Aus der Schmoll-EckeDarf man noch "Muttersprache" sagen?
Eine Kolumne von Thomas Schmoll
Unser Kolumnist hat einfach zu viel Zeit, er denkt über alles Mögliche nach. Zum Beispiel, ob Mutter- in Vater-, Eltern-, oder Personensprache umbenannt werden muss, um die Welt besser zu machen. Er recherchierte und merkte: Es gibt schon politisch korrekte Alternativen, etwa "Sprache A".
Hochverehrtes Publikum, hereinspaziert, hereinspaziert in den Zirkus meiner illustren Gedanken- und Sprachwelt. Sie werden es schon festgestellt und bedauert haben, dass ich länger nichts mehr über meine Lieblingsthemen geschrieben habe, warum Vincent van Goghs Genie zu dessen Lebzeiten nicht erkannt wurde, was Liszt mit seiner grandiosen H-Moll-Sonate erzählen wollte und ob Deutschland den Bach runter- oder gleich die ganze Welt untergeht. Zu Ihrer Freude / Ihrem Ärger: Das wird auch in dieser Kolumne nicht der Fall sein.
Ich gehe der Frage nach: Darf man noch Muttersprache sagen? Denn warum nur Straßen umbenennen, um die Welt besser zu machen? Doch was wäre die Alternative? Wir - jaja, das ominöse WIR, das es gar nicht gibt und nie gab, auch wenn es Angela Merkel vor geraumer Zeit noch behauptete - könnten aus der Mutter- die Vatersprache machen. Nicht etwa, um auch hier männliche Dominanz in der Gesellschaft sprachlich zu verdeutlichen, so etwas kann niemand wollen, schon gar kein Sehr-Gutmensch wie ich. Nein, so würde Müttern, also Frauen, die Bürde genommen werden, für den Sprachschatz einer Nation verantwortlich zu sein. Das würde sie vielleicht mental entlasten. Aber ich glaube, der Vorschlag hat keine Chance auf Durchsetzung, da er zu reaktionär erscheint.
Dann nehmen wir halt Elternsprache, das schließt Mütter (Frauen) und Väter (Männer) gleichsam ein. Doch sogleich höre ich sie, die Debatten, dass der neue Begriff Kinderlose ausschließt. Sehe ich sie vor mir, die Talkshows, wenn Maybrit Illner fragt: "Werden Kinderlose durch den Begriff Elternsprache diskriminiert?" Natürlich kam ich dann auf Personensprache. Das schlimme Wort Personen macht gerade Karriere, obwohl es furztrocken ist und nach Finanzamt oder auch Polizeibericht klingt. Der Ansprechpartner ist tot, es lebe die Ansprechperson.
Dazu ein Erlebnis neulich in der Berliner U-Bahn. Eine von mir weiblich gelesene Fahrperson (früher Fahrgast genannt) fragte ein (ihr?) Kind, das ich aufgrund seiner Gesichtsphysiognomie und Kleidung als männlich gelesen habe, was zeigt, dass es wichtig ist, in der Schule aufzupassen und lesen zu lernen: "Möchtest du später Feuerwehrmann werden? Oder Feuerwehrfrau? Oder Feuerwehrperson?" Die von mir weiblich gelesene Fahrperson, eventuell die Mutter des Kindes, lachte leicht, ihre von mir als männlich gelesene, erwachsene Begleitperson, eventuell der Vater des Kindes, aber nicht. Ich war daher nicht sicher, ob es die von mir weiblich gelesene Fahrperson ironisch gemeint hatte. Denn das von mir als Junge gelesene Kind war noch sehr jung und konnte den Witz, so es denn einer war, nicht verstehen. Vielleicht war es ernst gemeint und die von mir als weiblich gelesene Fahrperson wollte dem Kind kein Geschlecht aufzwingen.
Die "Wiener Linguistische Gazette" weiß, was der Kolumnist nicht wusste
Egal. Zurück zur Mutter-, Vater-, Eltern-, Personensprache. In meiner Ratlosigkeit habe ich "Muttersprache umbenennen" gegoogelt und siehe da: All meine Gedanken hätte ich mir sparen können, es gibt schon längst Alternativen, die sich nur noch nicht in der breiten Bevölkerung herumgesprochen haben, auch nicht zu mir. Wahrscheinlich habe ich zu viel Zeit und Gedanken in van Gogh, Liszt, Bäche und den Weltuntergang investiert, sodass mir das entgangen ist.
