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"Tatort" mit Lena Odenthal Eine Kugel für den Sheriff

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Kommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) ermittelt im Plattenbau eines Problembezirks.

(Foto: SWR/Jacqueline Krause-Burberg)

In Ludwigshafen geht es diesmal auf die Schattenseite der Stadt. Im Schankraum einer Westernkneipe liegt der Wirt mit einem Loch im Kopf hinterm Tresen. Der Hobby-Sheriff aus dem Plattenbau-Gebiet war möglicherweise selbst einem Verbrechen auf der Spur.

Eines vorweg: Wer sich nach dem fordernden Faschingsdrama und dem faden Franken-Fall der Vorwochen nach knackigem Krimi-Entertainment sehnt, dem sei in puncto "Tatort" empfohlen, seine Erwartungen für den Sonntagabend nicht allzu hoch zu schrauben. Dabei fängt der 71. Fall aus der Ludwigshafener Filiale durchaus spannend an, klassischer geht es kaum. Hans Schilling, Wirt und einer der Namensgeber der Saloon-Kneipe "Bei Hanne und Hans", bestückt am Morgen sein Lager, räumt Bierkästen weg, als er plötzlich innehält und kurz darauf ein Schuss fällt. Wenig später betritt der junge Samir (Mohamed Issa) den Schankraum, es dauert anschließend ungewöhnlich lange, bis er die Polizei verständigt.

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Leon und Vanessa - im Viertel besser bekannt als "Leonessa".

(Foto: SWR/Jacqueline Krause-Burberg)

Für die Kommissarinnen Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Johanna Stern (Lisa Bitter) werden die Ermittlungen zum Ausflug in eine andere Welt. Plattenbauten bestimmen das Bild in diesem Problemstadtteil. Zerfurcht sind die Gesichter der Stammgäste im Saloon, die Fassaden sind von einem Grauschleier überzogen, nicht nur die Alten, auch die jungen Leute sind bereits fast aller Hoffnungen beraubt. Mit dem Verhör Samirs lernen Odenthal und Stern schnell auch dessen engste Kumpels kennen. Da ist Leon (Michelangelo Fortuzzi), dessen Mutter (Karoline Eichhorn), eine Lektorin mit Likör-Neigung, die Tage auf dem Sofa im rumpeligen Wohnzimmer verschläft, und da ist seine Freundin Vanessa (Lena Urzendowsky), eine burschikose Pagenkopf-Trägerin, die sich ihr Taschengeld, genau wie Leon, mit fragwürdigen Gelegenheitsjobs aufbessert. Die beiden sind unzertrennlich, so heißt es, im Viertel nennt man sie daher nur "Leonessa".

Milieustudie und Jugendporträts

Zum zweiten Mal führt Connie Walther beim Ludwigshafener "Tatort" Regie, über 20 Jahre ist es her, dass sie den Fall "Offene Rechnung" inszenierte. Die Welt der Lena Odenthal anno 2020, diesmal von Autor Wolfgang Stauch ersonnen, ist eine völlig andere als damals. Kollege Kopper ist längst Geschichte, das Verhältnis zur Kommissarin Stern hat sich auch nach einem guten Dutzend Fälle noch nicht zurechtgeruckelt. Umso problematischer, dass der Fall um den Wirt mit Hang zur Selbstjustiz und jene illusionslosen Kids die Kommissarin unmittelbarer angreift, als ihr lieb ist. Die Nerven liegen von Beginn an blank, der Geduldsfaden nur eine Bierlänge kurz, beinah kommt es gar zu handgreiflichen Auseinandersetzungen mit der Kollegin.

In der Auswahl zwischen Krimi und Sozialstudie entscheidet sich dieser Fall schnell für Letzteres. Das wäre auch eine prima Sache, baut der Cast mit den Jungstars Mohamed Issa ("Dogs of Berlin"), Michelangelo Fortuzzi ("Alles Isy") und Lena Urzendwosky ("Das weiße Kaninchen") doch auf jede Menge Talent. Rund wird das dennoch nicht, die ruhige Erzählweise erweist sich als latent träge. Die Nebenrollen von der Alk-Mutter über die entnervte Wirtin bis hin zum frisch ertappten Geschäftsmann werden symbolhaft ins Geschehen geschoben, das titelgebende Binnenverhältnis zwischen Leon und Vanessa wirkt konstruiert und nur angerissen, die Ermittlungen des Teams - Stichwort Waffenfund! Stichwort Undercover mit Apfelschorle! - wirken amateurhaft, ja, grotesk.

"Leonessa" versucht sich an Milieustudie und Jugendporträts, an Kneipenkultur und Prekariat, bietet einiges an Atmosphäre, findet aber kaum einmal seinen Ton. Dass im Finale qua Zeitlupe schließlich noch der verbliebene Rest an Tempo herausgenommen, passt leider ins Bild.

Quelle: ntv.de