Eintritt und ÜberwachungVenedig will mehr als ein Fotomotiv sein

Seit mehreren Jahren ist die Rede von einem Eintrittsbeitrag für Venedig. Jetzt soll er Anfang 2023 kommen. Zur Umsetzung dient eine Kontrollzentrale, die nicht nur Ankünfte und Abreisen zählt, sondern auch die Einhaltung der Stadtregeln zum Ziel hat.
In Venedig tummeln sich wieder die Touristen aus aller Welt. Zwar gibt es an diesem Montag Ende Mai kein Gedränge in den Calli, den engen Gassen, der Besucherstrom ist aber sehr rege. Besonders auf dem Wasser. In manchen Kanälen sieht man die Gondeln Schlange stehen, um die Gäste ein- und auszuladen. Auch auf der Rialtobrücke reihen sich die Touristen und die Paare scheinen sich die Klinke in die Hand zu geben, um sich beim Küssen zu fotografieren.
Die Tourismusbranche freut sich natürlich, genauso wie die Stadtverwaltung, die aber auch bemüht ist, dafür zu sorgen, dass es nicht mehr zu dem Massenandrang von einst kommt. Venedig muss auch für seine Einwohner lebenswert bleiben, deren Zahl von Jahr zu Jahr schwindet, und geschützt werden.
Deswegen steht bei der Stadtverwaltung die Einführung eines Eintrittsbetrags für Tagesbesucher wieder an erster Stelle. Eigentlich hätte er ja längst eingeführt sein sollen, doch dann kam die Pandemie dazwischen. Jetzt ist er für Anfang 2023 angekündigt. Wobei der Schwerpunkt zum einen auf Beitrag und nicht Ticket liegt und zum anderen auf Tagesbesuchern. "Wer eine Übernachtung gebucht hat, der zahlt keinen Beitrag", wiederholt Simone Venturini, Stadtrat für Tourismus, mehrmals im Laufe des Gesprächs mit ntv.de.
"Wobei es der Gemeinde bei diesem Beitrag aber nicht ums Geldmachen geht", fügt er gleich und mit Nachdruck hinzu. "Die Stadtverwaltung möchte damit die Besucher besser über die Tage verteilen." Venturini geht davon aus, dass das für alle von Vorteil sein wird. Für die Einwohner ebenso wie für die Besucher, die auf diese Weise vielleicht animiert werden, die Stadt etwas langsamer zu genießen, anstatt nur für einen Tag und ein paar Selfies vorbeizurauschen.
Hochsaison ist in Venedig am teuersten
Für den Beitrag ist eine Preisspanne zwischen drei und zehn Euro pro Besucher vorgesehen. Wie hoch er wirklich sein wird, hängt vom Tag ab, an dem man nach Venedig kommt. In der Hochsaison, zu Ostern oder für den Karneval werden es zehn Euro sein. Wenn der Andrang nicht so hoch ist auch nur drei Euro. "Es wird dafür auch eine sehr leicht zu betätigende App geben, auf der man sich registriert und bezahlt", erklärt Venturini.
Außerdem soll im Laufe des Sommers, wann genau wird in den nächsten zwei Wochen beschlossen, eine Testphase starten. Wer will, kann sich auf dem dazu entwickelten Portal registrieren - ein Beitrag ist aber noch nicht fällig - und dafür Ermäßigungen bei Museen und Ausstellungen bekommen.
Um diese Maßnahme umzusetzen, kommt die auf der künstlichen Insel Tronchetto eingerichtete Kontrollzentrale ins Spiel beziehungsweise der Smart Control Room, wie die Einrichtung offiziell heißt. In diesem Raum gibt es neben den Schreibtischen und Computern eine ganz von Bildschirmen bedeckte Wand. Jeder zeigt eine andere Aufnahme der Stadt. Auf einem sieht man den Markusplatz, auf einem anderen die Rialtobrücke, unter der gerade ein Vaporetto durchfährt, und auf einem weiteren die Zufahrt zur Lagunenstadt.
Eingerichtet wurde die Zentrale vor vier Jahren. "Der Bürgermeister wollte alle Dienstleistungsdaten an einem Ort zusammenzuführen: von der Müllversorgung über den Wasserverkehr bis hin zur Besucherzahl", sagt Maria Teresa Maniero ntv.de. Sie ist Polizeikommissarin und Leiterin des Smart Control Room. Für jeden Bereich gibt es einen Zuständigen. "Wir können zum Beispiel sehen, ob der Wasserverkehr reibungslos erfolgt, ob jemand vielleicht falsch fährt oder ob an einer Vaporetti-Haltestelle besonders großer Andrang ist und das an die zuständige Stelle weiterleiten", fährt Maniero fort. Die Kontrollzentrale ist ein Scharnier zwischen den zuständigen Dienstleistern.
