Panorama

Erste-Hilfe-Training für KinderBlutungen stillen, Wunden versorgen - Kindheit in der Ukraine

15.08.2026, 16:24 Uhr dff697a9-ec36-4d60-a8dd-b9e0363450ecInterview: Sabine Oelmann
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"Alles, was wir machen, ist mit Schmerzen verbunden": Marc Friedrich zeigt den Kindern, wie sie Extremitäten abbinden können, um Blutungen zu stillen. (Foto: AfK)

Erste Hilfe leisten zu können, ist sinnvoll. Erste-Hilfe-Training für Kinder und Jugendliche, die sich im Krieg befinden, ist etwas anderes. "Ambulance for Kids" ermöglicht Erste-Hilfe-Kurse für ukrainische Kinder, die damit in Notfallsituationen reagieren können.

Dass Kinder in der Ukraine ihre Erste-Hilfe-Kenntnisse eines Tages tatsächlich anwenden müssen, ist leider sehr wahrscheinlich. In Kursen lernen sie unter anderem, wie sie Verbände anlegen und Blutungen stillen können - oft extrem schmerzhaft für denjenigen, der sonst verbluten würde. Marc Friedrich, Gründer von "Ambulance for Kids", spricht darüber, wie wichtig dieses Wissen für Kinder ist.

ntv.de: Sie bringen Kindern bei, wie man Wunden nicht nur verbindet, sondern auch, was zu tun ist, wenn eine tiefe Wunde an Arm, Bein oder Bauch entstanden ist - und selbst, wenn Extremitäten fehlen. Das ist kaum vorstellbar für jemanden, der nicht im Krieg ist.

Marc Friedrich: Das ist viel, stimmt. Unser "Stop The Bleeding"-Training findet in Cherson statt und soll auf die Frontlinie ausgeweitet werden, denn tatsächlich scheinen wir damit einen Nerv getroffen zu haben, das Interesse ist groß. 

Wie lange machen Sie das schon - Kindern und Jugendlichen beibringen, wie man Verbände und Tamponaden anlegt?

Das mache ich schon lange, ich bin ja Notfallsanitäter. Aber dass wir insbesondere "Stop The Bleeding"-Kurse für Kinder anbieten, ist ein Konzept, das in diesem Krieg entstanden ist. Ich habe vorher noch nie einem Kind erzählt, wie es eine Schusswunde erstversorgen muss, oder wie es einen Verband anlegen kann. Das ist in Deutschland kein Bestandteil eines normalen Erste-Hilfe-Kurses für Kinder. 

Sie sind seit 2022 in der Ukraine unterwegs, seit 2024 konstant dort. Was bringt Sie dahin?  

Ich habe 2023 die Ambulance for Kids gegründet. Seit 2022 arbeite ich mit Be an Angel zusammen, anfangs für die Deutsche Flugambulanz. Wir haben etliche medizinische Evakuierungen von Kindern nach Deutschland durchgeführt, denen es heute in der Regel den Umständen entsprechend gut geht. Und wir waren zusammen in Cherson, in einem ganz besonderen Bunker, wo sich Kinder treffen, Spaß haben können, wo sie unterrichtet werden. Es gibt einen Klassenraum dort. Das Problem ist, dass die Kinder in Cherson nicht einfach draußen spielen oder zur Schule gehen können, das ist viel zu gefährlich. Es gibt immer mehr Drohnen und Artillerie. Deswegen brauchen sie einen solchen besonderen Ort. Er heißt übrigens "Childhood".

Die Organisation, die diesen Bunker leitet, heißt Silni bo vilni (oder strong because free/stark weil frei).  

Der Leiter hatte uns gefragt, ob wir uns vorstellen können, etwas für Kinder anzubieten, einen Erste-Hilfe-Kurs. Ich sagte darauf, "normale" Erste Hilfe ergibt jetzt vielleicht weniger Sinn - wenn, dann würde ich das tatsächlich darauf fokussieren, wie man kriegsbedingte Verletzungen erstbehandelt, sodass die Menschen überleben. 

