Panorama

"Riesenproblem" kommt auf uns zu 15.000 neue Corona-Fälle - was bedeutet das?

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Aktuell sind fast drei Viertel der fast 22.000 Intensivbetten in Deutschland belegt - doch es existiert noch eine Notfallreserve von mehr als 12.000 Betten.

(Foto: imago images/Ralph Lueger)

Seit Tagen gibt es immer neue Höchststände bei den Neuinfektionen. Rufe nach einem "Teil-Lockdown" werden laut - Bund und Länder planen bereits neue Maßnahmen. In den Kliniken ist die Lage derzeit zwar noch unter Kontrolle. Doch Experten warnen, dass die Probleme erst noch bevorstehen.

Deutschland steht ein unangenehmer Corona-Herbst bevor: Das Robert-Koch-Institut meldet mit fast 15.000 Neuinfektionen einen neuen Höchststand seit Beginn der Pandemie. Kanzlerin Angela Merkel und Kanzleramtschef Helge Braun hatten intern bereits zu Beginn der Woche gewarnt: "Die Lage ist bedrohlich." Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sprach in der "Rheinischen Post" von einer "nationalen Notlage", die "schlimmer als im Frühjahr werden kann". Was macht die gegenwärtige Situation so gefährlich?

Im Unterschied zu den Neuinfektionen liegen die aktuellen Zahlen zu Todesfällen und der Auslastung der Krankenhäuser in Deutschland noch deutlich hinter den Spitzenwerten im Frühjahr. Zuletzt wurden 48 neue Todesfälle binnen eines Tages gemeldet - Mitte April waren es mehr als 300. Fast 1500 an Covid-19 erkrankte Menschen lagen auf Intensivstationen in Deutschland, fast 700 mussten beamtet werden. Im April waren es in der Spitze fast 3000, wovon zum Teil fast drei Viertel beatmet werden mussten.

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Doch der Direktor der Klinik für Intensivmedizin an der Uniklinik in Hamburg-Eppendorf, Stefan Kluge, warnte in der "Zeit", dass sich die Situation in den Krankenhäusern bald wandeln könnte. Denn das "Tückische" seien langsame Verläufe der Infektion, Patienten kämen erst "etwa zehn Tage nach Symptombeginn auf die Intensivstation, beatmete Patienten werden dort fast drei Wochen behandelt - im Durchschnitt". Todesfälle würden oft erst viele Wochen nach der Infektion auftreten. Ein Blick auf das Frühjahr zeigt auch: Wurden die meisten Neuinfektionen damals Anfang April verzeichnet, war der Höhepunkt bei den Todesfällen erst Mitte April erreicht - bei der Zahl der Intensivpatienten sogar noch ein paar Tage später.

Droht dem System der Kollaps?

Es ist also nicht die aktuelle Situation, die Politiker und Experten umtreibt - sondern eine, die in der Zukunft liegt, sich aber durch die aktuellen Zahlen andeutet: "Die Zahl der Covid-19-Patienten auf deutschen Intensivstationen hat sich seit vergangener Woche auf 1470 verdoppelt", so Kluge. Das sei ein "Riesenproblem, das da auf uns zukommt". Auch Merkel mahnte laut der "Bild"-Zeitung, dass es bei der Zahl der belegten Intensivbetten, alle zehn Tage eine Verdopplung gebe. "Noch viermal Verdopplung, und das System ist am Ende", so Merkel.

Zuletzt waren laut dem Intensivregister der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) fast 22.000 Intensivbetten in Deutschland belegt, annähernd 7700 waren noch frei. Darüber hinaus steht eine Notfallreserve von 12.717 Intensivbetten bereit, die innerhalb von sieben Tagen verfügbar wären.

Noch gebe es zwar "ausreichend Kapazitäten an freien Intensivbetten und Beatmungsgeräten", betonte DIVI-Präsident Uwe Janssens gegenüber den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Das "viel größere Problem" sei jedoch das Thema Personal: Grob geschätzt fehlten bundesweit 3500 bis 4000 Fachkräfte für die Intensivpflege. Auch Kluge berichtet, dass bereits "Operationen, die nicht lebensnotwendig sind", abgesagt werden. Denn wenn es auf Intensivstationen knapp würde, sei es das Personal aus den OPs, das zur Unterstützung herangezogen werde. "In vielen Krankenhäusern in anderen Bundesländern ist es schon wieder so weit."

Anteil älterer Erkrankter nimmt zu

Die Lage in den Krankenhäusern droht sich zudem dann zu verschärfen, wenn immer mehr ältere Menschen betroffen seien, warnt Kluge. Seien im Sommer nur zwei Prozent der Infizierten auf die Intensivstation gekommen, waren es im Frühjahr einer von fünf Infizierten. Und seit Anfang September "nimmt der Anteil älterer Personen unter den Covid-19-Fällen wieder zu", schreibt das RKI in seinem jüngsten Lagebericht. Zudem würden wieder vermehrt Corona-Ausbrüche in Alten- und Pflegeheimen gemeldet.

Hoffnung, dass die Zahl der Neuinfektionen von allein wieder sinkt, gibt es derzeit nicht. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier rechnet damit, dass bereits Ende der Woche 20.000 Neuinfektionen pro Tag gemeldet werden. Laut dem Online-Simulator der Universität des Saarlandes, der aufgrund aktuell verfügbarer Daten den weiteren Verlauf der Pandemie berechnet, wäre bereits am 1. November die von Merkel Anfang Oktober noch für Weihnachten in Aussicht gestellte Zahl von 19.200 Neuinfektionen pro Tag überschritten. Bei einem anhaltenden Trend gibt es laut dem Modell an Heiligabend eine halbe Million neue Infektionen - pro Tag.

Um eine drohende Überlastung des Gesundheitssystems zu verhindern, soll die aktuelle Infektionswelle daher "gebrochen" werden. Der Bund setzt dabei auf drastische Kontaktbeschränkungen - nach einem Entwurf der Beschlussvorlage des Bundes, der ntv vorliegt, sollen diese Maßnahmen ab dem 4. November deutschlandweit in Kraft treten und bis Ende des Monats gelten. Der Entwurf ist die Grundlage für eine Video-Konferenz von Kanzlerin Angela Merkel mit den Ministerpräsidenten der Länder, die für den Mittag anberaumt wurde. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn betonte gegenüber dem SWR, dass es besser sei, jetzt die Welle zu brechen: "Wenn die Intensivstationen voll sind, dann ist es zu spät."

Quelle: ntv.de