Panorama

Chinas Quarantäne als Vorbild Italien legt den Norden lahm

Das Coronavirus grassiert in Norditalien, und die betroffenen Regionen riegeln sich ab. Zehn Gemeinden südlich von Mailand und einige im Veneto stehen unter Quarantäne. Doch wie sich der erste Patient angesteckt hat, ist noch immer nicht geklärt.

Die Alarmstufe in Italien ist hoch. Das Coronavirus verbreitet sich immer schneller und in immer mehr Regionen. Am schlimmsten betroffen ist Norditalien, das sich, dem chinesischen Beispiel folgend, zum Schutz abriegelt. Laut derzeitigem Stand sind mehr als hundert Menschen positiv auf das Virus Sars-CoV-2 getestet worden. Italien ist somit das am stärksten von der Lungenkrankheit Covid-19 befallene Land in Europa. In Deutschland wurden bisher 16 Fälle gemeldet, in Frankreich 12 und in Großbritannien 9.

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Von den Infizierten leben 89 in der Lombardei, 17 im Veneto, 2 in der Emilia Romagna, 2 im Latium und einer im Piemont. Doch die Zahl steigt seit Freitag von Stunde zu Stunde und mit ihr auch die Angst in der Bevölkerung. Als besonders alarmierend wurde die Nachricht aufgenommen, dass auch zwei Patienten in Mailand positiv auf das Virus getestet wurden und ein weiterer Mann in der piemontesischen Hauptstadt Turin.

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Hamsterkäufe werden in dem italienischen Ort Casalpusterlengo nur mit Atemschutzmaske absolviert.

(Foto: picture alliance/dpa)

Als Infektionsherd gilt die Gemeinde Codogno, 60 Kilometer südlich von Mailand. Hier wurde vor einigen Tagen der erste Patient, ein 38-jähriger Manager, positiv auf das Virus getestet - er schwebt in Lebensgefahr. Dieser soll sich Anfang Februar bei einem Abendessen mit einem Bekannten angesteckt haben, der kurz zuvor aus China zurückgekommen war. In den folgenden Tagen soll er an einem Fußballspiel und auch an einem Wettlauf in Ligurien teilgenommen haben.

Quarantäne für 50.000 Menschen

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Am Freitag war eine 77-jährige Frau aus der Region an dem Virus gestorben. Noch am gleichen Tag haben Regierung in Rom und die lokalen Behörden Codogno und zehn weitere Gemeinden in der Umgebung unter Quarantäne gestellt. 50.000 Menschen sind betroffen, sie sollen in ihren Wohnungen bleiben und nur dann hinausgehen, wenn es unbedingt erforderlich ist. "Das Betreten und Verlassen dieser Gemeinden ist strengstens verboten", ließ Regierungschef Giuseppe Conte die Bevölkerung wissen. Geschäfte, Unternehmen, öffentliche Ämter bleiben geschlossen. Nur die Apotheken und einige Lebensmittelgeschäfte, letztere nicht länger als drei Stunden am Tag, dürfen öffnen, damit sich die Anwohner das Nötigste besorgen können. Auch die Sonntagsmessen wurden abgesagt.

Dieselben Maßnahmen gelten für die 3.000-Einwohner-Ortschaft Vo Euganeo in der Nähe von Vicenza sowie für die unmittelbare Umgebung, wo der zweite Infektionsherd ausgemacht wurde und ein 78-jähriger Mann starb. Damit diese Anordnungen befolgt werden, überlegt Conte, nebst örtlicher Polizei auch das Militär einrücken zu lassen. Die engmaschigen Kontrollen haben dazu geführt, dass Samstagabend eine Familie aus Codogno festgehalten wurde, die versucht hatte, die Gemeinde zu verlassen, um nach Süditalien zu fahren.

Immer mehr Regionen greifen zu Gegenmaßnahmen

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Auf ihren Karneval müssen die Menschen in Venedig dieses Jahr verzichten.

(Foto: picture alliance/dpa)

Doch so schnell, wie sich das Virus verbreitet, scheinen die Regierung und die lokalen Behörden nicht reagieren zu können. Immer mehr Regionen ergreifen deshalb Präventivmaßnahmen: In der Lombardei, im Veneto und im Friaul wurde beschlossen, die Universitäten zu schließen. Im Trient und in Südtirol sollen auch Kitas, Kindergärten und Schulen bis auf weiteres geschlossen bleiben. Vorsichtshalber hat Bildungsministerin Lucia Azzolina zudem jegliche Schulausflüge untersagt. Dasselbe gilt für Großveranstaltungen wie Fußballspiele, Kongresse und die Brillenmesse in Mailand. Auch der berühmte Karneval in Venedig fällt vorsichtshalber aus.

Die Modewoche, die morgen endet, wurde stattdessen nicht unterbrochen. "Wir sehen im Moment keine Notwendigkeit, sie vorzeitig abzubrechen" ließ der Mailänder Bürgermeister Giuseppe Sala wissen. Nichtsdestotrotz haben Modemarken wie Armani und Laura Biagiotti beschlossen, ihre Schauen lediglich per Livestream im Internet zu zeigen - "um die Gefahr einer Ansteckung zu minimieren", sagte Modezar Giorgio Armani - während Monclear sie ganz abgesagt hat. Heute Mittag ordnete das Mailänder Rathaus stattdessen die Schließung aller Schulen für die kommende Woche an.

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Selbst Metropolen wie Mailand wirken wegen des Coronavirus derzeit wie ausgestorben.

(Foto: picture alliance/dpa)

Dem Vorschlag des Lega-Chefs Matteo Salvini, die Schengen-Regeln aufzuheben, widersetzte sich Premier Conte jedoch: "Wollen wir aus Italien ein Lazarett machen?", konterte er gestern Abend auf einer Pressekonferenz. Aus Brüssel bekommt er Unterstützung: Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides verkündete, man werde Rom "in jeder nur möglichen Weise unterstützen", doch eine Aufhebung der Schengen-Regeln soll vermieden werden, um Italien nicht zu isolieren.

Die ungelöste Frage

Bleibt noch die dringend zu klärende Frage, wie sich der 38-jährige Manager aus Codogno angesteckt haben kann, denn der Covid-19-Test bei seinem Bekannten erwies sich als negativ. Auch bei dem 78-jährigen Verstorbenen aus Vo Euganeo ist die Ansteckungskette nicht geklärt. "Was im Fall Italien besorgniserregend erscheint, ist, dass nicht alle Fälle einen eindeutigen Bezug zu China haben", erklärte Hans Kluge, Vorsitzender der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Europa, der Tageszeitung "La Repubblica".

Man sucht also weiter, während die Region Lombardei an ihre Bürger appelliert, sich strikt an den auf ihrer Website veröffentlichten Verhaltenskodex zu halten: Möglichst oft die Hände waschen, beim Niesen die Hand vor den Mund führen oder - noch besser - in die Ellenbeuge niesen, bei Grippe und Fieber eine Notfallnummer kontaktieren, anstatt in die Notaufnahme zu gehen. Denn gerade in diesen hätten sich viele jetzige Covid-19-Patienten angesteckt.

Quelle: ntv.de