Meeresspiegel, Unwetter, ErosionDas Meer frisst nicht nur in Italien den Strand
Von Andrea Affaticati, Mailand
Es ist vor allem der Anstieg des Meeresspiegels, der die Erosion der Küsten verursacht. Ein Phänomen, das weltweit zu beobachten ist - in den beliebten Urlaubsländern Italien, Griechenland und Spanien aber mit gefährlicheren Folgen.
Sie trägt ein weißes atemberaubendes Spitzenkleid, er einen schwarzen Anzug mit Fliege. Frisch getraut steht das junge Brautpaar unter dem majestätischen Felsbogen der Liebe, Arco dell'Amore. Hinter ihnen das kristallblaue Meer. Ort der Aufnahme ist Torre Sant'Andrea bei Melendugno, eine apulische Küstengemeinde, fast schon am Stiefelabsatz.
Wer so ein Foto hat - egal ob es die Erinnerung an den Hochzeitstag, einen Valentinstag oder einen schönen Urlaub ist - sollte es gut aufbewahren. Den Liebesbogen gibt es nämlich seit diesem Februar nicht mehr: Das Meer hat ihn weggerissen. Das einige Tage anhaltende Unwetter war wahrscheinlich nur der Gnadenstoß - Klimawandel und eine sich langsam in die Küste hineinfressende Erosion hatten schon Vorarbeit geleistet.
Der Klimawandel bedroht zunehmend die Küstenlandschaft, gleich ob es sich um Felsen oder Sand handelt. Von den Klippen brechen Felsbrocken ab, während die Sandstrände schmaler werden und sich das Wasser dem urbanisierten Raum nähert. Das ist nicht nur in Apulien so.
Etliche Hunderte Kilometer nördlicher von Melendugno, in der Lagunenstadt Venedig, ist die Lage nicht besser. Im Gegenteil, es gibt Wissenschaftler, laut denen der Meeresspiegel bis zur Jahrhundertwende um insgesamt einen Meter steigen wird. Sollten sie Recht behalten, würde das für Venedig den Untergang bedeuten.
Venedig 2100: Vom Meer verschluckt?
Das Beispiel Venedig mag sich für die eine oder den anderen übertrieben apokalyptisch anhören, unbestreitbar bleiben aber der Anstieg des Meerspiegels und die weggeschwemmten Strandabschnitte. Entlang der beliebten Adriaküste um Rimini kann man es selbst erleben. Manche Strandbäder stellen schon drei Reihen Liegestühle weniger auf. Anderswo sitzt man bei Flut mit der Liege im Wasser.
Die "Italienische Geographische Gesellschaft" prophezeit bis 2050, dass 70 Prozent der hiesigen Strände von Erosionserscheinungen betroffen sein und 20 Prozent der jetzigen Strände ganz unter Wasser liegen werden. Als besonders gefährdet gelten die obere Adriaküste entlang der Region Friaul-Julisch, Venetien und die Strände Sardiniens.
Das Problem betrifft aber nicht nur Italien, wie Ivan Federico ntv.de erklärt. Er ist Direktor der Global Costal Division des Europäisch-Mediterranen-Zentrums für Klimawandel (CMCC) mit Sitz in der apulischen Stadt Lecce. "Die Erosion trifft vor allem Strände, wo das Küstensystem nur eingeschränkt manövrierbar ist", sagt der Experte. Gemeint ist damit, dass sich diese Strände den neuen Herausforderungen, die der Klimawandel mit sich bringt, nur schwer anpassen, wenn überhaupt.
Schon im Jahr 2020 las man in dem Bericht des Joint Research Centre "Erosionsgefahr bei sandigen Küstenstreifen", dass bis 2100 fast die Hälfte der Sandstrände weltweit verschwinden könnte. Bis jetzt decken Strände 30 Prozent der Erdoberfläche ab. Zu den Ländern, deren Strände am meisten gefährdet sind, gehören Australien, Kanada, Chile, Mexiko und die USA.
Permafrost schmilzt stetig
Federico weist auf die Deltaregionen in Süd- und Südostasien hin und nennt als Beispiel das Mekongdelta. Dort sinkt der Grund immer mehr ein. Auch die Küste am Golf von Mexiko sowie die kleinen Atolle im Indischen Ozean, leiden darunter. Entlang der westafrikanischen Küste ist es, wie auch im Mittelmeerraum, vor allem die Urbanisierung, sind es die Häfen, die die sowieso schon prekäre Lage verschlimmern. Last but not least ebenfalls betroffen: "Die Arktis und Umgebung", hebt Federico hervor, "der Permafrost schmilzt, und die Küsten sind zunehmend dem Wellengang ausgesetzt."
Die Ursachen dieser Erosion sind mehr oder weniger überall dieselben, wie der Wissenschaftler bestätigt: steigender Meeresspiegel, Unwetter, die immer größere Verwüstungen anrichten, Ablagerungen, die nicht genügen, um die Erosion zu stoppen, und natürlich auch menschliches Eingreifen.
Strand und Identität sind in Gefahr
Der Mittelmeerraum ist aber mit einem zusätzlichen Faktor konfrontiert: Hier ist alles kleiner als im großen weiten Ozean. Um die Strände wirtschaftlich zu nutzen, sind sie nicht selten zwischen Felsen und Ortschaften eingepfercht. Deshalb spürt man die Folgen des Klimawandels auch stärker, der steigende Meeresspiegel und das Einbrechen von Sturmfluten können größere Schaden anrichten.
"Das Mittelmeer leidet unter einem enormen Urbanisierungsdruck", fährt Federico fort. Der Fokus richtet sich vor allem auf Italien, Griechenland und Spanien - die drei beliebtesten Urlaubsländer Europas im Sommer. In diesen sehen sich die Küstengemeinden mit zahlreichen Herausforderungen konfrontiert: dem Tourismus, der Wirtschaft, dem Umweltschutz und natürlich mit der Sicherheit ihrer Einwohner. "Häfen, Schutzbarrieren oder Molen können zwar einen Küstenabschnitt schützen", so Federico, "führen aber zum Beispiel zur Änderung der Frachtrouten entlang der Küsten. Das heißt, sie verschieben die Erosion auf andere Abschnitte."
Und dann ist da noch der Mangel an Ablagematerial: Neben Flut und Ebbe, die im Mittelmeer sowieso eher schwach sind, tragen auch Flüsse und Dünen zum Strandbestand bei. Vorausgesetzt, die Wasserwege wurden nicht umgeleitet oder verschüttet, und die Dünen mussten nicht Strandbädern, Lokalen, Promenaden und anderen Infrastrukturen weichen. Was aber immer wieder der Fall ist.
Es geht außerdem nicht nur Erde verloren, "sondern auch das kulturelle Erbe", hebt Federico hervor. Die Sturmfluten reißen die Geschichte weg und versenken sie. Im wütenden Meeresgetöse verschwinden archäologische Grabstätten, Festungen, historische Bauten, ganze Kulturlandstriche oder für die Forschung wichtige geologische Standorte. Das alles kann einen Identitätsschwund verursachen. Einen kollektiven, aber auch individuellen. Und das führt zurück zum Arco dell'Amore in Apulien und zu einer letzten Anmerkung: Weggerissen wurde er nicht an irgendeinem Tag, sondern am Valentinstag.