschnitten und angefangen, experimentellere Musik zu machen. Damit konnten unsere eingefleischten Fans natürlich überhaupt nichts anfangen. Glücklicherweise haben wir dann irgendwann die Kurve wieder gekriegt und uns auf unsere Wurzeln besonnen. Das hat dem ganzen Gefüge noch mal so einen richtigen Ruck gegeben.

Klaus, Rudolf und du, ihr seid ja sowas wie das magische Dreieck der Band. Auf den anderen Positionen hingegen kommt immer mal wieder Bewegung ins Spiel. Zuletzt hat James Kottak für Mikkey Dee Platz gemacht. Oder eher Platz machen müssen (Kottak soll seit längerer Zeit Alkoholprobleme haben)?

Ja, wohl eher Letzteres. Wir haben mit James wirklich alles versucht. Wir haben ihm Zeit gegeben, ihm einen mehrwöchigen Reha-Aufenthalt bezahlt und versucht, so gut es ging, ihm zu helfen. Aber letztlich erreichten wir einfach einen Punkt, an dem es nicht mehr ging.

War Mikkey Dee eure erste Wahl?

Ich hatte Mikkey schon länger auf dem Schirm. Sicher, wir haben uns damals auch mit Namen wie Tico Torres (Bon Jovi) und Eric Singer (Kiss) beschäftigt. Aber man will ja auch keiner befreundeten Band den Drummer wegnehmen. Und bei Mikkey war es halt so, wie es war. Lemmy war im Himmel. Motörhead waren Geschichte. Tja, und dann haben wir uns halt zusammengesetzt und Nägel mit Köpfen gemacht. Was viele nicht wissen: Mikkey stand ja schon bei der letzten Tour mit James abrufbereit im Background. Glücklicherweise haben wir die Tour mit James aber ohne Probleme über die Bühne gebracht.

Bleibt noch die große Frage: Wird Mikkey irgendwann auf einem komplett neuen Studioalbum zu hören sein?

Also, wenn wir nochmal ins Studio gehen sollten, dann gehe ich fest davon aus, dass uns Mikkey auch begleiten wird. Ich kann dir aber nicht sagen, wann das der Fall sein wird. Wir sind jetzt schon wieder fast komplett verplant bis Ende 2018. Vielleicht 2019? Ich weiß es echt nicht. Die Leute sollen sich überraschen lassen. Ich sitz da, ehrlich gesagt, im selben Boot. (lacht)

Mit Matthias Jabs sprach Kai Butterweck

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Quelle: n-tv.de

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