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Freitag, 21. Juli 2017

Amokläufer aus München : Die krude Gedankenwelt des David S.

Von Diana Sierpinski

Vor einem Jahr erschießt David S. in München neun Menschen. Sein Amoklauf an jenem lauen Sommerabend wurde minutiös rekonstruiert. Eine Frage aber steht weiter im Raum: Welche Rolle spielte seine rechtsradikale Gesinnung bei der Bluttat?

Der 22. Juli 2016 gegen 18 Uhr, am Olympia-Einkaufszentrum im Nordwesten von München sind Schüsse gefallen. Ein 18-jähriger Schüler läuft Amok und versetzt eine ganze Stadt über Stunden in Panik. David S. tötet an diesem Sommerabend neun Menschen - fast alle sind Jugendliche mit Migrationshintergrund. "Ich bin ein Deutscher", ruft der junge Deutsch-Iraner nach seiner Bluttat vom Dach eines Parkhauses und versteckt sich schließlich in einem Fahrradraum, den er gegen halb neun verlässt. Vor der Tür trifft er auf Polizisten, vor deren Augen er sich mit der Bemerkung, es sei jetzt sowieso vorbei, selbst erschießt.

Ein Jahr ist der Münchner Amoklauf her und die polizeilichen Ermittlungen seit Monaten abgeschlossen. Das Geschehen am Abend jenes blutigen Freitags wurde minutiös rekonstruiert, trotzdem kommen immer wieder neue schockierende Details zu den Hintergründen der Tat ans Licht. Besonders die Debatte nach dem Motiv wird durch die jüngsten Erkenntnisse neu befeuert.

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Zwar gibt es keinerlei Hinweise, dass David S. in rechtsextreme Strukturen eingebunden war, dennoch bleibt die Frage: Welche Rolle spielte seine rechtsradikale Gesinnung bei der Amoktat? Fast alle Getöteten stammten aus albanischen oder türkischen Familien.

Im Mai 2016 reiste David S. ins osthessische Bad Soden-Salmünster, wo die ermordete Studentin Tugce Albayrak begraben liegt. An ihrem Grab soll er Fotos geschossen haben. Später äußerte er sich abfällig über die Tote und machte sich über den tragischen Tod lustig. "'Fuck Tugce […] Warum mischt sich diese Missgeburt ein? […] Zum Glück ist sie gestorben", schrieb der damals 17-Jährige "Spiegel TV" zufolge im Chat eines Online-Spiels.

"Ausländische Untermenschen" und "Kakerlaken"

Ebenfalls gut ein Jahr vor seiner Bluttat verfasste David S. ein "Manifest", aus dem die bayerische Staatsregierung erst vor wenigen Wochen Auszüge veröffentlichte. Das Dokument ist überschrieben mit: "Die Rache an diejenigen die mich auf dem Gewissen haben." Es gibt tiefe Einblicke in die krude Gedankenwelt des späteren Amokläufers. Auf zwei Seiten beschreibt David S. darin seine hoffnungslosen Tage an der Schule und rätselt, was er "verbrochen" habe, um derart von seinen Mitschülern gemobbt zu werden.

Doch das "Manifest" offenbart auch das eindeutig rechtsextreme Gedankengut des Mörders. Der Stadtteil Feldmoching-Hasenbergl, in dem er aufgewachsen war, sei mit einem "Virus" infiziert, schreibt David S. und zieht im Folgenden über "ausländische Untermenschen", "Kakerlaken" und Menschen, die er "exekutieren" werde, her.

David S. entwickelte eine tiefe Abneigung gegen Jugendliche mit Migrationshintergrund, immer wieder äußerte er seinen Hass auf Türken. Eine Zeugin aus dem Familienkreis berichtete unter anderem, er sei "sehr stolz" auf seine persischen Wurzeln gewesen, weil er davon ausgegangen sei, dass der Ursprung der Arier in Persien gewesen sei. Während einer Psychotherapie-Stunde soll er "Sieg Heil" gerufen und den Hitler-Gruß gezeigt haben. Auch hegte er eine Faszination für den Rechtsradikalen Anders Breivik, der 2011 nahe Oslo 77 Menschen umbrachte.

Am Tag des Amoklaufs erstellt David S. eine weitere Datei - überschrieben diesmal mit: "Ich werde jetzt jeden deutschen Türken auslöschen egal wer". Darin schreibt der Schüler: "Das Mobbing wird sich heute auszahlen. Das Leid was mir zugefügt wurde, wird zurückgegeben." Dies spricht eher gegen eine politische Motivation und für die Schlussfolgerung der Ermittler, dass der rassistische Hass von David S. die Folge von persönlichem Leid war.

Die Auswahl seiner Opfer sei dem verallgemeinerten Feindbild der ehemaligen Mobber geschuldet, so die Ermittler. David S. habe bereits seit "frühester Kindheit unter teils massiven psychischen Störungen" gelitten, die Hänseleien hätten seine "krankheitsbedingt negative Lebenseinstellung" verstärkt. Auch deshalb sind sich die Behörden einig: Es war keine politische Motivation - massives Mobbing und psychische Probleme haben David S. zum Amokläufer gemacht.

Quelle: n-tv.de