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Anspruch auf Witze? Super gemacht, Luke Mockridge!

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Sein "Fernsehgarten"-Auftritt spaltet die Gemüter: Luke Mockridge.

(Foto: imago/Future Image)

Ein Komiker macht Kalauer ungefähr auf dem Witze-Niveau der sonntäglichen Fernsehsendungen von ARD und ZDF. Schon heißt es "Skandal" und "Eklat". Aber was ist eigentlich so schlimm gewesen? Satire darf doch alles.

"Soll ich das jetzt erzählen?", fragt Moderator Stefan Mross, im Zweitberuf Trompeter, scheinheilig zu Beginn seiner ARD-Show "Immer wieder sonntags". Der Zuschauer weiß natürlich, dass er seine Story gleich fortsetzen wird, weil es das Drehbuch so will. "Doch, ich erzähl's", erklärt er denn auch und berichtet von irgendeinem "jungen Kollegen", der unter Alkoholeinfluss irgendwohin fuhr und in irgendeine Kontrolle geriet. "Herr Polizist, ich hab nur Tee getrunken", ahmt Mross einen Besoffenen nach. "Da sagt der Polizist: 'Ja, Sie haben mindestens 1,8 Kamille.'"

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Puah. Saukomisch. Hahahaha. Später kommt ein Bauchredner und verkündet, vier Kilo abgenommen zu haben. Eine Puppe sagt: "Oh, vier Kilo, warst du beim Friseur oder was?" Puah. Saukomisch. Hahahaha. Ernsthaft: Das Publikum lacht über die Kalauer, gerne auch Zoten, für die das Wort Fremdschämen erfunden worden ist.

Puah. Saukomisch. Hahahaha

Das Pendant von "Immer wieder sonntags" beim ZDF ist der "Fernsehgarten". Dort gingen die Witzchen am Sonntag so: "Woran erkennt man eigentlich alte Menschen?" Antwort: "Sie haben graue Haare, sind schrumpelig und riechen immer nach Kartoffeln." Puah. Saukomisch. Hahahaha. Oder: "Eine Banane, ein Apfel und eine Zigarette unterhalten sich: Sagt die Banane: 'Ich hab's so schwer, ich werde geschält und gegessen.' Sagt die Banane (sic!): 'Ich werd' nicht mal geschält, ich werd' nur gegessen.' Sagt die Zigarette: 'Habt ihr ein Glück, meine Haare werden weggebrannt und mir lutscht die ganze Zeit jemand am Popo." Puah. Saukomisch. Hahahaha.

Die Scherze sind ungefähr so öde wie die aus "Immer wieder sonntags". Erzählt hat sie der Comedian Luke Mockridge, der eigentlich richtig komisch sein kann. Medien machten aus dem Schwachsinn einen "Eklat" oder "Mega-Eklat", einen "Skandal" und eine "Vollkatastrophe". In Leserkommentaren und sozialen Medien wird dem Komiker "Ehrgefühl" abgesprochen, ist von einer "ganz billigen Nummer" und von "mangelndem Respekt vor Kollegen" die Rede.

Ein schlechter Witz

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Lädt jeden Sonntag in den ZDF-"Fernsehgarten": Moderatorin Andrea Kiewel.

(Foto: imago images / Eibner)

Die Frage ist nur: Warum? Was soll so schlimm daran sein, dass sich ein Comedian absichtlich auf das ungefähre Witze-Niveau jener Sendungen begibt, die an unterhaltsamer Belanglosigkeit kaum zu überbieten sind? Mit Verlaub: Auch die Empörung ist ein schlechter Witz! Zumal im ZDF-"Fernsehgarten" nicht wenige Gäste tatsächlich über Mockridges Auftritt gelacht und ihn beklatscht haben, wie sie es immer tun, egal wer da gerade was gesungen oder gesagt hat, Hauptsache, es passt zu diesen Stunden illusionierter Heititeiti-Welt aus Kalauern, Ballermann-Musik, Spielen und Service-Tipps. 

Mockridge hat sich der Masche bedient, von der Böhmermann und Co bestens leben. Sie parodieren Erscheinungen der realen Welt, machen sich auf spezielle Weise lustig über bestimmte Personen und Bevölkerungsgruppen oder -schichten. Und dafür werden sie in der Regel hochgelobt und - wie Böhmermann und Mockridge - mit Grimme-Preisen versehen. Warum sollte das "Fernsehgarten"-Publikum nicht veralbert werden dürfen? Heißt es nicht immer: Satire darf alles? Ja, vorausgesetzt, niemand fühlt sich beleidigt. Hach, die armen "Fernsehgarten"-Zuschauer.

