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Jon Lord hat Deep Purple mit seiner Hammond Oprgel nachhaltig geprägt.
Jon Lord hat Deep Purple mit seiner Hammond Oprgel nachhaltig geprägt.(Foto: dapd)
Dienstag, 17. Juli 2012

Deep-Purple-Keyboarder Jon Lord ist tot: Ein Gott an der "Schweine-Orgel"

Von Holger Preiss

Mit seiner Hammond-Orgel hat Jon Lord den Sound einer der größten Bands der Rockgeschichte geprägt: Deep Purple. Legendär sind die musikalischen Schlachten, die er sich mit Gitarrist Ritchie Blackmore lieferte. Unvergessen werden Songs wie "Smoke on the Water" bleiben. Jetzt ist der Keyboarder an Krebs gestorben.

Vor gut 40 Jahren gilt Deep Purple als lauteste Band der Welt. Aber welche Hard-Rock-Band hat dieses Attribut nicht irgendwann für sich beansprucht? Als sich die Band im April 1968 unter der Ägide von Jonathan Douglas "Jon" Lord gründet, ist bereits klar, dass der Klassik-besessene Lord mit dem Hard-Rock-verliebten Ritchie Blackmore über kurz oder lang aneinandergerät. Bereits in den Anfangsjahren von Deep Purple, als noch Psychedelic und Bluesrock das Programm der Band bestimmen, sind die Spannungen zwischen Lord und Blackmore deutlich zu spüren.

In der zweiten Besetzung schrieben Jon Lord und Deep Purple die größten Erfolge.
In der zweiten Besetzung schrieben Jon Lord und Deep Purple die größten Erfolge.(Foto: picture alliance / dpa)

Während sich Lord in den ersten Jahren - auch mit Hilfe von Schlagzeuger Ian Paice - gegen Blackmore durchsetzt und dank seiner einzigartigen Spielweise auf der Hammond-Orgel, auch Schweine-Orgel genannt, für den unverwechselbaren Sound von Deep Purple sorgt, wird der Einfluss von Blackmore zunehmend größer. Doch noch bevor Bands wie Black Sabbath und Led Zeppelin für den Durchmarsch des Hard Rock sorgen, schafft es Lord als Erster, eine Symbiose zwischen Klassik und Rock herzustellen. Erste Annäherungsversuche gibt es bereits mit den Songs "Anthem" und "April".

"Concerto for Group and Orchestra"

Lord als auch Blackmore sind besessen von musikalischer Perfektion. Mitte 1969 werden Rod Evans (Gesang) und Nick Simper (Bass) genau deswegen gegen Sänger Ian Gillan und Bassist Roger Glover ausgetauscht. In dieser Besetzung sollen Deep Purple ihr erfolgreichstes Kapitel schreiben. Während sich Lord musikalisch weiter dominant zeigt, wächst der Druck in der Band gegen den Keyboarder mit dem mächtigen Schnauzbart. Doch bevor es soweit ist, schafft Lord das Einzigartige. Er schreibt das "Concerto for Group and Orchestra", das gemeinsam mit dem Royal Philharmonic Orchestra in der Royal Albert Hall unter der Leitung von Malcolm Arnold uraufgeführt wird.

Nach der Trennung von Deep Purple verfolgte Lord musikalisch seinen klassischen Weg.
Nach der Trennung von Deep Purple verfolgte Lord musikalisch seinen klassischen Weg.(Foto: picture alliance / dpa)

Das Konzert schlägt ein wie eine Bombe. Lord versteht es, in seiner Komposition allen Instrumenten Raum zu geben und eine bis dato nicht gekannte Symbiose zwischen klassischer Musik und Rock zu schaffen. Trotz des Erfolges will die Band den von Lord eingeschlagenen Weg nicht fortsetzen. Zu groß ist die Angst vor einem nachhaltigen Image-Schaden.

Die Erfindung der musikalischen Schlachten

Jetzt schwört Blackmore den Rest der Band auf seinen Kurs ein: Hard Rock heißt die Devise. Rückblickend ist es wahrscheinlich die richtige Entscheidung. Das 1970 veröffentlichte Album "Deep Purple in Rock" wird zum Wendepunkt für die Band und zu einem Meilenstein der Rock-Geschichte. Das Werk vereint endgültig die markanten Hard-Rock-Riffs Blackmores mit den klassischen Kadenzen und Fugen von Lord. Allein dieses Wechselspiel schafft eine enorme musikalische Spannung, die immer wieder das Zeichen des Kampfes zwischen Lord und Blackmore ist. Unvergessen sind die Schlachten, die sich die beiden Musiker während der Live-Auftritte liefern. Ganze 10 bis 15 Minuten feuern sie musikalische Breitseiten aufeinander ab, bevor Bassist Roger Glover das Gemetzel mit seinem Einsatz beendet. In der Regel wird der Super-Hit "Child In Time" für diese Auseinandersetzung genutzt.

