Panorama

Geld, Aufklärung, Hinsehen Bei Missbrauchstaten reicht Empörung nicht

Absperrband umgibt das Grundstück in einer Kleingartenkolonie am Stadtrand von Münster. Foto: Marcel Kusch/dpa

Die Tatorte sind Campingplätze, Villen oder wie im Münster-Fall eine Kleingartenkolonie.

(Foto: Marcel Kusch/dpa)

Für 2019 verzeichnet die Kriminalstatistik in Deutschland mehr als 13.000 sexuelle Missbrauchstaten. Die Dunkelziffer ist um ein Vielfaches höher. Wird, wie jetzt in Münster, ein Fall aufgedeckt, dann ist das Entsetzen groß. Doch die Wahrheit ist: Jeder kennt Opfer und vermutlich auch Täter - und schaut trotzdem weg.

Münster, Lügde, Bergisch-Gladbach - die Namen dieser Orte werden noch lange mit furchtbaren Fällen von sexuellem Kindesmissbrauch verbunden sein. Jedes Mal, wenn ein weiterer Missbrauchsfall aufgedeckt wird, ist das Entsetzen groß. Bis zum nächsten Mal.

Denn die unangenehme Wahrheit hinter diesen aufgedeckten furchtbaren Verbrechen ist: Es sind längst nicht alle und viele könnten verhindert werden. In Nordrhein-Westfalen wurden nach dem Missbrauchsfall in Lügde die Ermittlungskapazitäten massiv ausgebaut. NRW vervierfachte das Personal und verbesserte auch die technische Ausrüstung. Deshalb rechnet nicht nur der Polizeigewerkschafter Michael Maaz damit, dass in den kommenden Monaten weitere Taten entdeckt werden.

So einfach kann es sein, Missbrauch zu verhindern oder wenigstens zu ermitteln, wenn man es wirklich will. Dass die Tätergruppen so wie in allen Bereichen der Kriminalität, technische Entwicklungen sofort nutzen, ist allgemein bekannt. Auch die Täter und Täterinnen in Münster waren technisch hochprofessionell für die Aufzeichnung und Verschlüsselung der Missbrauchsvideos ausgestattet. Aber das kann kein Grund sein, die Verfolgung schleifen zu lassen oder sogar zu vermeiden.

In vielen Fällen, so wie in Münster und auch in Lügde, hatten Jugendämter zumindest Kontakt in den Täter- und Opferkreis. Doch die wenigsten Jugendämter sind bundesweit ausreichend personell besetzt und ausgebildet, um sich aktiv in mögliche Verdachtsfälle einzuschalten. Denn oft gehen die Täter extrem perfide vor und sind dabei nicht immer leicht zu durchschauen. Auch die Indizien, die bei Kindern auf einen möglichen Missbrauch hindeuten, sind oft sehr schwer zu erkennen. Umso wichtiger sind Vertrauensverhältnisse, in denen Opfer oder Mitwisser bereit wären, sich anzuvertrauen. Und umso wichtiger sind Aus- und Weiterbildungen, die Sozialarbeiter auch für Zeichen sensibilisieren, die leicht übersehen werden können.

Eine Million Opfer im Jahr

Über Missbrauchstäter ist in den vergangenen Jahren viel geforscht worden. Es ist bekannt, dass keineswegs alle pädosexuell veranlagt sind. Vielen geht es nur um die Machtausübung an Unterlegenen, deshalb benutzen sie Kinder. Bekannt ist auch, dass potenzielle Täterinnen und Täter häufig pädagogische oder therapeutische Berufe wählen, um sich ihren Opfern leichter nähern zu können. Am häufigsten geschehen die Taten innerhalb der Familie, aber auch in Sportvereinen, Freizeitclubs oder Schulen werden Kinder sexuell missbraucht.

Die Bandbreite der Taten ist enorm: Angefangen bei verbalen Belästigungen, nur scheinbar unabsichtlichen flüchtigen Berührungen über Küsse und Manipulationen der Genitalien bis hin zu schweren Formen sexueller Gewalt wie orale, vaginale und anale Penetration. Regelmäßig sind selbst erfahrene Ermittler, die Beweise dieser Taten sichern, erschüttert darüber, was Erwachsene oft schon sehr jungen Kindern antun. Darüber sollte in Elternversammlungen, Lehrerausbildungen und Ärzteweiterbildungen offen gesprochen werden. Nachbarn und Freunde sollten sich ermutigt fühlen, genauer hinzuschauen oder nachzufragen.

Für 2019 verzeichnet die Polizeiliche Kriminalstatistik in Deutschland mehr als 13.000 Straftaten des sexuellen Kindesmissbrauchs. Das Dunkelfeld, wie es die Kriminalisten nennen, ist in diesem Bereich groß. Die Weltgesundheitsorganisation geht davon aus, dass in Deutschland eine Million Kinder jährlich sexuell missbraucht werden. Die ebenso einfache wie erschütternde Schlussfolgerung daraus lautet: Jeder kennt auf jeden Fall Opfer und vermutlich auch Täter. Man weiß es nur nicht. Und wenn ein solcher Missbrauchsfall nicht gerade in allen Medien ist, wollen es viele auch gar nicht wissen. Das aber nützt nur den Tätern und verlängert das Leiden betroffener Kinder. Im schlimmsten Fall führt es zu neuen Opfern.

Quelle: ntv.de