Panorama

Prostitution in Damaskus Beliebte Straftat

Der schnauzbärtige Türsteher des Damaszener Nachtclubs "Al-Dschawhara" (Das Juwel) verspricht "westliche Atmosphäre". Westlich ist in dem Lokal im Herzen der syrischen Hauptstadt aber nur die Disco-Musik. Die Klientel ist vor allem nahöstlich. Und die Frauen, die hier mit vielversprechenden Blicken ihre Kunden locken, aus dem Osten: Aus Russland und anderen Staaten des ehemaligen Ostblocks. Syrerinnen haben keinen Zutritt. Die Männer und Frauen, die hier bei Bier und harten Drinks an langen dunklen Holztischen sitzen, finden meist keine Sprache, in der sie mehr als ein paar Sätze wechseln können. Trotzdem wird man sich rasch handelseinig.

Noch geschäftsmäßiger geht es in der kleinen Souterrain-Bar in der Nähe des Messegeländes von Damaskus zu. Hier kühlt eine kräftige Klimaanlage an diesem heißen August-Abend die Tanzfläche, auf der sich rund 20 Frauen zum "Fleischbeschau" aufgestellt haben. Die meisten von ihnen haben blondes langes Haar und blaue Augen. Sie tragen Schuhe mit Absätzen, die so hoch sind, dass an Tanzen nicht zu denken ist. Mit dem einstudiert-lasziven Blick von Porno-Darstellerinnen bewegen sie sich langsam hin und her. Sie lächeln nicht.

Fleischbeschau und Illusion

Die Frauen tragen schwarze Lack-Miniröcke, die so kurz sind, dass nichts der Fantasie überlassen bleibt. Im Fünf-Minuten-Takt nimmt einer der Männer, die um die Tanzfläche herum stehen, eine Frau an der Hand und verschwindet mit ihr. Eine andere Hure nimmt sofort den frei gewordenen Platz ein. Der syrische "Durchschnitts-Freier", der sich hier mit einem Drink in der Hand in aller Ruhe eine Ausländerin zur Befriedigung seiner sexuellen Wünsche aussucht, ist fünfzig Jahre alt, leicht übergewichtig und konservativ gekleidet.

Ganz anders ist die Atmosphäre dagegen in der nur zwei Straßenzüge entfernten Disco eines der Vier-Sterne-Hotels von Damaskus. Hier geht es um zwei Uhr morgens zwar auch vor allem um käuflichen Sex und schon draußen vor dem Eingang kann man hören, wie eine Hure und ein potenzieller Freier auf Arabisch um den Preis feilschen. Doch hier werden zusätzlich auch noch Illusionen verkauft. Die Besucher der Disco sollen sich fühlen wie Gäste auf einer privaten Party, die ein Mädchen kennen lernen.

Straftat in Glitzertops

Viele der Freier, die sich hier tummeln, sind jung. Fast alle von ihnen haben den ersten Geschlechtsverkehr ihres Lebens mit einer Hure. Die Männer sind Urlauber. Sie stammen aus den islamisch-konservativen arabischen Golfstaaten, wo Frauen auf der Straße Kopftücher tragen und Beziehungen zwischen Männern und Frauen außerhalb der Ehe undenkbar sind. Prostitution ist auch in Syrien eine Straftat. Doch die Polizei drückt gegen ein entsprechendes Handgeld gerne ein Auge zu.

Die Mädchen und Frauen, die hier ihr Fleisch zu Markte tragen, sind fast alle Araberinnen. Anders als die blonden Frauen in den Nachtclubs von Damaskus, sind sie an ihrer Kleidung nicht sofort als Huren zu erkennen. In ihrem Styling orientieren sie sich eher an den libanesischen Pop-Sängerinnen, die mit ihren gewagten Outfits oft den Zorn islamischer Scheichs auf sich ziehen. In einer deutschen Fußgängerzone würden sie mit ihren engen Jeans und Glitzertops nur wenig Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Flucht in die Prostitution

"Dein Lächeln hat mich verzaubert", schnulzt ein arabisches Lied aus den Lautsprechern und gleich mehrere der Mädchen blicken dem fremden Mann an ihrer Seite mit kokettem Lächeln tief in die Augen. Auf den niedrigen Tischen stehen geöffnete Whiskey-Flaschen neben überquellenden Aschenbechern und Schälchen mit Nüssen. Immer wieder springen die Frauen spontan auf und lassen zur orientalischen Musik die Hüften kreisen. Die jungen Saudis und Kuwaitis johlen begeistert und klatschen im Takt. Sie haben hier keine sprachlichen Verständigungsprobleme. Denn die meisten Huren, die hier für 50 bis 200 US-Dollar Sex anbieten, stammen aus dem Nachbarland Irak. Sie sind vor den Autobomben und Entführungen in der Heimat nach Syrien geflohen. Dann ging der Familie das Geld aus.

Von Anne-Beatrice Clasmann, dpa

Quelle: n-tv.de

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