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Göttinger Identitären-"Tatort" Nazis, Feminismus und der ganze Rest

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Influencer-Nazi: die ermordete Marie (Emilia Schüle).

(Foto: NDR/Frizzi Kurkhaus)

Bomberjacke und Springerstiefel waren gestern, heute sind Nazis nur noch selten auf den ersten Blick als das erkennbar, was sie wirklich sind. Eine besonders perfide Spielart der neuen Rechten sind die Identitären - im neuen "Tatort" wird die Bewegung auseinandergenommen.

Sophie Behrens (Jenny Schily) ist eine starke Frau mit einem beeindruckenden Lebenslauf: Als Vorkämpferin der Emanzipationsbewegung machte sich die Juraprofessorin im vergangenen Jahrtausend einen Namen, heute lebt sie mit ihrer Lebensgefährtin in einer offen lesbischen Beziehung. Nun soll sich bald ihr Lebenstraum erfüllen, Behrens ist als Bundesverfassungsrichterin nach Karlsruhe berufen worden. Letzteres ist allerdings eine höchst umstrittene Entscheidung, weil die Juristin in den vergangenen Jahren ihre feministischen Positionen durch ein völkisch inspiriertes Frauenbild ersetzte und mittlerweile sowohl den Abtreibungsparagrafen 218 verteidigt als auch rechtsextreme Ansichten propagiert.

Neben jeder Menge Feinden hat Behrens mit ihrem neuen Kurs allerdings auch neue Bewunderer gefunden, unter ihnen die junge Marie (Emilia Schüle). Die Studentin sieht mit ihrer Stupsnase und den großen staunenden Augen aus, als könnte sie kein Wässerchen trüben, ist aber als Influencerin für die "Junge Bewegung" unterwegs, eine rechtsextreme Studentenbewegung, deren Mitglieder man wohl am ehesten als Fascho-Hipster bezeichnen müsste. Marie und Behrens sind nicht nur ein heimliches Paar, die Studentin rettet ihre Professorin bei einer Podiumsdiskussion auch in letzter Sekunde vor einem Farbbeutelanschlag - und liegt wenige Stunden später mit durchgeschnittener Kehle im Wald.

Unter der Hipster-Fassade

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Die Kommissarinnen müssen sich mit Nazis herumschlagen, die etwas von Öffentlichkeitsarbeit verstanden haben.

(Foto: NDR/Frizzi Kurkhaus)

Die Komissarinnen Schmitz (Florence Kasumba) und Lindholm (Maria Furtwängler) stochern bei ihren Ermittlungen im neuen Göttinger "Tatort" ziemlich schnell in einer Szene, die sich alternativ und gebildet gibt, im Grunde genommen aber der gleiche braune Sumpf wie eh und je ist: Die Göttinger Neofaschisten orientieren sich eng an ihren realen Vorbildern von der "Identitären Bewegung", der Anführer Felix (Samuel Schneider) ist der Identitären-Galionsfigur Martin Sellner sogar wie aus dem Gesicht geschnitten - nur eben mit Brille.

Die Geschichte selbst wird in weiten Teilen über Maries Videoblog "National feminin" erzählt, ein geschickter Kniff, um großzügig Rückblenden einzubauen - und gleichzeitig Empathie für Marie zu wecken. Indem er die Rechtsextremen als Menschen mit Ängsten und Bedürfnissen zeigt, schafft es Drehbuchautor Florian Oeller wie schon im Rostocker Nazi-"Polizeiruf" "In Flammen", eine merkwürdige und beunruhigende Nähe zu den eigentlichen Antagonisten aufzubauen - die einen extrem schalen Nachgeschmack hinterlässt, wenn irgendwann die wahren Gesichter unter der Hipster-Fassade zum Vorschein kommen.

Denn da lauern sie dann nämlich doch noch, die hässlichen Fratzen des Faschismus mitsamt all den dumpfen Parolen: "Hau ab, Afrika braucht dich", ätzt etwa einer der Neo-Neo-Nazis in Richtung von Kommissarin Schmitz, als die ihn im Verhör in die Ecke treibt. Dass die Beleidigte sich davon nicht aus der Ruhe bringen lässt und Schmitz auch abseits von Begegnungen mit der "Jungen Bewegung" eine neue Gelassenheit mitbringt, tut dem Göttinger "Tatort" gut - bleibt zu hoffen, dass die aufgesetzt wirkende Aggressivität, die der Kommissarin in den vergangenen Folgen noch in die Rolle geschrieben worden war, dauerhaft Vergangenheit ist.

Quelle: ntv.de

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