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Hohe Fallzahlen zu verkraften? Frankreich will ohne Lockdown durchhalten

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Die Region Ile de France, zu der auch Paris gehört, muss Covid-19-Patienten ausfliegen, weil die Intensivkapazitäten erschöpft sind.

(Foto: REUTERS)

In Frankreich ist die 7-Tage-Inzidenz rund dreimal so hoch wie in Deutschland. Trotzdem plant Paris keinen neuen harten Lockdown, Geschäfte bleiben offen, Schulen arbeiten überwiegend im Normalbetrieb. Wie macht das Land das und wie gut funktioniert der französische Weg?

In Deutschland diskutiert man bereits bei einer 7-Tage-Inzidenz von weniger als 90 Fällen pro 100.000 Einwohner über eine erneute Verschärfung des Lockdowns, fürchtet schon im April wieder einen Notstand auf den Intensivstationen zu haben. Frankreich hat eine Inzidenz von 250, Tendenz steigend. Trotzdem lässt das Land Geschäfte, Hotels und Schulen offen und plant auch keinen dritten harten Lockdown, wie ihn gerade Italien mit ähnlichen Fallzahlen beschlossen hat.

Frankreich versucht stattdessen, mit einer strengen Maskenpflicht, Ausgangssperren und Tests trotz hoher Fallzahlen durchzuhalten, bis ein Großteil der Bevölkerung durchgeimpft ist. Kann das gut gehen?

"Shutdown light" auf Französisch

Ein neues Schweden versucht Frankreich bei seinem Sonderweg nicht zu sein. Auch in unserem westlichen Nachbarland sind Geschäfte über 20.000 Quadratmeter, Restaurants, Bars, Clubs, Kinos, Theater oder Schwimm- und Turnhallen geschlossen. Und im Gegensatz zu Deutschland bleiben vorerst auch die Museen dicht. Zu locker kann Frankreich mit der Pandemie nicht umgehen, denn die Situation droht dort angesichts der sehr hohen Fallzahlen und der Ausbreitung von Virus-Mutanten schnell komplett außer Kontrolle zu geraten.

Eine Inzidenz von 250 entspricht einem 7-Tage-Schnitt von rund 24.000 Neuinfektionen bei einer Bevölkerungszahl von 67 Millionen Menschen. Deutschland mit 83 Millionen Einwohnern kommt derzeit mit 10.200 nicht mal auf die Hälfte. Dass die Lage bei so vielen Infektionen beherrschbar bleibt, scheint unmöglich zu sein. So sagte Epidemiologe Klaus Stöhr Ende Dezember, er halte Inzidenzen um 120, vielleicht auch etwas mehr für gut beherrschbar - also etwa die Hälfte. Wichtig sei, dass die Reproduktionszahl nicht höher als 1 sei. Augenblicklich bewegt sich die Reproduktionsrate in Frankreich ähnlich wie in Deutschland knapp über 1.

Anstieg verlangsamt, aber nicht gestoppt

Wenn man davon ausgeht, dass "beherrschen" bedeutet, die Fallzahlen auf einem gewissen Niveau zu halten, ist Frankreich schon jetzt nicht mehr Herr der Situation. Denn nachdem das Land durch einen sehr harten Herbst-Lockdown den 7-Tage-Schnitt von fast 50.000 auf nahe 10.000 Neuansteckungen drücken konnte, gehen die Fallzahlen nach beschlossenen Lockerungen seit dem 3. Dezember stetig nach oben.

Immerhin ist der Anstieg fast durchgehend relativ flach, die Fallzahlen haben sich erst nach drei Monaten verdoppelt. Das ist ein gewaltiger Unterschied zu Italien. Denn dort sind die Neuinfektionen von etwa 12.000 Mitte Februar auf jetzt fast 22.500 in die Höhe geschossen. Augenblicklich bewegt sich die Reproduktionsrate in Frankreich ähnlich wie in Deutschland knapp über 1.

Ausgangssperren und Gratis-Tests für alle

Was neben den Schließungen von Restaurants et cetera genau das exponentielle Wachstum in Frankreich im Zaum hält, kann man nicht sagen. Eine Rolle könnten die Ausgangssperren spielen. Sie gelten derzeit landesweit von 18 bis 6 Uhr und in einigen Regionen auch am Wochenende. Wer sich nicht daran hält, ohne eine Ausnahmegenehmigung oder einen triftigen Grund zu haben, zahlt 135 Euro Strafe.

