Aus der Schmoll-EckeHaben Sie (wie ich) die Schnauze voll?
Eine Kolumne von Thomas Schmoll
Von wegen glückliches neues Jahr! Die Lage in der Welt gibt keinen Anlass zur Hoffnung. Um Deutschland stand es auch schon besser. Und dann kommt der Kanzler und erklärt, "mit Tatkraft und Kompass die richtigen Weichen für Deutschland zu stellen". Es fällt schwer, daran zu glauben – und den Kopf oben zu halten.
Der Christenmensch, der vor einiger Zeit im zweiten Wahlgang zum Kanzler gewählt worden ist, hat seine erste Neujahrsansprache bewältigt. Ganz ohne Formulierungen, die nach Belieben interpretiert werden könnten. Er verzichtete auf Ausführungen zu Bildern, die ihm beim Nachdenken über deutsche Städte in den Sinn kommen. Er sagte vielmehr, was man in Neujahrsansprachen halt so sagt. Zu Europa etwa: "Wir müssen unsere Interessen noch viel stärker aus eigener Kraft verteidigen und behaupten." Immerhin: eine Erkenntnis. Angela Merkel erklärte bei ihrer Neujahrsansprache 2015: "Europa hat sich entschlossen, sich nicht spalten zu lassen, sondern stärker denn je als Einheit zu handeln, um seine Friedensordnung und seine Werte zu verteidigen." Da hatte Putin die Krim schon annektiert.
Wichtig ist immer: Zuversicht verströmen. Irgendwie. "So kann das Jahr 2026 ein Moment des Aufbruchs werden", teilte der Zweite-Wahl-Kanzler mit. Alles kann, nichts muss. Zum Beispiel der "Herbst der Reformen". Der war schon für 2025 angedacht. Aber: Alles kann, nichts muss. Schließlich hatten der Zweite-Wahl-Kanzler und seine Mitstreiter nicht gesagt, in welchem Jahr der "Herbst der Reformen" stattfinden soll. Es könnten auch 2026 oder 2027 oder 2028 etc. gemeint sein. Warten wir es ab. Denn alles kann, nichts muss. Übrigens staune ich, dass ein ganzes Jahr beim Zweite-Wahl-Kanzler als "Moment" durchgeht. Aber klar: Politische Entscheidungen ziehen sich bekanntlich hin wie Leder.
Irgendein Eigenlob musste er vorbringen. Doch was soll man machen, wenn man in der Wüste keine Oase findet? Man freut sich über Wasser. Also pries der Christenmensch den "freiwilligen Wehrdienst" als Beweis für seine kühne These: "Wir sind bereit, uns zu verteidigen." Als wüsste niemand, dass bei Bedarf ein Losverfahren entscheiden soll, wer zur Armee muss oder nicht, die Bundeswehr in miserablem Zustand ist und massenweise junge Leute ihr Land nicht verteidigen wollen, da sie es ablehnen oder gar verachten. Der Zweite-Wahl-Kanzler behauptete trotzdem tapfer: "Wir sorgen für unsere Sicherheit. Wir leben in einem sicheren Land."
Weitestgehend friedlich?
Er meinte die äußere Sicherheit. Auf die innere ging er nicht ein. Vielleicht, weil die Weihnachtsmärkte 2025 verschont blieben. Gewundert hat es mich trotzdem, zumal man immer wieder von fiesen Dingen hört, die Kriminelle verrichten: Nun sogar von einer Bank, die Ganoven Eintritt gewährt, aber ihre Kunden vor der Tür stehen lässt. Von der Silvesternacht ganz zu schweigen. Im Failed Bundesland war die Polizei mit rund 4300 Leuten im Einsatz, die zu 2340 Einsätzen zwischen 18 und 6 Uhr morgens ausrückten. Am Morgen danach verkündete sie: "Wir haben keine so schweren Verletzungen bei Kollegen und auch nicht bei feiernden Menschen wie im vergangenen Jahr. Und wir haben auch nicht so schwere Vorkommnisse und Sachbeschädigungen."