Einen an der Klatsche

Mockridge hat etwas getan, was sich nicht jeder traut: Er hat sich auch selbst auf die Schippe genommen und - im wahrsten Sinne des Wortes - zum Affen gemacht. Obendrein bekannte er sich zu seinem wahren Ziel: "Ich muss das leider so lange machen, bis ihr lacht." Das Zeug zur Selbstironie hat er ebenfalls: "Ihr denkt, ich habe einen an der Klatsche - und das habe ich auch." Klar, das ist irgendwie gemein und unredlich dem Publikum gegenüber. Aber ein Skandal ist es: never, ever.    

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Erst vor wenigen Monaten erhielt Luke Mockridge einen Grimme-Preis.

(Foto: imago images / Gartner)

Es ist doch so: Sobald jemand irgendwelchen Erwartungshaltungen - Moderatorin Andrea Kiewel hatte erklärt, ihre Redaktion "verehrt ihn wie verrückt" und sei froh, dass er gekommen ist - nicht entspricht und gegen den Verhaltenskodex in Fernsehformaten verstößt, noch dazu sonntags im öffentlich-rechtlichen TV, wird er gescholten. Die Schauspielerin Katja Riemann hatte eine Welle der Empörung ausgelöst, als sie sich vor Jahren den Fragen eines NDR-Moderators entzog, etwa die zu ihren Haaren: "Haben Sie die gefärbt?" Riemann war unsinnigerweise als überempfindliche, arrogante Zicke gebrandmarkt worden. Dabei wollte sie nur öffentlich keine privaten Fragen, noch dazu von größtmöglicher Irrelevanz, beantworten und hat das offen gezeigt.

Komplett ausgerastet?

Nun hat sich Mockridge geweigert, Erwartungen zu entsprechen und gefälligst richtig lustig zu sein. Dass er niemals wieder in den "Fernsehgarten" eingeladen wird, dürfte er einkalkuliert haben und verschmerzen. "Never ever again", sagte Moderatorin Andrea Kiewel, die den Gast in einer angenehm unaufgeregten Art und Weise zurechtgewiesen hat, die man als vorbildhaft bezeichnen kann. Ungeachtet seines Auftritts nannte sie Mockridge respektvoll einen "jungen Künstler". Verrückt, was Medien aus Kiewels freundlich, aber bestimmt vorgetragener Kritik machten, etwa der Onlineauftritt der "Gala": "Andrea Kiewel rastet wegen Luke Mockridge komplett aus." Komplett ausgerastet? Kennt "Gala" nicht die schrägen TV-Auftritte von Nina Hagen und Klaus Kinski? So geht Ausrasten.  

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Oder war es doch nur eine Wette?

(Foto: imago/STAR-MEDIA)

Auch die erste Reaktion des ZDF auf Twitter war klasse - und ausnahmsweise wirklich witzig: "Wir haben leider vergessen, das Playback von Luke Mockridge einzuspielen." So konnte man damit umgehen. Zumal Kiewel und das ZDF zu denjenigen gehören, die auf den affigen Witzbold voll sauer sein dürfen. Denn er hat ihre Sendung zum Opfer seines Humors gemacht. Sie haben ihn für eine erwartete lustige Leistung bezahlt und stattdessen nachgeahmte Furze erhalten. (Jetzt bitte nicht mit den Fernsehgebühren kommen.)

Vermutlich war der absurde Auftritt Mockridges kein verkappter Appell für mehr Hochkultur – gar am Sonntagmittag – im ZDF und dafür, das "Literarische Quartett" mal vor Mitternacht zu zeigen. Sollte es sich tatsächlich um eine Wette gehandelt haben, wie im Internet gemutmaßt wird, wäre sein Auftritt weniger amüsant. Dann wird er sich entschuldigen – und alles ist gut. Aber wenn seine Guerilla-Aktion tatsächlich eine ironische Abrechnung mit dem Witze-Niveau der Friede-Freude-Eierkuchen-Sendungen in ARD und ZDF gewesen sein sollte, kann man nur sagen: Alles richtig gemacht, Luke Mockridge.

Quelle: n-tv.de

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