Schrumpfende Bevölkerung Diese Regionen haben die schlechtesten Chancen im demografischen Wandel

Deutschland steht vor einem strukturellen Wandel: In den kommenden Jahren müssen immer weniger Erwerbstätige eine wachsende Zahl älterer Menschen versorgen. Eine Expertengruppe untersucht, welche Regionen für diese Herausforderung am besten gerüstet sind und welche nicht.
Die deutsche Bevölkerung beginnt wieder zu schrumpfen. Bis 2045 soll die Einwohnerzahl von 83,6 Millionen auf 81,1 Millionen zurückgehen, zeigt die Studie "Die demografische Lage der Nation" des Berlin-Instituts und der Stiftung Wüstenrot. Die einzelnen Regionen unterscheiden sich sehr in ihrer Entwicklung. Doch welche ist für diese neue demografische Lage am besten gerüstet?
Der BI-Index Zukunftsfähigkeit bewertet alle 400 Kreise und kreisfreien Städte in Deutschland nach den demografischen, wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen, mit denen diese Regionen für die Zukunft aufgestellt sind. Adrian Carrasco Heiermann vom Berlin-Institut nennt bei der Vorstellung der Studie die Lebenserwartung, das verfügbare Haushaltseinkommen pro Kopf, den Anteil von jungen Menschen ohne Abschluss oder auch das Verhältnis von Geschlechtern beim Bezug von Elterngeld als Faktoren.
Der BI-Index zeigt, dass viele ostdeutsche Kreise und Städte bei der Zukunftsfähigkeit tendenziell schlechter abschneiden. 12 der 20 Kreise und kreisfreien Städte mit den schwächsten Gesamtbewertungen liegen dort. Vor sieben Jahren waren es noch fünf. Die positive Tendenz setzt sich damit nicht weiter fort. Unter den 100 am schlechtesten bewerteten Kreisen stellt der Osten mit 44 die meisten Kreise.
Unterschiede im Osten und Westen
Der Studie zufolge befinden sich die ost- und westdeutschen Bundesländer in unterschiedlichen Phasen der Alterung. In Sachsen, Sachsen-Anhalt oder Thüringen wird die Bevölkerung immer älter. Für die in Rente gehenden Älteren rücken aber immer weniger Junge nach. Besonders stark fällt der Rückgang in Thüringen, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und dem Saarland aus. In der Prognose bis 2045 sinkt die Zahl der Menschen im Erwerbsalter um rund 12 bis 18 Prozent. Das bringt Herausforderungen, da diese Menschen arbeiten gehen und in die Sozialsysteme einzahlen. Mit der wachsenden Zahl an Älteren müssen weniger Erwerbstätige mehr schultern.
Dabei ist der Osten Deutschlands nicht einheitlich schlechter bewertet. Großstädte und Teile des Berliner Umlands schneiden deutlich besser ab als viele Regionen in Randlage. "Es greift zu kurz, die Trennlinien beim Index einfach zwischen Ost und West zu unterscheiden", sagt Heiermann. "Wenn man den besten und den schlechtesten Kreis vergleicht, liegen dazwischen fast zwei ganze Notenwerte." Er verweist auf eine gegenteilige Entwicklung in den anderen Bundesländern: "Im Westen, Norden und Süden ist der Abstand seit 2014 kleiner geworden."
Bayern dominiert Index
Der Index macht dennoch ein deutliches Gefälle zwischen dem Norden und dem Süden der Bundesrepublik sichtbar. Bayern und Baden-Württemberg schneiden dabei besonders gut ab. Bayern dominiert die Spitze des Index deutlich. 18 der 20 bestplatzierten Kreise und kreisfreien Städte liegen in Bayern. Nur noch zwei finden sich in Baden-Württemberg. Das ist auch eine Veränderung zur letzten "demografischen Lage der Nation 2019", bei der noch sieben der besten Kreise in Baden-Württemberg lagen. Bayern liegt auch in den Top 100 besten Kreisen vorn.
Die Gründe für diese gute Position sind vielfältig. Bayern führt laut Statistischem Bundesamt die Liste der erwerbstätigen Frauen an. 2024 waren über 77 Prozent der Frauen berufstätig. Durch den Fachkräftemangel, der sich künftig nur verstärken wird, bietet diese Quote eine hohe Sicherheit. Bayern hat nach Angaben des Bayerischen Landesamts im vergangenen Jahr mit fast 60.000 Menschen auch eine Rekordzahl an Menschen eingebürgert. Wenn sich diese Tendenz fortsetzt, hat das Land eine große Zahl zusätzlicher Erwerbstätiger zur Verfügung. Auch die Beschäftigungsquote von Menschen ohne deutschen Pass ist in Bayern besser als in den nördlichen Kreisen. Ein weiterer sozialer Faktor ist die vergleichsweise geringe Armut. Nach Angaben des Paritätischen Wohlfahrtsverband weist Bayern durch seine starke Wirtschaftsstruktur bundesweit die niedrigste Betroffenenquote mit 12,6 Prozent auf. In Bremen sind es 27,5. Prozent.
