"Stille Rebellion"Bei Deutschlands Jugend "braut sich was zusammen"
Von Aljoscha Prange
Globale Krisen, Wehrpflicht, Rente: Junge Menschen in Deutschland suchen entweder an den politischen Rändern nach Antworten oder wollen einfach nur noch weg. Experten warnen, diese "stille Rebellion" der Jüngeren nicht zu ignorieren.
"Das tut weh". So lautet das Fazit des renommierten Soziologen Klaus Hurrelmann zur am Mittwoch vorgestellten Studie "Jugend in Deutschland 2026". Das Ergebnis: "bitter". In der breit angelegten Befragung gab fast ein Drittel der 14- bis 29-Jährigen an, psychologische Hilfe zu benötigen. Weil globale Krisen, Geldsorgen und düstere Zukunftsperspektiven sie zu sehr belasten.
Da teure Mieten, knapper Wohnraum, schlechte Jobaussichten und steigende Preise die Lebenssituation zusätzlich verschärfen, denkt laut der Studie jede fünfte junge Person in Deutschland darüber nach, die Bundesrepublik zu verlassen - um im Ausland bessere Bedingungen zu finden.
Ein weiterer Trend: die Abwanderung an die politischen Ränder. Die Linke ist derzeit die beliebteste Partei unter jungen Menschen (Sonntagsfrage: 25 Prozent) in Deutschland, besonders unter jungen Frauen. Gleichzeitig gewinnt die AfD vor allem bei jungen Männern an Zustimmung.
"Stille Rebellion"
"Der Protest der Jugend ist nicht laut, aber unter der Oberfläche braut sich etwas zusammen", betont Studienautorin Nina Kolleck von der Universität Potsdam. Eine "stille Rebellion" junger Menschen nennt es der Jugendforscher und Herausgeber der Studie, Simon Schnetzer.
Auf eine politische Radikalisierung der Jugend deuteten die Parteipräferenzen jedoch nicht hin. "Es gab radikalere Gruppen, wie etwa die Letzte Generation. Aber wir beobachten jetzt keine RAF, die durch Terroranschläge sich auf sich aufmerksam macht. Sie wählen die politischen Ränder, aber sie verhalten sich relativ gesittet", sagt Schnetzer im Gespräch mit ntv.de.
Doch es sei nicht ausgeschlossen, dass es irgendwann "auf die Barrikaden" gehe. Viele Kürzungen und Einschränkungen seien nicht sofort spürbar. "Ihnen ist oft noch gar nicht bewusst, was für krasse Konsequenzen das haben wird, wenn sie in Zukunft immer mehr von dem, was sie einnehmen, als Steuern abtreten müssen, um die sozialen Sicherungssysteme weiter zu finanzieren. Das wird erst später wehtun."
Dominanz der Boomer
Dass die jüngeren Generationen in Deutschland eine verhältnismäßig kleine Lobby haben, zeigt sich beim Blick auf die Altersstruktur der Wahlberechtigten. Bei der Bundestagswahl 2025 waren Seniorinnen und Senioren die größte Wählergruppe. Laut Statista waren fast 60 Prozent 50 Jahre oder älter. Die 18- bis 34-Jährigen kamen insgesamt auf etwa 20 Prozent.
Der demografische Wandel hat also nicht nur Einfluss auf das Gesundheitssystem, den Arbeitsmarkt und Wirtschaft. Sondern auch auf die Demokratie. "Wenn Politikerinnen und Politiker sich an denen orientieren wollen, von denen abhängt, ob sie gewählt oder wiedergewählt werden, dann halten sie sich an die Älteren. Denn die haben im Zweifel viel größere Hebel." Und bei Kürzungen würde zuerst da angesetzt werden, wo Politikerinnen und Politiker "den geringsten Widerstand vermuten - bei den Jüngeren", so Schnetzer.
Um sie im demokratischen Prozess nicht zu verlieren, plädiert Hurrelmann für eine stärkere Einbindung junger Menschen in politische Prozesse. Das Ziel müsse sein, der jungen Generation wieder mehr Vertrauen und Verantwortung zu geben – und sie in Entscheidungsprozesse einzubinden, die unmittelbaren Einfluss auf sie haben.