Ein weiterer Grund dürfte Frankreichs Teststrategie sein. Das Land führt derzeit fast fünf Corona-Tests pro 1000 Bewohner im 7-Tage-Schnitt durch, Deutschland knapp zwei. PCR-Tests kann man ohne Voranmeldung kostenlos durchführen lassen, das Ergebnis erhält man innerhalb von 24 Stunden. Den großen Unterschied machen aber die Schnelltests, die ebenfalls gratis sind und vor allem von Apotheken und in Testzentren angeboten werden. Sie helfen vor allem, den Schulbetrieb abzusichern

"Lehrkräften, Eltern und Schülern stehen inzwischen flächendeckende Testmöglichkeiten zur Verfügung", berichtete die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". "Beim geringsten Verdacht - der Hals kratzt, der Kopf schmerzt - kann man sich in den meisten Apotheken einem Antigen-Schnelltest unterziehen." Nach Auskunft von Gesundheitsminister Olivier Véran werden jeden Monat eine Million Kinder ab sechs Jahren und Lehrer getestet. Bildungsminister Jean-Michel Blanquer strebt laut "Liberation" sogar 300.000 Tests pro Woche an den Schulen an.

Höhere Sterberate, Krankenhäuser am Limit

Vielleicht bremsen die Tests die dritte Welle aus, aufhalten können sie sie jedoch nicht. Das hat bittere Konsequenzen: Die Zahl der Corona-Toten fällt in Frankreich deutlich langsamer als in Deutschland. Am 7. Februar betrug dort der 7-Tage-Schnitt 450 Todesfälle, jetzt 260. In Deutschland sank die Zahl im gleichen Zeitraum von 660 auf 210. Das heißt, Frankreich hat zwar im Verhältnis zu seinen Fallzahlen aktuell weniger Covid-19-Opfer zu beklagen als Deutschland (2,2/2,9). Allerdings zählt es mehr Corona-Tote pro eine Million Einwohner (4,0/2,5).

Auch die Belastung des Gesundheitssystems ist in Frankreich ungleich höher. Dort liegen derzeit etwa 4200 Covid-19-Patienten auf Intensivstationen, in Deutschland sind es rund 2850. Dabei hat das Nachbarland wesentlich geringere Kapazitäten, die in einigen Regionen bereits mehr als erschöpft sind.

Das trifft vor allem auf den Großraum Paris zu, wo bei einer 7-Tage-Inzidenz von 400 und mehr Fällen pro 100.000 Einwohner laut "Euronews" alleine schon mehr als 1150 Corona-Patienten intensiv versorgt werden müssen. 40 Prozent der geplanten Operationen wurden abgesagt, Hunderte Patienten müssen verlegt werden. "The Guardian" berichtet, alle zwölf Minuten käme dort ein neuer Covid-19-Fall auf eine Intensivstation.

Macron bleibt stur

Epidemiologen fordern "The Times" zufolge von Präsident Macron eine Rückkehr zum Lockdown, jeder Tag Verzögerung würde Menschenleben kosten. "Wir müssen in den kommenden Tagen neue Entscheidungen treffen", sagt Macron. Aber er weigert sich, dies landesweit zu tun. Er wolle, dass "die Realität der Epidemie, Stadt für Stadt, Territorium für Territorium" analysiert wird. Jede Woche ohne Lockdown sei ein Sieg.

Ob Macron diese Strategie noch lange durchhalten kann, ist fraglich. Alleine schon, weil sich die ansteckenderen und tödlicheren Virus-Varianten in Frankreich rasant ausbreiten. Unter anderem hat Deutschland die Grenzregion Moselle zum Variantengebiet erklärt, weil dort bereits 60 Prozent der Ansteckungen auf die sehr gefährliche Mutante B.1.351 zurückgehen.

Die Strategie geht nicht auf

Bruno Riou, Dekan der medizinischen Fakultät der Universität Sorbonne, sagt laut "The Times", die Strategie sei "ein relativer Misserfolg". Man habe es nicht geschafft, die Infektionskurve umzukehren oder die Intensivstationen zu entlasten. Er sieht in jeder Woche ohne Lockdown auch keinen Sieg, sondern eine Zeitverschwendung, die Leben kostet. Neben einem Lockdown seien nur Impfungen wirksam. "Doch die werden sich erst in einigen Monaten auswirken, während wir in Wochen denken müssen."

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Tatsächlich liegt Frankreich bei den Impfungen hinter Deutschland zurück, obwohl man sich dort inzwischen sogar in Apotheken impfen lassen kann. Doch Vakzine sind in der gesamten EU noch knapp und auch Frankreich hat die Vergabe des Astrazeneca-Impfstoffs auf Eis gelegt. Und was nicht da ist, kann man auch nicht spritzen.

Frankreichs Strategie, mit den hohen Fallzahlen klarzukommen, bis die Bevölkerung weit genug durchgeimpft ist, wird also eher nicht aufgehen - egal, wie versessen der Präsident darauf ist, einen dritten Lockdown zu verhindern. Die Regierung höre nicht mehr auf die Wissenschaft, sagte Micrea Sofonea, Epidemiologe an der Universität von Montpellier, dem "Redaktionsnetzwerk Deutschland". "Sie scheint einfach auf das Beste zu hoffen, aber dadurch ist die Lage jetzt völlig außer Kontrolle. Das ist schade - denn je früher man beschränkende Maßnahmen ergreift, desto wirksamer sind sie und desto früher kann man dann auch wieder alles öffnen.

Quelle: ntv.de

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