Panorama

Quälende Bilder und Fragen Bergamo - das Trauma sitzt tief

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Schwer zu sagen, welche gesellschaftlichen Auswirkungen die schwere Zeit auf die Stadt haben wird.

(Foto: Affaticati)

Die Welt hat die Militärlaster mit den Särgen gesehen, die Einwohner von Bergamo haben sie erlebt. Eine gewisse Normalität ist wieder eingekehrt. Doch hört und sieht man sich um, spürt man die Angst, die nicht wieder vergangen ist.

Was man bei der Ankunft in Bergamo sofort wahrnimmt, ist, dass hier auch im Freien fast alle einen Mundschutz tragen. Bergamo liegt 50 Kilometer nordöstlich von Mailand, mit dem Auto sind es knapp 30 Minuten, also nur ein Katzensprung. Trotzdem hat man das Gefühl, die Orte trenne Welten. Die dramatischen Bilder von März und April mit den Militärlastern vor dem Friedhof, die zig Särge in andere Städte transportierten, weil das hiesige Krematorium überfordert war, haben die Welt schockiert. Aber der Bildschirm schafft, so dramatisch die Bilder auch sind, eine emotionale Distanz. Wer diese Szenen stattdessen miterlebt hat, den suchen sie immer wieder heim. "Es ist nicht so, dass sie mich verfolgen", sagt Padre Roberto Trussardi, der die Caritas in Bergamo leitet, "es kommt aber immer wieder vor, dass ich sie plötzlich vor den Augen habe".

Ein halbes Jahr ist seit jenen Wochen verstrichen, in denen es die Menschen, vor allem die älteren, nur so dahinraffte. Die offiziellen Zahlen sprechen von 6000 Covid-19-Opfern in Bergamo und der Provinz, viele vermuten aber, dass es weit mehr waren. Jetzt, wo die Infektionszahlen auch in Italien wieder steigen, registriert man hier aber weniger Fälle. Im Moment sind es durchschnittlich 15 neue Covid-19-Erkrankte am Tag und auch Todesfälle werden immer seltener.

Wo war Gott?

Der Bürgermeister der Stadt, Giorgio Gori, sagt ntv.de: "Wir Bergamaschi sind tatkräftige Menschen. Freilich, was wir erlebt haben, werden wir nie vergessen. Trotzdem irritiert es uns fast schon ein wenig, von den dramatischen Wochen zu sprechen, denn wir wollen nach vorne blicken." Und in der Tat, in der Stadt herrscht reges Treiben. Nichtsdestotrotz ist die Atmosphäre hier anders als in Mailand.

Padre Trussardi bestätigt den Eindruck. Er spricht von einer unterschwelligen Angst, die mit den finanziellen Schwierigkeiten zu tun hat, aber nicht nur: "Viele wenden sich an uns Priester, weil sie seelischen Trost benötigen. Der Schmerz, ihre Liebsten nicht nur verloren zu haben, sondern ihnen in der letzten Stunde nicht beigestanden zu haben, steckt tief."

Und das nicht nur bei den Älteren. Auch die Jugendlichen fordern Antworten. Im diesjährigen Sommercamp wurde er von ihnen des Öfteren gefragt: "Warum so viele Tote, wo war da Gott?" Trussardi: "Darauf hatte ich nicht immer eine Antwort, die sie zufriedenstellte." Er selbst habe aber gerade in den Jungen, die während der Pandemie anderen geholfen haben, Gott am Werk gesehen.

Jemand muss dafür Verantwortung tragen

Ganz andere Antworten fordern die Mitglieder des Komitees "Noi denunceremo" ("Wir prangern an"), das am 28. April von Hinterbliebenen von Covid-19-Opfer gegründet wurde. Ziel des Komitees ist es, die Klagen der Angehörigen zu sammeln und der Staatsanwaltschaft in Bergamo zu übermitteln. Ein Teil wurden schon eingereicht, weitere werden folgen. Cristina Longhini gehört zu den 575 Mitgliedern des Komitees. Die 39-Jährige hat im März ihren Vater verloren. Zuerst meinte der Hausarzt, es sei eine Grippe, und nur im letzten Moment wurde ihr Vater mit der Ambulanz ins städtische Krankenhaus Papa Giovanni XXIII eingeliefert. Einige Tage später bekam sie einen Anruf von einem Arzt, der ihr mitteilte, ihr Vater müsse unbedingt auf die Intensivstation, doch sie hätten keinen Platz mehr. Entweder die Familie würde einen in einem anderen Krankenhaus finden oder ihr Vater werde sterben.

