Panorama

Vorbilder im Kampf gegen Corona? Italien und Polen machen wohl viel richtig

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Mitte März schloss Polens Regierung die Grenzen und verhängte einen Lockdown. Offenbar mit Erfolg: Große Ausbruchsnester hat das Land bisher nicht.

(Foto: imago images/Xinhua)

Vor einem halben Jahr war Italien der Corona-Hotspot Europas - inzwischen steht es recht gut da. Der WHO dient es sogar als Vorbild. In Polen sind die Fallzahlen bis heute relativ niedrig. Als einziges Nachbarland Deutschlands wird es derzeit nicht als Risikogebiet eingestuft. Was kann die Welt von beiden Ländern lernen?

Weltweit schon mehr als eine Million Corona-Tote, in Europa werden immer mehr Länder zum Risikogebiet erklärt. Polen und Italien jedoch vermelden, wenn man sie an Spanien und Frankreich misst, vergleichsweise niedrige Zahlen an Neuinfektionen. Die Hintergründe dafür sind unterschiedlich: In Italien haben viele Menschen große Angst vor einer Infektion, die Schutzmaßnahmen werden breit akzeptiert. In Polen könnte ein früh verhängter Lockdown eine größere Ausbreitung verhindert haben.

Italien: Vom Corona-Hotspot zum Vorbild

Italien heute und vor gut einem halben Jahr - das lässt sich fast nicht vergleichen: Das 60-Millionen-Einwohner-Land erlebte im Frühjahr als Corona-Hotspot Europas eine seiner dunkelsten Phasen. Es wurde ab Februar früher und härter getroffen als seine Nachbarn. Die Folge: fast 36.000 Corona-Tote bis heute. Das Gesundheitssystem im reichen Norden kollabierte, in den Krankenhäusern fehlten Beatmungsgeräte für die vielen Viruskranken. Auf dem Höhepunkt beklagte man in 24 Stunden knapp 1000 Covid-19-Opfer.

Heute geht es den Italienern bei den Infektionszahlen besser als vielen anderen Europäern. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) verbreitete sogar einen Videofilm mit einer Bilanz, was die Welt von Italien lernen kann - etwa striktes Regierungshandeln mit hartem Lockdown, offene Kommunikation und die Kooperation mit der Wissenschaft. Regierungschef Giuseppe Conte postete den Beitrag stolz auf Facebook. Kurz danach lobte sein Außenminister Luigi Di Maio den Dreiklang aus politischer Aktion, der Regeltreue der Bürger und dem Engagement von Ärzten und Krankenpflegern. "Keiner hat sich zurückgezogen, selbst in den dunkelsten Wochen für Italien nicht. Es gab kein Handbuch, aber jeder von uns hat alles gegeben, immer klar und rechtzeitig", bilanzierte er.

Stark gesenkte Totenzahlen

Auch wenn Kritiker Zeitverzögerungen sowie Querelen zwischen Rom und den Regionen am Anfang für die Explosion der Krankheitsfälle mitverantwortlich machen: Der Erfolg der bis heute stark gesenkten Totenzahlen ist unbestreitbar. Die Neuinfektionen liegen häufig unter den deutschen Werten. Die Italiener, die sonst eher als locker im Umgang mit Vorschriften gelten, haben im Corona-Sommer 2020 Konsequenz gezeigt. Viele trugen den Mund-Nasen-Schutz auch im Freien, wo es keine Pflicht war.

Ein Grund: Angst. Die Schreckensbilder der Särge auf Militärlastern in der Stadt Bergamo in der Lombardei wirken bis heute. Die Furcht vor einer zweiten Welle ist präsent. "Der Schock der Wochen im März und April, begleitet von einem Lockdown, den wohl kein anderes Land so restriktiv und lange praktiziert hat, steckt den Italienern noch tief in den Knochen", sagt Stephan Ortner, Direktor des Forschungszentrums Eurac in Bozen, wo die Experten auch über die Pandemie forschen. "Es gibt wohl kein zweites Land in Europa, wo die Menschen, auch über die Sommermonate hinweg, sich so vorsichtig verhalten haben."

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Nonne mit polnischer Flagge im Vatikan.

(Foto: imago images/Pacific Press Agency)

Ortner ergänzt, dass Italiens Gesundheitswesen "als nicht gerade vertrauenswürdig angesehen wird". Auch deswegen seien viele weiter vorsichtig. Andere Fachleute - etwa der Gimbe-Stiftung - verweisen besorgt auf die im Wochenschnitt anziehenden Zahlen von Toten und von Patienten in der Intensivtherapie. Viele Regionalchefs sind im Herbst jedenfalls mit Maskenpflicht im Freien, Virus-Schnelltests und Ausgangsbeschränkungen fast noch schneller zur Hand als Rom selbst.

Polen: Vergleichsweise geringes Infektionsgeschehen

Als einziges Nachbarland Deutschlands wird Polen vom Robert-Koch-Institut derzeit nicht als Risikogebiet eingestuft. Mitte März, als die Infektionszahlen in Westeuropa rasant stiegen, handelte die Regierung in Warschau schnell und entschieden: Sie schloss die Grenzen und verhängte einen Lockdown - auch im Wissen darum, dass die Epidemie das marode Gesundheitssystem schnell in die Knie zwingen könnte. Im Sommer betonte Ministerpräsident Mateusz Morawiecki immer wieder, Polen habe sich im Kampf gegen Corona viel besser geschlagen als viele westliche EU-Länder.

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Auch in Polen gab es Proteste gegen die Anti-Corona-Maßnahmen, so wie hier am 12. September in Warschau.

(Foto: imago images/Eastnews)

Inzwischen steigt zwar die Zahl der Neuinfektionen - am vergangenen Freitag wurde mit 1587 der bisherige Rekordwert seit Beginn der Pandemie gemeldet. Doch große Ausbruchsnester hat das 38-Millionen-Einwohner Land bisher nicht. Die strengen Einschränkungen hätten die Zahl der Infizierten von Beginn an niedrig gehalten - dies sei einer der Gründe dafür, dass Polen heute ein vergleichsweise geringes Infektionsgeschehen habe, sagt der Virologe Krzysztof Pyrc von der Universität Krakau.

Nicht genug Tests?

Der andere Grund: "Diese Werte können auch daraus resultieren, dass nicht genug Tests vorgenommen werden, wodurch es nicht möglich ist, alle Angesteckten zu identifizieren." In den vergangenen Wochen hat Polen im Schnitt an Werktagen rund 23.000 Tests vorgenommen - etwa genauso viele wie das benachbarte Tschechien, das mit knapp 10,7 Millionen Einwohnern deutlich kleiner ist. Im Gegensatz zu Polen gilt Tschechien als Risikogebiet.

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Polens Gesundheitsminister Adam Niedzielski stimmt die Bürger schon jetzt darauf ein, dass die Zahl der täglichen Neuinfektionen künftig bei mehr als 1000 liegen wird. Dies sei ein Ergebnis der Rückkehr zum normalen Leben.

Virologe Pyrc rechnet mit einem deutlichen Anstieg der Fallzahlen in der Herbst- und Winterzeit, wenn die Luft kälter und trockener wird und sich die Menschen länger in Innenräumen aufhalten. Ein erneuter landesweiter Lockdown dagegen sei unwahrscheinlich. Eher werden man Einschränkungen auf lokaler Ebene verhängen, so der Experte.

Quelle: ntv.de, Doris Heimann und Petra Kaminsky, dpa