Ein Kind ist mit seiner Familie in einer Wohnung, sie werden beschossen, Drohnen tauchen auf. Die Erwachsenen werden getroffen, oder das Kind selbst, hat vielleicht eine Schusswunde im Bauch, der Arm ist zerfetzt. Und das Kind handelt wirklich?

Genauso. Ja.

Wir können uns alle annähernd vorstellen, dass der Krieg wahnsinnig grausam ist. Aber jetzt muss das Kind ins Handeln kommen. Wie macht man so etwas einem Kind klar? Wie alt sind die Kinder, die zu Ihnen kommen?

Die waren jetzt zwischen 6 und 19 Jahre alt. Man muss das den Kindern natürlich erklären. Es geht aber auch nicht nur darum, was passiert, wenn die Eltern verletzt sind. Es geht auch darum, was passiert, wenn das Kind selbst verletzt ist. Überdies geht es darum, worauf die Kinder achten müssen, welche Sicherheitsmaßnahmen es gibt. Dass eben nichts von der Straße aufgehoben wird, was man nicht kennt, weil die Russen mittlerweile tatsächlich Minen in Verpackungen platzieren, die aussehen wie Feuchttücher.

Das ist ja an Grausamkeit nicht zu überbieten ...

Kinder lernen, dass sie zuerst nach Hilfe rufen müssen. Und man muss ihnen erklären, dass jeder Mensch erst mal Angst hat, wenn etwas passiert und wenn man ganz viel Blut sieht.

Viele Menschen haben Angst zu helfen, weil sie denken, sie könnten etwas falsch machen.

Das ist auch in Deutschland ein großes Problem. Aber wir trainieren die Kinder. Wir erklären, was passiert. Ja, vielleicht blutet deine Mama gerade, aber du kannst ihr helfen. Und um dir oder deiner Mama zu helfen, zeigen wir dir jetzt, wie du das am besten tun kannst. Das heißt, wir schaffen ein bisschen Selbstvertrauen. Und Selbstvertrauen wiederum sorgt für Sicherheit, die die Kinder brauchen, um zu helfen.

Sie wissen, dass das wehtun kann ...

Ja, das sagen wir ihnen. Alles, was wir machen, ist mit Schmerzen verbunden. Egal, ob es das Anlegen eines Verbandes oder eines Abbindeschlauchs ist, oder ob man in eine Wunde ganz viel Verbandsmaterial packen muss, um die Blutung einer tiefen Verletzung mit Druck von außen zu stoppen. Das nennt sich Wundpacking. Die Kinder wissen nach dem Kurs, dass sie auf diese Art die Blutung der Arterie oder Vene, oder was auch immer da verletzt wurde, zum Stillstand bringen. Das tut natürlich weh, zumal sie vorher mit dem Finger in eine Wunde reingehen müssen, um den Blutungsort zu lokalisieren.

Das sagen und zeigen Sie den Kindern?

Ja, natürlich. Wir können das nicht schön verpacken. Es tut weh. Aber die Kinder sind nicht dumm. Die wissen, dass das weh tut.

Nutzen Sie auch diese natürliche Neugier, die Kinder noch haben?

Grundsätzlich nutzen wir natürlich die Neugier der Kinder. Sie sind sehr fokussiert, sie wollen das alles sehen und auch alles mal ausprobieren, was sehr gut ist. Angst hatten die Kinder meines Erachtens erst mal keine. Ein Kind hat grundsätzlich weniger Angst als wir. Viele Ängste werden den Kindern von uns Erwachsenen anerzogen.

Das Gefühl Angst ist manchmal aber gar nicht so unsinnig, weil es uns vor möglichen Folgen schützen könnte, oder?

Ja, aber in diesem Fall ist Angst nicht angebracht, denn Angst würde dazu führen, dass das Kind sich letztlich versteckt oder sich möglicherweise nicht richtig traut, etwas durchzuführen. Was am Ende zum Resultat hätte, dass ein Mensch stirbt, den das Kind vielleicht gut kennt, weil es Mama, Papa, Geschwisterkind, Oma oder Opa ist. Auch ein siebenjähriges Kind ist in der Lage, gewisse Dinge durchzuführen.