Die Aufnahmen sind "absolut anonym"
In der Stadt sind 610 Videokameras installiert, die unter anderem dazu dienen, die Leute bei eventuellen Menschenstaus in einer Gasse umzuleiten. Weiter gibt es eine Software, anhand derer die Ankünfte und Abfahrten gezählt werden. Dazu dienen die Funkzellen, über die man auch die Herkunft der Besucher feststellen kann, und die Personenzählersensoren. "Aber keine Angst, die Anonymität ist dabei absolut garantiert", hebt Maniero hervor. "Die Videoüberwachung erfolgt gemäß dem italienischen Datenschutzgesetz." Personenzählsensoren und Funkzellen sind für die Festlegung des Beitrags wichtig, aber nicht nur.
"Dass man in Venedig auf Schritt und Tritt von einem Big Brother beobachtet, wenn nicht sogar verfolgt wird, ist mir nicht wirklich geheuer", meint die Mailänder Psychologin Benedetta Bertasi, die in Venedig eine Wohnung hat. Auch der römische Architekt Giorgio Venotti stimmt dem zu: "Außerdem denke ich, dass die meisten Besucher davon gar nichts wissen, und das finde ich auch nicht gut."
Es ist Mittag und drückend schwül. Auf dem Markusplatz ist nicht viel los. Eine Gruppe erschöpfter Touristen sitzt auf den Treppen der Prokuratien, nicht weit vom Caffè Florian. Sie ruhen sich aus und verspeisen ein Brot oder ein Stück Pizza. Das ist aber in der ganzen Stadt verboten, nicht nur am Markusplatz, wie man auch den Schildern auf den Abfallkörben entnehmen kann. Die Szene wird auch auf einem der Monitore im Kontrollraum festgehalten und an die für die Einhaltung der Stadtregeln zuständige Stelle weitergeleitet. Die informiert dann die in der ganzen Stadt verteilten Beamten, die wiederum zu den Sitzenden gehen und sie bitten aufzustehen.
"Natürlich verstehe ich, dass die Leute, wenn sie endlich am Markusplatz ankommen, oft müde sind", meint Maniero. "Doch gleich um die Ecke vom Markusplatz wurde vor drei Jahren die Gartenanlage der Giardini Reali wiedereröffnet. Dort kann man im Schatten verweilen und hat auch einen schönen Blick auf den Canal Grande."
Die Venezianer befürworten den Beitrag zähneknirschend
Hört man sich in der Stadt um, so sind es vielmehr die Venezianer, die die Einführung des Beitrags nicht ganz überzeugt. "Wir haben auch an unserer Station ein Schild mit 'Bitte nicht hinsetzen' angebracht, nützt aber herzlich wenig", sagt der Gondoliere Mario. Deswegen ist er für den Beitrag, wenngleich zähneknirschend. "Venedig soll für alle zugänglich sein und nicht unter eine Glasglocke kommen. Wenn aber die Touristen keinen Respekt haben, dann muss es halt sein." Genauso sieht es ein junger Kellner, der in einem der Lokale auf dem Campo Santa Margherita arbeitet. "Die Stadt müsste dafür sorgen, dass es mehr Sitzbänke und mehr Abfallkörbe gibt. Was aber die Rücksichtslosigkeit mancher in keiner Weise entschuldigt."
Die Besucher sind stattdessen gerne bereit, den Beitrag zu leisten. Eine dreiköpfige Familie aus Bayern gibt nur zu bedenken: "Er sollte nicht so hoch sein, dass sich dann nur Wohlhabende den Besuch leisten können". Eine Familie aus Argentinien erzählt wiederum, dass sie am Tag zuvor in Mailand für den Aufstieg auf den Dom für alle vier Personen 100 Euro bezahlt habe. Das sei aber in Ordnung, denn auch die Ausländer sollten zur Instandhaltung dieser Kunstwerke beitragen.
Jetzt heißt es also abzuwarten, wann der Beitrag wirklich kommt und ob damit das gewünschte Ziel erreicht wird: weniger Hit-and-Run- und mehr Genusstourismus.