Stadt-Land-Unterschied nicht entscheidend
Viele Kreise oder Städte am Ende der Ranglisten - ob Ost oder West - sind dünn besiedelte, ländliche Regionen. Hier treffen häufig mehrere ungünstige Voraussetzungen zusammen: eine alternde und schrumpfende Bevölkerung, geringe Bevölkerungsdichte und schlechte Versorgung. Unter den letzten hundert Plätzen finden sich aber genauso Großstädte wie Bremen, Duisburg oder Dortmund, die eine schlechte Bewertung für die Zukunft erhalten haben. "Ländliche Kreise schneiden nicht automatisch schwach ab und städtische nicht automatisch stark", sagt Heiermann. "Es ist entscheidend, wie die demografischen und sozialökonomischen Bedingungen vor Ort zusammenkommen."
Die Bevölkerungsentwicklung ist ein Faktor, der über Zukunftsfähigkeit entscheidet. Die Bevölkerungsentwicklung entscheidet mit darüber, wie viele Arbeitskräfte fehlen oder welche Infrastruktur notwendig ist. Die wirtschaftliche Lage vor Ort beeinflusst aber, ob eine Region attraktiv für Zuzug ist oder ob die Menschen eine Perspektive an dem Ort sehen.
Der Süden und Metropolregionen samt Umland schneiden dabei gut ab. Einer wirtschaftlich erfolgreichen Region gelingt es dem Index zufolge breiten Bevölkerungsteilen eine Teilhabe am Arbeitsmarkt zu ermöglichen. "Dort sind die Beschäftigungsquoten von Menschen ohne deutschen Pass höher und auch die Babyboomer sind zu einem größeren Anteil in Arbeit", sagt Heiermann. Das Gegenteil ist in wirtschaftlich schwächeren Regionen der Fall. "Wenn die Erwerbsbevölkerung schrumpft, wird es umso wichtiger, dass es vielen Menschen ermöglicht wird am Arbeitsmarkt teilzuhaben und das zu guten Bedingungen", so Heiermann. "Regionen, denen das gelingt, dürften gewisse Standortvorteile im demografischen Wandel haben."
Regionen können aufholen
Die abgehängten Regionen können aber auch aufholen. Die Autoren der Studie heben mehrere Handlungsfelder hervor. Besonders wichtig sind nahe und zugängliche Angebote. Das beginnt mit stärkeren und flexibleren Kinderbetreuungsangeboten. Das Netz muss gerade in dünn besiedelten Gegenden ausgebaut werden. Damit einher geht eine Verbesserung der fairen Verteilung von Sorgearbeit. Väter betreuen die Kinder nach der Geburt oft nur über einen kurzen Zeitraum. Hier müssen Anreize geschaffen werden, etwa über eine schrittweise Anhebung der Partnermonate. Ebenso hemmen Einkommensunterschiede zwischen Männern und Frauen die partnerschaftliche Aufteilung von Sorgearbeit.
Der Wandel der Arbeitswelt stellt Beschäftigte ständig vor neue Herausforderungen. Arbeitgeber sollten regelmäßige Weiterbildungen ermöglichen, um ihren Mitarbeitern die mögliche Kompetenz zu geben. Gleichzeitig sollten die Bundesagentur für Arbeit und das Jobcenter Menschen gezielt für die Veränderungen qualifizieren. Somit würden mehr Menschen einen Weg in die Beschäftigung finden, sagen die Autoren der Studie. Um dem Fachkräftemangel zu begegnen, sei es zudem wichtig, Arbeitskräfte aus dem Ausland zu gewinnen und in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Die Anerkennungsverfahren für ausländische Berufsabschlüsse sollten zudem vereinfacht werden.
Der Rückgang der Bevölkerung unterscheidet sich regional sehr stark. Kommunen sollten deshalb ihre Initiativen im Wettbewerb um Arbeitskräfte stärken, schlagen die Autoren vor. Genauso wichtig sei es, frühzeitig Einblicke in Unternehme vor Ort zu geben. Das eröffne jungen Menschen Perspektiven und steigere so die Attraktivität der Region. Junge Menschen sollten generell mehr Orte für gesellschaftlichen Austausch erhalten und mehr politisch mitbestimmen können. Die Autoren argumentieren, dass es einen Gegenpol zur teils starken Polarisierung schaffen würde. Die Autoren sehen sowohl Politik als auch Arbeitswelt in der Verantwortung mehr Veränderungen zu schaffen.