Panorama

"Geht nicht um Glückseligkeit"Psychotherapeuten stehen kurz vor "Schlag ins Gesicht"

26.03.2026, 19:05 Uhr IMG_9087Von Max Patzig
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Vor dem Bundesgesundheitsministerium demonstrierten Hunderte Therapeuten. (Foto: Max Patzig/ntv.de)

Auf einen freien Platz in einer psychotherapeutischen Praxis warten Patientinnen und Patienten teils lange Zeit. Das Problem könnte sich jetzt verschärfen. Grund dafür ist eine Anpassung der Honorare. Für Ärztinnen und Ärzte verschlechtern sich die Arbeitsbedingungen.

Vor dem Bundesgesundheitsministerium in Berlin ist es am Nachmittag laut. Mit vielen Protestschildern, einigen Bannern sowie Dutzenden Rasseln und Klatschpappen machen rund 400 Psychotherapeuten darauf aufmerksam, dass sie ab 1. April weniger verdienen sollen. Sie fürchten um die Versorgung ihrer Patienten. Das Ministerium von CDU-Politikerin Nina Warken schaut nur zu. "Es ist sehr, sehr demotivierend. Die Wertschätzung ist sehr schlecht", fasst der psychologische Psychotherapeut Christian Keil am Rande der Veranstaltung im Gespräch mit ntv.de zusammen.

"Wer jetzt kürzt, zahlt später drauf. Psychische Störungen gehören zu den häufigsten Diagnosen bei Krankschreibungen und Frühberentung", sagt der Diplom-Psychologe. "Wenn dieser Beschluss nicht durch das Bundesgesundheitsministerium beanstandet und damit gestoppt wird, wird der Beruf unattraktiv, aber es müssen neue Leute nachkommen."

Ab kommenden Mittwoch sollen Psychotherapeuten 4,5 Prozent weniger verdienen als bisher. Das hat der Erweiterte Bewertungsausschuss nur drei Wochen vor dem Inkrafttreten beschlossen. Auch die Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie (DGPT) findet das "nicht hinnehmbar - und auch nicht nachvollziehbar".

"Die Leidtragenden sind psychisch erkrankte Menschen", sagt ebenfalls Euphrosyne Gouzoulis-Mayfrank von der Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). Die Verbandspräsidentin nennt die Honorarkürzung "kurzsichtig". Psychische Gesundheit dürfe "nicht zu einem Sparposten im Gesundheitssystem" werden. "Vollkommen grundlos wird ein wichtiger Bestandteil der ambulanten Versorgung erheblich geschwächt", schließt sich Andreas Gassen, Chef der Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), an. Er nennt dies eine "fatale Entscheidung".

Die Daten zeigen: Der Bedarf an Psychotherapeuten ist enorm. Laut Bundesarztregister beteiligen sich 41.937 psychologische und ärztliche Psychotherapeuten, einschließlich Kinder- und Jugendpsychotherapeuten, an der kassenärztlichen Versorgung. Im Vergleich zu 2013 entspricht dies einem Plus von 64 Prozent, teilt der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) mit. Im Jahr 2025 haben diese Ärzte 1,9 Millionen Behandlungsfälle pro Quartal abgerechnet, erklärte das Bundesgesundheitsministerium dem ZDF.

"Aktuell werden rund 4,6 Milliarden Euro jährlich für die psychotherapeutische Versorgung aufgewendet", sagt der GKV-Spitzenverband, und spricht von einer Verdopplung innerhalb der vergangenen zehn Jahre. "Das entspricht fast 10 Prozent der Ausgaben für die ambulante ärztliche Versorgung." In Bezug auf die Gesamtkosten der GKV sei es hingegen nur ein halbes Promille, entgegnet das Deutsche Psychotherapeuten Netzwerk (DPNW). Die Versicherungen betonen: "Hintergrund der getroffenen Entscheidung war es nicht, Einsparungen für die GKV zu erzielen."