"Ein Zehnjähriger im Straßenverkehr"
Eines dieser Themen, das in Zusammenarbeit mit jüngeren Generationen angegangen werden müsse, ist die Regulierung von KI und sozialen Medien, sagt Schnetzer im ntv.de-Interview. "Was wir als Gesellschaft gerade erst langsam wahrnehmen ist, dass wir junge Menschen schutzlos in eine Welt voller Smartphones und Social Media schicken. Das ist, als würde man einen Zehnjährigen mit dem Auto von Papa im Straßenverkehr fahren lassen und sagen 'wird schon nichts passieren'."
Dabei gehe es nicht darum, jungen Menschen den Zugang zu Instagram, Tiktok und Co zu verbieten, sondern darum, sie im digitalen Raum zu schützen und sie im Umgang damit zu schulen. "Das Leben junger Menschen ist heute stark reglementiert und eingeschränkt. Aber da, wo massive Gefahren für die mentale Gesundheit lauern, greifen diese Beschränkungen nicht", mahnt Schnetzer.
Welche Folgen der unkontrollierte Gebrauch von Social Media und Künstlicher Intelligenz für junge Menschen haben kann, ist Kern einer weiteren diese Woche vorgestellten Befragung. In einer Studie der Krankenkasse DAK gibt jeder Zehnte an, sie oder er fühle sich von ihnen besser verstanden als von echten Menschen; und würde den Programmen Dinge anvertrauen, die sonst niemand oder nur enge Freundinnen und Freunde zu hören bekämen.
Hochgerechnet nutzen 1,5 Millionen junge Menschen soziale Medien problematisch. Das heißt, sie sind von einer Sucht bedroht oder bereits betroffen. Als explizit süchtig galten 2025 laut DAK und UKE 6,6 Prozent der 10- bis 17-Jährigen. Somit gibt es hochgerechnet rund 350.000 Kinder und Jugendliche mit einer pathologischen Nutzung. Dies entspricht einem Anstieg um 1,9 Prozent zum Vorjahr.
DAK-Vorstandschef Andres Storm sieht mit Blick auf Mediensucht bei Jüngeren dringenden Handlungsbedarf. Damit erste Maßnahmen bereits im kommenden Schuljahr greifen, müsse Deutschland unabhängig von einer EU-weiten Lösung handeln. "Für eine sinnvolle Altersregulierung braucht es jetzt eine rasche gesetzliche Regelung bis zur Sommerpause."
"Social Media fördert Einsamkeit"
Dass sich vieles immer mehr in den digitalen Raum verlagert, kann häufig zu Vereinsamung führen. Eine Studie des Instituts für Generationenforschung kommt zu dem Schluss, dass insbesondere Menschen der Gen Z zunehmend von Einsamkeit und Isolation betroffen sind.
"Gerade wegen mehrerer Stunden täglich Social Media fühlen sich junge Menschen der Generation Z einsamer. Soziale Medien tilgen also nicht die Einsamkeit, sie fördern sie", heißt es darin. Als hilfreichste Mittel gegen Einsamkeit nannte die Mehrheit der Befragten enge soziale Bindungen (39,8 Prozent), also den direkten Umgang mit anderen Menschen im realen Raum.
Das Fazit der Studie: "Wenn Unsicherheit zu Rückzug führt, muss gesellschaftlich an realen Lebensräumen angesetzt werden." Konkret heißt das, dass öffentliche Räume für Jugendliche sichtbar sicherer, zugänglicher und sozial nutzbarer gestaltet werden sollen. Außerdem müssten Angebote gefördert werden, die offline Gemeinschaft erzeugen, wie etwa Sportvereine, Kulturprojekte oder freiwilliges Engagement.
"Eine Eskalationsstufe darüber"
Drei Studien, ein Ergebnis: Viele jüngere Menschen in Deutschland fühlen sich abgehängt und nicht gehört. Und es sei "nicht nur ein Gefühl, dass es aktuell nicht optimal läuft", mahnt Schnetzer im Gespräch. Die Befragungen spiegeln nicht nur Befindlichkeiten wider, "wir sind schon eine Eskalationsstufe darüber".
Die "stille Rebellion" junger Menschen müsse endlich gehört werden und Politik und Gesellschaft dafür sorgen, dass sie Kompetenzen an die Hand bekommen, um ihr Leben erfolgreich zu beschreiten und gestalten; insbesondere mentale Gesundheitskompetenz, Finanzkompetenz und den richtigen Umgang mit Social Media und KI. "Ein starkes Deutschland braucht eine Vision und muss junge Menschen darin bestärken, sich hier selbstwirksam einzubringen und diese Vision mitzuentwickeln."