Die "Wiener Linguistische Gazette" lieferte in Ausgabe 92 schon (erst?) im Jahre 2022 "Beiträge zu einer komplexen Debatte". Titel: "Muttersprache, L1, Herkunftssprache... Terminologischer Pluralismus oder zu überwindendes 'Wirrwarr'?" Ich las: "So wird der Alltagsbegriff 'Muttersprache' durch 'Erstsprache', 'Primärsprache', 'Herkunftssprache', 'Familiensprache', 'L 1' oder neuerdings - einer Empfehlung des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens (GERS) folgend - durch 'Sprache A' ersetzt."
Wie gut, dass es die Sprachwissenschaft, die EU und die "Wiener Linguistische Gazette" gibt. Das gendernde Fachblatt ließ mich wissen: "Linguist:innen, und hier vor allem 'angewandten', ist seit Jahren oder gar Jahrzehnten bekannt, dass der Ausdruck 'Muttersprache' aus mehreren Gründen sehr problematisch ist und am besten vermieden werden sollte." Das heißt natürlich, dass die "Linguist:innen", vor allem die "angewandten" Vertretenden dieser Fachrichtung, entweder Jahre oder Jahrzehnte ihr Wissen vor der Allgemeinheit geheim gehalten oder mich nicht erreicht haben, was damit zu tun haben könnte, dass ich fernab des Elfenbeinturms lebe, in dem Antworten auf die Fragen gesucht werden, ob und wie man den terminologischen Pluralismus und/oder den Wirrwarr aushalten beziehungsweise überwinden kann oder muss.
Der Autor eines Beitrages hob hervor, dass sprachwissenschaftliche "Lai:innen", also ungefähr 99,9 Prozent der Weltbevölkerung, noch recht häufig "Muttersprache" sagen. Diese Erkenntnis spricht dafür, dass der Verfasser des Artikels den Elfenbeinturm ab und an zum Einkaufen oder Theaterbesuch verlässt, sonst wüsste er das nicht. "Ich selbst habe mich immer bemüht, 'Erstsprache' oder - in fachlicheren Kontexten - auch 'L1' zu verwenden." Bravo! Es folgte ein erschütterndes Geständnis. "Vor einiger Zeit fiel mir jedoch auf, dass ich nicht genau wusste, ob 'Erstsprache' eigentlich die Sprache meint, die ein:e Sprecher:in 'am besten' spricht oder ob es einfach nur die Sprache ist, die sie - chronologisch gesehen - als erste gelernt bzw. erworben hat." Sich darum nicht zu kümmern - oh je! Ein Glück, dass es keine Sprachpolizei gibt.
Sprachpolizei - nicht bei uns!
Deutschland ist natürlich schon sehr weit vorn, wie ich durch meine Recherche gelernt habe. Nicht bei der Sprachpolizei - was denken Sie nur! Nein, bei der Abschaffung der "Muttersprache". Beispiel gefällig? Gerne. Mit der nordrhein-westfälischen "Verordnung zur Anpassung schulrechtlicher Vorschriften" vom 23. März 2022, mit der - das wird Sie sicher wie der Rest der Kolumne brennend interessieren - die Vorgaben des 16. Schulrechtsänderungsgesetz des Bundeslandes umgesetzt worden sind, "wird der Begriff der Muttersprache durch den Begriff der Herkunftssprache ersetzt". Damit Sie allumfassend informiert werden - nur dafür bin ich Journalist geworden -, möchte ich Ihnen nicht vorenthalten, was noch geändert worden ist. "Auch die Terminologie 'Schule für Kranke" wird durch den Begriff 'Klinikschule' ersetzt." Es geht voran in Deutschland! Sprachlich gesehen.
Klingt schwer nach Grünen, oder? Da kocht die Wut hoch. Beschlossen wurde die Änderung von der schwarz-gelben Koalition unter Ministerpräsident Armin Laschet, ein deutscher Vatersprachler von der CDU. Bildungsministerin unter ihm war Yvonne Gebauer, eine deutsche Muttersprachlerin von der FDP. Inzwischen regieren CDU und Grüne in NRW. Doch siehe da, "anlässlich des Internationalen Tags der Muttersprache am 21. Februar 2025" kritisierte der Landesintegrationsrat die Entscheidung der Landtagsfraktionen von CDU, Grünen und FDP, den Antrag der SPD "zur Förderung von Mehrsprachigkeit an Schulen" abzulehnen. Damit das jeder mitbekommt, hat der Landesintegrationsrat seine Kritik nicht geheim gehalten, sondern in einem offenen Brief an die Fraktionsvorsitzenden niedergeschrieben. "Mehrsprachigkeit ist kein Hindernis, sondern ein Potenzial, das wir in NRW dringend stärker nutzen müssen." Na dann. Aber immer schön politisch korrekt sprechen, egal ob Mutter-, Vater-, Eltern-, Kind- oder Personensprachler.