Es gehe darum, erklärt der Verband, die Kosten für "ambulante Leistungen in einem ausgewogenen Verhältnis zu halten". Dafür werde der Bewertungsausschuss eingesetzt. Dieser überprüft jährlich "unter Berücksichtigung der aktuellen Kosten" den "erzielbaren Ertrag eines voll ausgelasteten psychologischen Psychotherapeuten oder einer Psychotherapeutin". Das Ergebnis werde mit den Durchschnittseinnahmen von gynäkologischen, urologischen, dermatologischen, chirurgischen Praxen sowie HNO-Ärztinnen und -Ärzten verglichen, teilen GKV und DGPT mit.

Fantasie-Praxis als Referenzwert?

Die Honorare werden also angeglichen. Warum die Vergleichs-Ärztegruppen nicht besser bezahlt werden, will ntv.de vom GKV-Spitzenverband erfahren, doch der äußert sich auf Anfrage nicht dazu. Viele Psychotherapeuten monieren in sozialen Netzwerken, dass eine "perfekt ausgelastete Fantasie-Psychotherapiepraxis" mit durchschnittlichen Praxen anderer Fachbereiche verglichen würde. "Aber in der Realität existiert die so kaum", sagt etwa Psychologe Daniel auf Instagram.

Die Absenkung bei den Psychotherapeuten nennt der Präsident der Psychotherapeutenkammer NRW, Andreas Pichler, einen "Schlag ins Gesicht". Er sieht eine Zunahme bei den psychischen Erkrankungen und deshalb "einen wachsenden Bedarf an Therapie", wie er der "Rheinischen Post" sagt. "Es geht uns nicht um individuelle Glückseligkeit der Patientinnen und Patienten, sondern um Erhalt von Lebenstauglichkeit und Arbeitsfähigkeit, eine Patientenversorgung - die mitunter lebensrettend sein kann", so Pichler.

Seinen Angaben zufolge habe eine gut laufende Praxis etwa 1000 bis 1100 Sitzungen im Jahr. Die jetzt beschlossene Kürzung bedeutet Ausfälle in Höhe von etwa 5000 Euro pro Jahr, sagt Pichler. Das Psychotherapeuten Netzwerk errechnet, dass wöchentlich zwei zusätzliche Arbeitsstunden notwendig wären, um den Ausfall zu kompensieren. Jedoch könne das derzeitige Arbeitspensum kaum hochgeschraubt werden: "Wir haben es mit einem weiblichen Berufsfeld zu tun. Viele können aufgrund familiärer Verpflichtungen nicht einfach die Zahl der Sitzungstermine erhöhen", erklärt Kammerchef Pichler.

Auch das Arztsystem selbst verschuldet, dass in den meisten Praxen keine weiteren Patienten aufgenommen werden können. "Ich habe den Anrufbeantworter voll, aber darf die Patienten nicht drannehmen", sagt Psychotherapeut Keil ntv.de. Grund dafür ist, dass die Psychotherapeuten und Psychologen einen sogenannten Kassensitz kaufen müssen. Dieser kostet in Berlin 100.000 Euro, ein halber 50.000 Euro. Nur, wer den hat, darf eine bestimmte Anzahl an Kassenpatienten behandeln. Auch wenn Keil die Zeit hätte, mehr GKV-Versicherte zu behandeln, darf er das nicht.

Verhaltenstherapeutin Sara N. nennt die Bemessungsgrundlage für die Honorare im ntv.de-Gespräch "sehr unfair". Sie führt aus: "Wir bezahlen 35.000 Euro für die Ausbildung, ohne Lohn zu erhalten. Ärzte sind in dieser Phase bereits angestellt und verdienen ihr erstes Geld. In den ersten Jahren haben wir wenig Geld, das muss jetzt reingeholt werden." Ein Problem, das auch Keil und weitere Demonstrierenden monieren. "Die Politik sollte diesen Vergleich mit anderen Facharztgruppen anpassen", fordert N.

