Panorama

Athen: "Offene Provokation" Hagia Sophia wird in Moschee umgewandelt

Seit 1934 wird die Hagia Sophia als Museum genutzt, doch damit ist jetzt Schluss: Ein Gericht erlaubt die Nutzung eines der beeindruckendsten und beliebtesten Gebäude Istanbuls als Moschee. Das könnte zu Spannungen mit Russland und Griechenland führen, die sich sogleich auch deutlich äußern.

Das Oberste Verwaltungsgericht in der Türkei hat den Weg dafür frei gemacht, das berühmte Gebäude Hagia Sophia in Istanbul künftig als Moschee zu nutzen. Das Gericht annullierte den Status der einstigen Kirche als Museum. Dies berichtete zuerst die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu. Eine Begründung der Entscheidung lag zunächst nicht vor. Über Twitter bestätigte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan, dass das Gebäude für muslimische Gebete geöffnet werde. Die Hagia Sophia werde der Aufsicht der Religionsbehörde unterstellt und für muslimische Gottesdienste geöffnet, erklärte Erdogan.

Wann das Gebäude zum ersten Mal als Moschee genutzt wird, ist noch unklar. In Medien wurde als Datum der 15. Juli - der Jahrestag des Putschversuchs in der Türkei - genannt. Nach Angaben der Zeitung "Hürriyet" wird die Gerichtsentscheidung innerhalb der nächsten 30 Tage umgesetzt. Vor der Hagia Sophia in der Istanbuler Altstadt sammelte sich spontan eine Gruppe Befürworter der Entscheidung. Sie riefen "Allahu Akbar!" ("Gott ist groß!"). Die Polizei sperrte den Platz vor der Hagia Sophia ab. Beamte der Einsatzpolizei brachten sich in Stellung, es blieb aber ruhig.

Der Status des Bauwerks ist ein Politikum. Anhänger der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP fordern seit Langem, die Hagia Sophia wieder zur Moschee zu machen. Vor allem Griechenland und Russland sind wegen der Bedeutung der Hagia Sophia für die Orthodoxie gegen eine Änderung des Status. Die russisch-orthodoxe Kirche bedauerte den Schritt. Die türkische Entscheidung ignoriere "die Sorge von Millionen von Christen", sagte der russische Kirchensprecher Wladimir Legoida der Nachrichtenagentur Interfax.

Die griechische Regierung verurteilte die Umwandlung in eine Moschee. Dies sei eine "offene Provokation gegenüber der gesamten zivilisierten Welt", erklärte die griechische Kulturministerin Lina Mendoni. Erdogans "Nationalismus" werfe die Türkei "sechs Jahrhunderte zurück." Die Gerichtsentscheidung zeige, dass es in der Türkei "keine Unabhängigkeit der Justiz" gebe. Griechenland und Russland beobachten genau, wie die Türkei mit ihrem byzantinischen Erbe umgeht. Die Entscheidung könnte die Spannungen zwischen der Türkei und dem Nachbarn Griechenland weiter verschärfen, die sich ohnehin schon um Erdgas im östlichen Mittelmeer streiten.

Verhüllte Mosaike beim Gebet

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Die rund 56 Meter hohe Kuppel schwebt gefühlt schwerelos über dem Hauptraum des Gebäudes.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Hagia Sophia (griechisch: Heilige Weisheit) wurde im 6. Jahrhundert nach Christus erbaut und war Hauptkirche des Byzantinischen Reiches, in der Kaiser gekrönt wurden. Nach der Eroberung des damaligen Konstantinopels durch die Osmanen im Jahr 1453 wandelte Sultan Mehmet II. ("Der Eroberer") die Hagia Sophia in eine Moschee um. Auf Betreiben des türkischen Republikgründers Mustafa Kemal Atatürk ordnete der Ministerrat im Jahr 1934 die Umwandlung der Hagia Sophia in ein Museum an. Hinter dem Verein, der gegen diesen Beschluss geklagt hatte, steht nach Angaben von Anadolu ein pensionierter Lehrer, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, die Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee zu erwirken. Der Anwalt des klagenden Vereins, Selami Karaman, bestätigte die Entscheidung auf Anfrage der dpa zunächst nicht.

Auch als Moschee könnten Touristen die Hagia Sophia besichtigen, ähnlich wie die nahe gelegene Blaue Moschee in der Istanbuler Altstadt. Im vergangenen Jahr zog die Hagia Sophia nach offiziellen Angaben 3,7 Millionen Besucher an. Sie war damit das meistbesuchte Museum in der Türkei. Berühmt ist sie vor allem wegen der rund 56 Meter hohen Kuppel, die nahezu schwerelos über dem Hauptraum zu schweben scheint. Im Inneren sind die Wände mit byzantinischen Mosaiken und Marmor verziert. Um dem Bilderverbot im Islam gerecht zu werden, müssten die Mosaiken während des islamischen Gebets abgedeckt werden.

Quelle: ntv.de, jru/dpa/AFP