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Experten zweifeln an Berechnung Hat Großbritannien Herdenimmunität erreicht?

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Die Briten genießen ihre zurückgewonnene Freiheit. Da stellt man sich für den Zoo-Besuch auch gerne in der langen Schlange an.

(Foto: picture alliance / empics)

Die Briten haben doppelt Grund zum Feiern. Angesichts niedriger Corona-Fallzahlen sind Pubs und Geschäfte wieder offen. Zudem will ein Forscherteam herausgefunden haben: In Großbritannien gibt es bereits eine Herdenimmunität. Daran zweifeln andere Experten allerdings.

Endlich ein Pint im Pub trinken - ab heute ist das in Großbritannien wieder möglich. Nach mehr als drei Monaten Lockdown kehrt auf der Insel ein Stück Normalität zurück. Kneipen und Restaurants öffnen, aber auch Geschäfte, Fitnessstudios, Friseure und Schwimmbäder dürfen wieder Besucher empfangen. Denn das Vereinigte Königreich ist Impf-Europameister. Und auch im weltweiten Vergleich steht das Land hinter Israel auf Platz zwei mit den meisten geimpften Einwohnern. Zudem meldeten die britischen Behörden am Sonntag nur 1730 Neuinfektionen, den niedrigsten Wert seit September 2020. Der 7-Tage-Inzidenzwert liegt bei 15. Zum Vergleich: In Deutschland ist er aktuell bei 136.

Die Lockerungen seien durch die sinkenden Infektionszahlen "vollauf gerechtfertigt", hatte der britische Premierminister Boris Johnson bereits vor einer Woche erklärt. Denn auch nach der Öffnung der Schulen am 8. März und gelockerten Kontaktbeschränkungen sind die Infektions- und Todeszahlen bisher niedrig geblieben. Gestützt werden die neusten Lockerungsschritte nun auch von einer Modellberechnung des University College London (ULC). Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wollen dabei herausgefunden haben, dass inzwischen bereits 73,4 Prozent der britischen Bevölkerung immun gegen das Coronavirus sind. Somit hätte Großbritannien die langersehnte Herdenimmunität erreicht.

Allein durch Impfungen komme dieser Wert noch nicht zustande, schreiben die UCL-Forschenden. In Großbritannien haben mehr 32 Millionen Menschen, fast die Hälfte der Einwohner, eine erste Spritze erhalten und sind somit zumindest zum Teil immunisiert. Zu den Geimpften müssten außerdem die rund vier Millionen Briten, die bereits das Virus hatten, dazugerechnet werden, schreibt das Forscherteam um Karl Friston. Des Weiteren gehen die Wissenschaftler von rund zehn Prozent der Bevölkerung aus, die von Natur aus immun gegen das Coronavirus sind. Daraus ergebe sich dann der Wert von fast 75 Prozent.

Laut Experten der Weltgesundheitsorganisation WHO müssen für eine Herdenimmunität 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung immunisiert sein. Vereinfacht gesagt, findet ein Erreger dann nicht mehr genug neue Wirte, die Pandemie kommt zum Erliegen. Glaubt man den Berechnungen der UCL-Forschenden, wäre Schwelle somit in Großbritannien überschritten.

Manaus als mahnendes Beispiel

Jedoch teilt nicht jeder den Optimismus dieser Berechnung. Erst Ende März war eine Studie der britischen Universität Warwick zu dem Ergebnis gekommen, dass eine Herdenimmunität mithilfe der Corona-Impfungen in naher Zukunft nicht mehr möglich ist. Stattdessen hatten die Forscher vor zahlreichen Neuinfektionen gewarnt. Selbst bei einer Immunisierung der Bürger von 85 Prozent sei der Anstieg der Infektionen allein durch Impfungen nicht aufzuhalten, hieß es. Grund dafür sei die Coronavirus-Variante B.1.1.7, die die ungeimpften jüngeren Bevölkerungsgruppen durchseuche.

Mit dem Aufkommen neuer Virusvarianten ist zudem fraglich, ob Genesene zur Herdenimmunität beitragen können. So berechneten Wissenschaftler vergangenen Sommer für das brasilianische Manaus eine Herdenimmunität. Tests an gespendetem Blut ergaben, dass im Juli, nach einer verheerenden ersten Infektionswelle in der Stadt, 66 Prozent der Menschen Antikörper gegen das Virus hatten. Im Oktober waren es dann sogar 76 Prozent. Doch im Januar traf die zweite Corona-Welle Manaus mit voller Härte. Das Gesundheitssystem kollabierte erneut, den Krankenhäusern gingen die Sauerstoffflaschen aus. Dabei hatten zwischen 25 und 61 Prozent der im Januar Infizierten bereits eine Covid-Erkrankung durchgemacht. Dennoch waren sie nicht immun.

Verantwortlich für den erneuten schweren Ausbruch war wohl die P.1-Coronavariante, die erstmals in Brasilien nachgewiesen wurde. Mittlerweile ist bekannt, dass sie eine Mutation namens E484K hat, die dem Virus eine gewisse Resistenz gegen Impfstoffe und Antikörper verleiht. Die Ereignisse in Manaus hätten gezeigt, dass man Covid-19 niemals in der Hoffnung, eine Herdenimmunität zu erzeugen, seinen Lauf lassen darf, sagte Prof. Christl Donnelly von der Universität Oxford und dem Imperial College London (ICL) dem britischen "Guardian".

"Ohne Impfung von Kindern unmöglich"

Laut Donelly und seinen Kollegen liegt die Immunität der Briten bei nur knapp 40 Prozent - also fast der Hälfte des ULC-Ergebnisses. "Wir müssen die Herdenimmunität sorgfältig definieren, wenn wir über die Zukunft nachdenken", so der Wissenschaftler. "Die Impfstoffe, die derzeit verfügbar sind, sind hochwirksam. Allerdings wissen wir nicht, welche Varianten entstehen können." Sorgen bereiten ihm potenzielle Varianten, die so unterschiedlich sind, dass vorhandene Impfstoffe nicht mehr vor ihnen schützen.

Die Herdenimmunität sei "ein nützliches Konzept, aber keine Alles-oder-Nichts-Sache", sagt auch Epidemiologe Neil Ferguson vom Imperial College. "Ob es möglich ist, ein Niveau der Herdenimmunität zu erreichen, das eine weitere Übertragung verhindert, selbst wenn wir alle Kontrollen lockern, ist meiner Meinung nach eine offene Frage." Da inzwischen die Variante B.1.1.7 das Infektionsgeschehen in Großbritannien dominiere, benötige man eine Immunität, die mindestens 75 Prozent der Übertragung blockiert, so Ferguson. "Selbst bei einer Impfquote von über 90 Prozent könnte dies ohne die Impfung von Kindern unter 16 Jahren unmöglich sein. Und selbst dann müssten die Impfstoffe zu 90 Prozent Übertragungen verhindern."

Noch sehen die Zahlen in Großbritannien gut aus. Daher will Premier Johnson trotz Warnungen der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an seinen Öffnungsplänen festhalten. Ab Mitte Mai sollen private Besuche und erste touristische Reisen wieder möglich sein. Bis Ende Juni sollen dann alle Corona-Restriktionen enden. Den heutigen Etappensieg gegen die Pandemie wollte Johnson ursprünglich mit einem Glas Bier auf einer Pub-Terrasse feiern. Diesen Plan gab er allerdings wegen der Trauer um den verstorbenen Prinz Philip auf.

Quelle: ntv.de

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