Sie fanden keinen Platz, der Vater starb. "Ich habe später inoffiziell erfahren, dass es im Mailänder Krankenhaus Sacco einen Platz gab und die Papiere, um meinen Vater zu überweisen, auch schon ausgefüllt waren. Warum er aber dann doch nicht hingebracht wurde, weiß ich bis heute nicht. Außerdem warte ich noch immer auf seine Krankenakte. Es hat unzählige solcher Fälle gegeben und deswegen erstatten wir jetzt Anzeige." Irgendjemand müsse dafür die Verantwortung tragen - und damit seien nicht die Sanitäter gemeint, hebt sie hervor: "Dass der Präsident der Lombardei Attilio Fontana die Unverfrorenheit gehabt hat, zu sagen: 'Ich bin mit mir im Reinen, ich würde alles wieder genauso so machen", ist mehr als bodenlos", fügt Longhini am Ende hinzu.

Allem Schmerz und aller Wut zum Trotz - das Leben geht weiter. Marco Tribbia leitet den Sportverein Asd Team Brusaporto, der seit 2. September wieder geöffnet hat. Brusaporto ist eine kleine Gemeinde, fünf Kilometer von Bergamo entfernt, und zählt an die 5000 Einwohner. "Natürlich ist vom Organisatorischen alles schwieriger geworden", sagt Tribbia ntv.de. Das eigentliche Problem sei aber die psychische und emotionale Belastung, denn null Risiko gebe es nicht, was er auch den Eltern der Kleineren gesagt habe. Ihn berühre besonders die Gewissenhaftigkeit der Kinder. "Und ich muss immer wieder an die zwei 10-Jährigen denken, die sich hier seit dem Lockdown zum ersten Mal wieder gesehen haben. Vor Freude rannten sie sich entgegen, blieben plötzlich ein paar Meter voreinander stehen und sahen sich tief in die Augen, ohne sich aber einen Zentimeter zu nähern."

Und dann ist da noch etwas ganz Persönliches, das ihm keine Ruhe lässt. Am Anfang habe er die Todesanzeigen mit großer Bestürzung gelesen, doch im Laufe der Wochen wurde es fast schon zur Gewohnheit und es war so, als ginge es nur mehr darum, zu sehen, wen es nicht mehr gab. "Wie konnte es so weit kommen, dass ich nur mehr die Namen wahrnahm und nicht mehr den Menschen?"

Die Ärzte fühlen sich verraten

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Die Bewohner lieben ihre Stadt, natürlich!

(Foto: Affaticati)

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Jeder trägt seine Bürde. Angst, Schlafstörungen und Depressionen haben stark zugenommen, bestätigt die Psychotherapeutin Marianna Berizzi. Die Frage, die sich unweigerlich stellt, ist: Wie kommen eigentlich die Ärzte zurecht, die entscheiden mussten, welcher Patient gerettet werden sollte und welcher nicht, weil es nicht genug Betten in der Intensivstation gab? "Es sind nicht Schuldgefühle, sondern vielmehr Wut gegenüber den Institutionen, die sie empfinden", erklärt Berizzi. "Sie fühlen sich verraten und im Stich gelassen, weil sie ohne die nötige Ausrüstung an die Front geschickt wurden."

Berizzi weist aber auch auf ein weiteres Trauma hin. Viele Gemeinden der Provinz, die zwischen 1000 und 5000 Einwohner zählen, hätten eine ganze Generation, die der Älteren und mit ihnen auch die historischen Erinnerungen verloren. Schwer zu sagen, was das für die gesellschaftliche Entwicklung bedeuten werde. Im Moment blicken aber alle dem Herbst und dem Winter entgegen und hoffen, dass sie nicht noch einmal das Drama dieses Frühjahrs durchleben müssen.

Quelle: ntv.de