Mit Jon Lord ist eine Legende gegangen.
Mit Jon Lord ist eine Legende gegangen.

Den endgültigen Durchbruch schafft die Band mit dem Album "Machine Head". Jetzt dominieren Blackmores Gitarrenriffs die Songs. Lord wird weiter in den Hintergrund gedrängt. Dennoch ist er es, der gemeinsam mit dem Gitarristen das legendäre "Smoke on the Water" komponiert - einer der bekanntesten und bis heute meistgespielten Rocksongs überhaupt. Lord selbst sagt: "Es ist eines der besten Lieder, die wir je geschrieben haben." Die Japan-Tournee, die dem Album folgt, bringt 75.000 Fans nach Osaka. Das Stadion ist nach dem Konzert ein Trümmerfeld. Auf der Tour wird das Album "Made in Japan" aufgenommen, das vor allem von der Spielfreude der fünf Musiker und dem enormen Improvisationsvermögen lebt.

Im Jahr 1973 hat Deep Purple den Zenit überschritten. Erneut wird die Besetzung gewechselt - Gillan und Glover werden gegen David Coverdale (Gesang) und Glenn Hughes (Bass) ausgetauscht. Die Alben "Burn" und "Stormbringer" sind an Soul und Blues orientiert. Die Spannungen in der Band wachsen weiter und finden im Auftritt beim California Jam 1974 vor 200.000 Fans ihren vorläufigen Höhepunkt, als Blackmore seine Gitarre auf der Bühne zertrümmert und einen Kameramann attackiert. Später wird er sagen, dass er sich von ihm bedrängt gefühlt habe. 1975 verlässt der Choleriker Blackmore die Band.

Das Ende von Deep Purple

Lord versucht, den Rest bei der Stange zu halten, muss aber feststellen, dass es schwer ist, einen Ersatz für Blackmore zu finden. Der Fusion-Gitarrist Tommy Bolin hat zwar spielerisch die Qualitäten von Blackmore, reicht aber kompositorisch nicht im Ansatz an seinen Vorgänger heran. Hinzu kommen massive Drogenprobleme von Hughes und Bolin. Das Album "Come Taste the Band" wird ein kommerzieller Flop. 1976 lösen Lord und Paice Deep Purple offiziell auf.

Auch der Versuch Lords, mit Tony Ashton und Paice eine erfolgreiche Band zu gründen, scheitert. Kurze Zeit später steigen Paice und Lord bei Coverdales Band Whitesnake ein. Die Band ist nicht erfolglos, aber lebt zunehmend von dem Ruf, dass die ehemaligen Deep-Purple-Legenden in ihr spielen. Die logische Konsequenz ist, dass Lord und Paice 1984 die Reunion von Deep Purple anstreben. Sogar Ritchie Blackmore ließ sich bewegen, wieder einzusteigen und wirkte an allen vier Studioalben mit, die in dieser Zeit produziert wurden. Wirklich bahnbrechend waren die aber nicht mehr. Dennoch lieferte die "alten Herren" live das ab, was die Fans erwarten: Spiel- und Improvisationsfreude.

Allerdings gibt es auch weiterhin Querelen in der Band. Blackmore gerät zusehends in Clinch mit Ian Gillan. Der Gitarrist bemängelt zunehmend die gesanglichen Qualitäten des Frontmannes. 1993 verlässt Blackmore die Band erneut und wird durch Joe Satriani ersetzt, der Deep Purple auf der "The Battle Rages on"-Tournee begleitet. Ein Jahr später steigt Steve Morse als Gitarrist ein. 

Mit 61 Jahren, im Jahr 2002, verabschiedet sich Lord von Deep Purple. Ein Jahr später spielt er in Sydney mit der australischen Bluesband The Hoochie Coochie Men sein vorletztes Soloalbum "Pictures within" ein. 2005 erscheint sein von sehr eigenwilligen Kompositionen geprägtes letztes Album "Beyond the Notes". Hier scheint der Name Programm. Zwei weitere klassische Werke von Lord werden 2007 und 2008 aufgeführt, aber nicht auf CD gebannt. Im Jahr 2011 geht Lord ein letztes Mal auf Tour: mit dem Jon Lord Blues Project. Im August desselben Jahres wird bekannt, dass der Keyborder an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt ist. Am 16. Juli 2012 stirbt Lord in einer Londoner Klinik an den Folgen der Krankheit - und mit ihm einer der einflussreichsten Musiker der Rockgeschichte.

Quelle: n-tv.de