Das geht dann medial als "weitgehend" oder "weitestgehend friedlich" durch. Verrückt, dass "friedlich" ein Maßstab in einem Land wie dem unsrigen ist. Was denn sonst, wenn nicht friedlich? Wir sind doch kein Bürgerkriegsland. Auch wenn manche Unfallschirurgie in der Silvesternacht durchaus den Eindruck erweckte, nicht nur im Failed Bundesland. Notfall-Teams waren doppelt so stark besetzt wie normalerweise. Denn irgendwelche Leute sprengten sich Finger weg oder das Gesicht. Dabei hätten all die Polizisten, Ärztinnen, Nothelfer und Pflegekräfte sicher gern mit ihren Familien daheim gefeiert, statt sich dem Wahnsinn unserer Tage auszusetzen.
Politik? Will ich nicht!
Wie heißt es so schön: gesundes und glückliches neues Jahr! Auch mich erreichte diese Nachricht. Natürlich ist sie lieb gemeint. Allein mir fehlt der Glaube. Ich bin zum bekennenden Pessimisten geworden. Was soll Hoffnung machen? Die Welt wird beherrscht von irren Egomanen, die ihre eigenen Lügen glauben und verbale sowie militärische Gewalt für ein legitimes Mittel der Politik halten. Klimaschutz? War gestern. Überforderung und Resignation verbünden sich derweil zu einem Cocktail, der nicht nur besoffen, sondern depressiv macht. Früher war ich Politikverdrossener, jetzt bin ich allgemein verdrossen, ein Stadteremit, ein Stubenhocker, der zusammenzuckt, wenn eine Einladung eintrifft zu einem Fest mit wahrscheinlich mehr als sechs Leuten. Dort lauert die Gefahr, dass über Politik gesprochen wird. Will ich nicht.
Ich habe die Schnauze voll vom Gegeneinander und vom Zustand unseres Landes, das ich übrigens nach wie vor und trotz allem – auch der Bahn – echt gern mag. Ich schätze das große Glück des Ortes meiner Geburt und den Umstand, in einer sehr reichen und zivilisierten Republik mit gefestigter Demokratie und exzellenter Gesundheitsversorgung zu leben. Ich bin nur so müde von den vielen Diskussionen, dem ewigen folgenlosen Gerede im Bundestag und bei Miosga, entziehe mich mehr und mehr. Der Hass und die Hetze, die maßlosen Übertreibungen, das absichtliche Missverstehen jeder x-beliebigen Aussage eines Politikers – es nervt kolossal. Ebenso das Irrationale, das stetig zunimmt, genau wie die Zustimmung für radikale Parteien. Jeder schwurbelt vor sich hin. Alle haben zu allem eine Meinung.
Das war's
Das alles macht (mich) krank und ist (mir) zu viel des Bösen. Mein Leben ist anstrengend geworden. Ich arbeite wie ein Tier, bin erfolgreich in dem, was ich tue. Es bleibt trotzdem nur das, was ich zum Leben brauche. Restaurantbesuche – besser nicht. Neue Klamotten – noch gehen die, die ich habe. Urlaub – den letzten echten, also völlig ohne Arbeit, habe ich vor fünf Jahren gemacht. Meine Krankenversicherung steigt jedes Jahr, die Miete alle drei. Und dann kommt der Zweite-Wahl-Kanzler und erklärt, seine Regierung "hat sich vorgenommen, mit Tatkraft und Kompass die richtigen Weichen für Deutschland zu stellen". Er meint das so. Was damit zu tun hat, dass er den Kompass innenpolitisch längst verloren hat. Sein Ziel war: Kanzler zu werden. Nun ist er es. Das war's.
Ich weiß, es gibt keine politischen Rezepte, die alle glücklich machen. Ich weiß, Union und SPD müssen Kompromisse finden. Ich weiß, die zwei ehemaligen Volksparteien sind – auch innerhalb – so zerstritten wie der Rest der Bevölkerung. Bei allem Verständnis frage ich dennoch: Was tut die Politik konkret für mich, was wirklich bei mir ankommt? Nicht aus Egomanie, sondern weil ich nicht wenig Steuern zahle und dafür sehr viel arbeite. Ich rauche kein Cannabis und will auf meine alten Tage keine Frau mehr werden. Von der Senkung der Mehrwertsteuer auf Tampons habe ich auch nichts – ich vermute mal, Frauen geht es ebenso. Vom guten Willen kann sich niemand was kaufen. Also: Möge dieses Jahr der Aufbruch kommen – ein Aufbruch, der mehr ist als ein Moment. Sonst kommt alles noch viel schlimmer.