Therapeuten warnen vor Wechsel zu Privatpatienten

Eine andere Möglichkeit für Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, die Erträge auf dem bisherigen Niveau zu halten, ist eine Umschichtung ihrer Patienten. "Wenn zehn Prozent der Einkünfte wegfallen, werden viele Kolleginnen und Kollegen lieber Privatpatienten nehmen", warnt Dieter Adler, Vorstandsvorsitzender des DPNW. Diese Befürchtung teilt auch Psychotherapeutin Merle in einem Video auf Instagram: "Im schlimmsten Fall führt diese Kürzung dazu, dass immer mehr psychotherapeutische Leistungen privatisiert werden. Aber Psychotherapie darf kein Privileg werden für Menschen, die es sich leisten können."

Die Berliner Therapeutin Sara N., Angestellte in einer größeren Psychotherapiepraxis, prognostiziert im Gespräch mit ntv.de: "Es ist sehr wahrscheinlich, dass wir in der Praxis mehr Privatpatienten behandeln. Anders sind die Ausfälle nicht auszugleichen."

"Und was passiert wohl, wenn es immer weniger Therapeutinnen gibt? Und was wird mit Menschen mit psychischen Erkrankungen passieren, wenn sie keine Hilfe finden?", fragt Enno Maaß, Bundesvorsitzender der Deutschen Psychotherapeuten Vereinigung (DPtV), in dem Instagram-Video. Die Clips sollen helfen, Unterschriften für eine Petition zu sammeln, die an das Bundesgesundheitsministerium, den GKV-Spitzenverband und die Kassenärztliche Bundesvereinigung übergeben werden soll. Knapp eine halbe Million Menschen hat bereits gegen die Kürzungen unterschrieben.

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In vielen Städten finden derzeit Demonstrationen gegen die Kürzungen statt. (Foto: IMAGO/Ardan Fuessmann)

Doch das Gesundheitsministerium duckt sich weg. "Die Sicherstellung von bedarfsgerechten und zeitnahen Therapiemöglichkeiten bleibt für das Bundesgesundheitsministerium weiterhin ein wichtiges gesundheitspolitisches Anliegen", sagt ein Sprecher zwar zu ntv.de. Es behalte die Versorgungssituation "im Blick". In die Honorarstrukturen der Betroffenen könne es jedoch nicht eingreifen.

Sich selbst sehen die Psychotherapeuten derweil nicht gern als Betroffene des gefassten Beschlusses. Sie sagen im Gespräch mit ntv.de stets, dass es die Schwächsten treffe, diejenigen gesetzlich Versicherten, die schon jetzt auf der Suche nach einem Therapieplatz seien und dafür teils in bis zu 30 verschiedenen Praxen anrufen müssten. "Die Gefahr besteht, dass das mehr wird", sagt Keil bei der Demo.

Der Protest vor dem Gesundheitsministerium in Berlin soll auch weitere Unterschriften für die Petition einbringen. Ins Leben gerufen hat diese die psychologische Psychotherapeutin Johanna Alisa Jung. "Schon heute warten viele Patientinnen und Patienten mehrere Monate auf einen Therapieplatz", sagt sie. "Psychotherapeutische Praxen arbeiten in vielen Regionen seit Jahren an der Grenze ihrer Kapazitäten." Kürzungen würden die Situation weiter verschärfen. Und das "gefährdet langfristig die Versorgung psychisch erkrankter Menschen".

Jung findet, der Beschluss sendet ein widersprüchliches Signal: "Während politisch gefordert wird, Krankheitszeiten zu reduzieren und die Erwerbsfähigkeit zu stärken, wird gleichzeitig genau die Versorgung geschwächt, die Menschen dabei hilft, psychische Krisen zu bewältigen, gesund zu werden und wieder am Arbeitsleben teilzunehmen." Tenor ihrer Petition ist deshalb auch: "Wer fordert, dass Menschen länger gesund arbeiten sollen, darf die Behandlung psychischer Erkrankungen nicht schwächen."

Quelle: ntv.de

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