Panorama

Höhepunkt noch nicht erreicht Grassiert Corona schon viel länger in Italien?

55327d66a5098eab68a0d5b78fa57c27.jpg

Hoffnungen auf ein Ende der Ausgangsperre am 3. April können sich die Italiener wohl nicht mehr machen.

(Foto: REUTERS)

Die Italiener leben seit mehr als zwei Wochen unter einer strengen Ausgangssperre. Nicht nur Geschäfte, auch Büros und Werke, die nicht dringend gebraucht werden, sind geschlossen. Doch die Maßnahmen zeigen bislang nur begrenzt Wirkung. Hat sich das Virus schon früher und weiter ausgebreitet als bisher angenommen?

In Italien haben die Hoffnungen, man bekomme die verheerende Coronavirus-Epidemie in den Griff, einen Dämpfer bekommen. Am Donnerstag stieg sowohl die Zahl der Todesopfer als auch die der Neuinfizierten wieder stärker an als einige Tage zuvor. Nach Angaben der Gesundheitsbehörden erlagen binnen 24 Stunden 712 Menschen der vom Virus ausgelösten Lungenkrankheit Covid-19. Insgesamt starben damit 8215 Menschen infolge einer Ansteckung - so viele wie in keinem anderen Land und weit mehr als in China, wo die Pandemie ihren Ausgang nahm.

*Datenschutz

6153 weitere Menschen wurden innerhalb eines Tages in Italien positiv auf das Virus getestet, die Gesamtzahl liegt damit bei 80.539. In China sind es nach offiziellen Zahlen gut 81.000, in den USA inzwischen mehr als 81.300. Das Virus verbreitet sich weiterhin rasant, obwohl die Regierung in Rom am 23. Februar, zwei Tage nach Bekanntwerden des ersten bestätigten Infektionsfalles, das öffentliche Leben eingeschränkt hat. Zunächst trafen die Maßnahmen nur den Norden des Landes, am 9. März wurden sie auf das ganze Land ausgedehnt und seitdem noch drastisch verschärft.

Das Land ist praktisch lahmgelegt. "Ich weiß nicht, ob wir den Höhepunkt erreicht haben oder ob wir etwas versäumt haben", sagte der Präsident der Lombardei, Attilio Fontana, vor Reportern. "Alles, was ich sagen kann, ist, dass ich besorgt bin." Die Lombardei im Norden Italiens ist am stärksten von der Epidemie betroffen. Er denke, dass in zwei oder drei Tagen die Situation klarer sein werde, sagte Fontana. Doch auch, wenn es eine Entspannung gebe, würden die von der Regierung verhängten Beschränkungen, die derzeit bis 3. April gelten, nicht zwangsweise aufgehoben werden. "Selbst wenn die Fallzahlen geringer werden, denke ich, werden wir damit weitermachen müssen, bis wir ganz sicher sind, dass diese Ausbreitung gestoppt wurde."

Viele Lungenentzündungen Ende 2019

Wissenschaftler untersuchen derzeit, ob das Coronavirus möglicherweise schon früher in Italien ausgebrochen ist als bislang angenommen, nämlich im dritten Quartal 2019. Dann hätte sich das Coronavirus außerhalb Chinas sehr viel eher verbreitet hat als gedacht. Bislang gilt der 21. Februar 2020 als der Tag, an dem erstmals eine Infektion mit dem Coronavirus in Italien nachgewiesen wurde, "Patient Nummer 1" hat das Krankenhaus vor ein paar Tagen verlassen.

Für die Theorie der früheren Ausbreitung spricht eine medizinische Auffälligkeit: Von Oktober bis Dezember habe es eine signifikant höhere Zahl von Grippeerkrankungen und Lungenentzündungen in der Lombardei gegeben, sagte Adriano Decarli, Epidemiologe und Professor für Medizinstatistik an der Universität Mailand. Er sprach von Hunderten Kranken mehr als üblicherweise, die wegen Grippe oder Lungenentzündung in Krankenhäusern behandelt wurden. Einige der Patienten seien gestorben. Vor allem die Umgebung von Mailand und Lodi sei seinerzeit betroffen gewesen.

Auch heute ist vor allem in Mailand die Lage dramatisch. Allein in der Finanzmetropole und Hauptstadt der Lombardei sprang die Zahl der Neuinfektionen um mehr als 800 auf fast 7000. Nur die Nachbarprovinzen Bergamo und Brescia haben höhere Fallzahlen. Wie dramatisch die Lage ist, zeigt eine Statistik aus Bergamo. Dort wurden nach Behördenangaben in den vergangenen zehn Jahren im Schnitt 45 Todesfälle pro Woche verzeichnet. Ende Februar seien es schon 64 gewesen. Zwischen 15. und 21. März starben allein in Bergamo 313 Menschen.

Quelle: ntv.de, ino/rts