Panorama

Winterchaos am Alpenrand Bad Tölz ruft Schnee-Katastrophe aus

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Tonnenschwere Lasten auf den Dächern: Gebirgsjäger unterstützen lokale Hilfskräfte im Kampf gegen den Schnee.

(Foto: REUTERS)

Ungewöhnlich ergiebige Dauerschneefälle lähmen das öffentliche Leben im Alpenraum. Die enormen Schneelasten auf Bäumen, Steilhängen und Dächern entwickeln sich vielerorts zur tödlichen Gefahr. Katastrophale Ausmaße meldet nun auch Bad Tölz-Wolfratshausen.

Ausnahmesituation an den Alpen: Aufgrund der starken Schneefälle gilt seit dem späten Donnerstagabend auch im südbayerischen Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen der Katastrophenfall. Neben der Gemeinde Jachenau, wo der Katastrophenfall schon vor Tagen ausgerufen wurde, hätten nun auch weitere Gemeinden im Kreis mit den Schneemassen zu kämpfen, teilte das Landratsamt in der Nacht mit. Große Probleme gebe es mit Zufahrtsstraßen, umstürzenden Bäumen und vor allem den Schneelasten auf den Dächern, hieß es.

Das Gewicht der aufliegenden Schneedecke dürfte am Wochenende eher noch zunehmen, wie n-tv Meteorologe Björn Alexander erklärte. "Ab Samstag kommt vorübergehend mildere Luft allmählich auch in Richtung Erzgebirge und Alpenrand voran, bis Montag steigt die Schneefallgrenze vorübergehend bis etwa 1000 Meter an. Das heißt: Die Schneedecke wird in vielen bewohnten Gebieten massiv durchfeuchtet, das Gewicht auf den Dächern steigt."

Schnelles Handeln ist in den betroffenen Regionen das Gebot der Stunde. Vor allem Flachdächer und andere anfällige Bauwerke müssen so rasch wie möglich von den teils meterhohen Schneehauben befreit werden. "Der Schnee kann sich unter ungünstigen Umständen wie ein Badeschwamm vollsaugen, ohne dass er viel Tauwasser oder Regenwasser abgibt", warnt Björn Alexander. Aus einer lockeren Pulverschneeauflage könnten sich so schnell tonnenschwere Lasten entwickeln.

Bundeswehr im Schnee-Einsatz

Bad Tölz-Wolfratshausen ist nach den Kreisen Miesbach, Berchtesgadener Land und Traunstein der vierte Landkreis in Bayern, in dem der Katastrophenfall ausgerufen wurde. "Die Katastrophenschutzbehörde koordiniert nun die Einsätze der Rettungs- und Einsatzkräfte sowie weiterer Dienststellen und kann gegebenenfalls auch noch einmal zusätzliche Hilfe zum Beispiel von Seiten der Bundeswehr anfordern", sagte Landrat Josef Niedermaier.

Im Raum Miesbach und Berchtesgaden war die Bundeswehr bereits im Einsatz und räumte Dächer. Weitere Kräfte der Gebirgsjäger, der Luftwaffe, der Streitkräfte und des Sanitätsdienstes seien in erhöhter Bereitschaft, teilte ein Sprecher des Landeskommandos Bayern mit.

Großräumige Verkehrsbehinderungen

Das heftige Winterwetter macht vielen Menschen in Bayern und dem südlichen Sachsen sowie auch in Österreich und der Schweiz weiterhin schwer zu schaffen. Im Kampf gegen die Schneemassen in Bayern hoffen die Rettungskräfte auf besseres Wetter. Laut Vorhersagen sollen die Schneefälle vorübergehend etwas nachlassen. Zumindest kommt dann kein Neuschnee hinzu. Die Lawinengefahr dürfte jedoch unverändert hoch bleiben.

Noch unklar ist, wann der Zugverkehr in Süd- und Ostbayern wieder überall anrollen kann. Weil die Bahn auf den verschneiten Strecken nicht mehr mit dem Räumen hinterherkommt, sind viele Verbindungen unterbrochen. Auch viele Straßen sind wegen der Schneemassen und der zahlreichen umgestürzten Bäume gesperrt. Feuerwehr, Technisches Hilfswerk und weitere Helfer sind im Dauereinsatz, um einsturzgefährdete Dächer von den Schneelasten zu befreien.

Wegen einer Sperrung der Autobahn 8 am Chiemsee im Landkreis Rosenheim saßen seit Donnerstagabend zahlreiche Menschen bei teils starkem Schneefall im Stau fest. Das Bayerische Rote Kreuz baute Pflegestützpunkte auf. Die Helfer sollten den Stau abgehen und die Menschen versorgen. Auch in den frühen Morgenstunden konnte die Polizei zunächst keine Entwarnung geben.

Ein neunjähriger Junge kam in der Nähe von München unter einem umstürzenden Baum ums Leben. Der Baum brach in Aying unter der hohen Schneelast zusammen, wie die Polizei berichtete. Erst nach 40 Minuten entdeckten Zeugen den darunter begrabenen Jungen und alarmierten die Rettungskräfte. Diese versuchten am Nachmittag rund eine Stunde lang vergeblich, das Kind wiederzubeleben.

Nach Angaben der Polizei stand der etwa zehn Meter große Baum auf einem privaten Grundstück und stürzte auf einen Zufahrtsweg. Experten warnen in den betroffenen Regionen auch vor den Gefahren von Dachlawinen und Schneebrüchen. Das Betreten von verschneiten Wäldern könne in Süddeutschland zurzeit akute Lebensgefahr bedeuten, betonte die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzerverbände.

"Schneefrei" an bayerischen Schulen

In der Schweiz rollte eine etwa 300 Meter breite Lawine in ein Hotelrestaurant und verletzte drei Menschen leicht. Wie die Polizei mitteilte, suchten Einsatzkräfte auf der Schwägalp im Kanton Appenzell Ausserrhoden auf rund 1300 Metern Höhe zunächst nach möglichen Vermissten. Dabei kamen neben technischem Gerät auch Lawinenhunde zum Einsatz. Am Abend musste die Suche aber aufgrund starker Schneefälle vorerst abgebrochen werden.

Im Raum Berchtesgaden an der Grenze zu Österreich saßen zeitweise Hunderte Menschen fest, weil Zufahrtsstraßen gesperrt werden mussten. In zahlreichen Landkreisen in Oberbayern und Schwaben fällt an diesem Freitag der Unterricht aus. Zu gefährlich sei der Schulweg für die Kinder und Jugendlichen, hieß es von den Behörden. Eine Betreuung für die Schüler sei aber vor Ort möglich. In den vergangenen Tagen war bereits in vielen Landkreisen der Unterricht ausgefallen.

Quelle: n-tv.de, mmo/dpa

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