Panorama

Kinder, Job und Corona-Krise Alleinerziehende fühlt sich im Stich gelassen

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Ohne Kinderbetreuung in Kita und Schule können viele Alleinerziehende ihrem Beruf nicht mehr nachgehen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Bereits vor dem Coronavirus war es für Alleinerziehende oft nicht einfach, Kind und Job unter einen Hut zu bekommen. Die Pandemie hat nun die Probleme verschärft. Eine alleinstehende Mutter erzählt ntv.de von den Schwierigkeiten, die Arbeit, Kind und Corona-Krise mit sich bringen.

Schule dicht, Kontaktverbot, kein Recht auf Notbetreuung - die Schocknachricht traf Jasmin Kaufmann* Mitte März völlig unerwartet. Sie ist alleinerziehende Mutter und arbeitet in Wernigerode in einem mittelständischen Unternehmen. Ihr neunjähriger Sohn besuchte bis vor Kurzem die dritte Klasse. "Als die Schule wegen des Coronavirus geschlossen wurden, habe ich erst einmal zwei Wochen Urlaub genommen", erzählt die 39-Jährige ntv.de. Eine andere Möglichkeit hat sie nicht gesehen.

Kaufmann ist eine von 1,8 Millionen erwerbstätigen Alleinerziehenden in Deutschland. Doch laut Statistischem Bundesamt hat nur etwa ein Viertel von ihnen Anspruch auf eine Notbetreuung. Denn bisher ist eine systemrelevante Beschäftigung maßgeblich für einen Betreuungsplatz für Kinder ab dem Kita-Alter bis zur sechsten Klasse. Kaufmanns Beruf zählt nicht dazu. Arbeiten gehen muss sie dennoch. "Finanziell wird es langsam eng", sagt Kaufmann. Für April meldete ihre Firma Kurzarbeit an. "Zum Glück hatte ich noch etwas an die Seite geschafft, so ging es diesen Monat ganz gut mit der Kurzarbeit." Zudem war sie froh, dass die Hort-Gebühren zunächst auf Eis gelegt worden sind.

"Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll"

Am Anfang ist sie noch in die Firma gefahren. Doch schon bald musste sie feststellen, dass das nicht funktioniert. "Spätestens nach zwei, drei Stunden kam dann der Anruf von zu Hause", erzählt Kaufmann. Ihr Sohn sei noch zu jung, um den ganz Tag alleine zu bleiben. "Er hat ja so gut wie keine sozialen Kontakte." Nur mit einem Freund könne er alle paar Tage spielen. "Wenn ich nach Hause kam, war der Kühlschrank geplündert", erinnert sich Kaufmann. "Aus Langeweile hat er viel gegessen und zugelegt." Schließlich entschloss sie sich, ganz zu Hause zu bleiben. Seitdem gehen die beiden täglich spazieren, wandern oder Fahrrad fahren.

Die Zeit hätten sie bis jetzt ganz gut überbrückt, sagt Kaufmann. Was ihr Sorgen macht, ist allerdings die Zukunft. Ab Mai stellt ihr Arbeitgeber die Kurzarbeit wieder ein. Das bedeutet, dass sie wieder regulär in die Firma gehen muss. Wo ihr Sohn dann bleibt, weiß sie nicht. "Ich habe schon bei der Stadtverwaltung angerufen, doch die konnten mir noch nicht sagen, wann Schule und Hort wieder öffnen", sagt Kaufmann. Das stünde erst am 30. April fest. Auch die Schuldirektorin hätte noch keine Auskunft darüber, ob und wann die dritten Klassen wieder zum Unterricht kommen können.

"Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll", sagt Kaufmann. Zu ihren Eltern kann und will sie ihren Sohn nicht geben - sie gehören zur Risikogruppe. Daher könne sie das nicht verantworten. Zu dem Vater des Kindes, der weit weg wohnt, sei der Kontakt seit langem abgebrochen. Sonst gebe es niemanden. Kaufmann ist verzweifelt - und wütend: "Warum spricht niemand über uns Alleinerziehende, die nicht systemrelevant sind?" Sie hätten schließlich mit den gleichen Sorgen und Nöten zu kämpfen.

Forderungen nach einer bundesweiten Lösung

Die Probleme sieht auch der Bundesverband alleinerziehender Mütter und Väter (VAMV): "Ohne Kinderbetreuung in Kita und Schule können viele Alleinerziehende ihrem Beruf nicht mehr nachgehen", sagt die Vorsitzende Daniela Jaspers. "Zur finanziellen Not kommt dann die Angst um den Job und die eigene Existenz." Daher fordert der Verband, die Notfallbetreuungen in allen Bundesländern für Alleinerziehende zu öffnen, unabhängig von ihrem Beruf. Bundesfamilienministerin Franziska Giffey warb zuletzt ebenfalls für bundesweite Regelungen.

Doch noch sind diese nicht in Sicht. Und so gibt es von Bundesland zu Bundesland große Unterschiede zwischen den Betreuungsmöglichkeiten der Kinder von alleinerziehenden Müttern und Vätern. Berlin und Schleswig-Holstein ermöglichen beispielsweise allen erwerbstätigen Alleinerziehenden eine Notfallbetreuung. In Sachsen-Anhalt hingegen bekommen zusätzlich nur die Elternteile, die im Handel tätig sind, diese Möglichkeit.

Für Kaufmann heißt das: Abwarten und hoffen, dass die Schulen bald öffnen. Einen Notfallplan hat sie nicht. Einige Leute rieten ihr, sich einfach ihren Resturlaub zu nehmen. "Aber die Urlaubstage sind doch eigentlich für etwas anderes gedacht", sagt sie. "Was ist, wenn man im Sommer doch noch verreisen darf?" Dann müsste ihr Sohn wieder alleine zu Hause sitzen - das wäre nicht fair. Im schlimmsten Fall müsse sie sich krankschreiben lassen, sagt Kaufmann. "Aber das kann doch nicht die Lösung sein…"

*Name von der Redaktion geändert

Quelle: ntv.de

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