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Ein Kind kann in einer Notsituation helfen, es muss nicht tatenlos zuschauen. (Foto: AfK)

Wachsen Menschen in der Not über sich hinaus?

Jeder Mensch reagiert anders auf Belastungssituationen. Ich kann nicht sagen, welches Kind aus unserem Training richtig reagieren wird. Und in einer Paniksituation zu handeln ist ohnehin sehr, sehr schwer. Es gibt Menschen, die sind darauf trainiert, wie Feuerwehrleute, Rettungsdienste, Polizisten. Die müssen einen klaren Kopf behalten in solchen Situationen. Aber wir unterrichten hier kein Fachpersonal. Wir unterrichten Kinder. Und wir können nur versuchen, sie so gut wie möglich auf ein solches Ereignis vorzubereiten und hoffen, dass sie dann in der Situation die nötige Klarheit behalten, um helfen zu können. Ehrlicherweise hoffe ich vor allem, dass die Kinder das niemals brauchen werden, was wir ihnen beigebracht haben. Ich weiß aber, dass diese Wahrscheinlichkeit leider sehr gering ist, weil jeden Tag Human Safaris in der Ukraine stattfinden.

Wie sind diese Kinder drauf? Heute Sechsjährige waren zwei Jahre alt, als der Krieg begonnen hat, kommen jetzt in die Schule und müssen in einen Kellerraum. Auf dem Weg dahin können sie von Drohnen attackiert werden oder von Heckenschützen. Wie erleben Sie diese Kinder?

Wir erleben die Kinder, wie Kinder so sind: Sie wollen spielen, sind wissbegierig. Kinder stellen Fragen. Das ist auch in einem Bunker nicht anders. Die Kinder dort stellen vielleicht manchmal andere Fragen. Und man muss auch sagen - der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Man gewöhnt sich an alles. Die Kinder kennen manchmal nichts anderes. Wenn die zwei Jahre alt waren, als der Krieg begann und jetzt vielleicht sechs sind oder sieben, dann kennen die nichts anderes. Für die ist das die Normalität. Wenn die Eltern zur Arbeit gehen, werden sie in den Bunker gebracht. Da treffen sie ihre Freunde, haben Spaß. Zwischendurch hören sie ein paar Explosionen, aber sie erschrecken manchmal nicht mal mehr. Das ist schon sehr hart, wenn man das live miterlebt. Es ist einfach eine andere Realität.

Was brauchen Sie?  

Wir suchen eine Schirmfrau oder einen Schirmherrn für "Ambulance for Kids". Wir sind eine rein spendenfinanzierte Organisation. Wir arbeiten natürlich mit vielen anderen NGOs zusammen, und neben Spenden suchen wir Persönlichkeiten, die bereit sind, uns eine Stimme zu verleihen. Eine Stimme mit Gewicht, womit wir eine größere Reichweite erzielen könnten. Man kann uns in den Social-Media-Kanälen weiterverfolgen und man sieht, dass das Geld entsprechend eingesetzt wird. Wir sind gemeinnützig anerkannt, wir dürfen Spendenbescheinigungen ausstellen. Vielleicht findet sich jemand, der uns unterstützen möchte: diese Transporte durchzuführen, die Kurse oder unsere gesamte Organisation mit Übungsmaterialien auszustatten. Die Kinder bekommen am Ende ihrer Ausbildung eine Notfalltasche, die hat einen Wert von ungefähr 200 Euro. Wir haben Treibstoffkosten, Mietkosten alles rein spendenfinanziert und deswegen brauchen wir dringend Unterstützung von Menschen, die eine gewisse Reichweite haben. 

Wer spenden möchte:

Ambulance for Kids gUG (haftungsbeschränkt)

IBAN: DE37 3605 0105 0002 7992 29

BIC: SPESDE3EXXX

Sparkasse Essen

Paypal: Spende@ambulanceforkids.org 

Sofern eine Spendenbescheinigung erwünscht ist, bitte im Verwendungszweck die Adressdaten vermerken. Wer anders unterstützen möchte, kann sich rund um die Uhr unter der Nummer +4916092395672 melden.

Auch in dieser GoFund-Me-Initiative helfen Sie Kindern in der Ukraine

Quelle: ntv.de

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