Panorama

"Debatte über Delta hysterisch" Kassenarzt-Chef wirft Politik Panikmache vor

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"Die Fixierung auf die Inzidenz war schon vorher falsch, aber jetzt wird sie immer absurder": Gassen warnt vor Alarmismus in Endlosschleife.

(Foto: picture alliance / dpa)

Wer die Sorgen der Politik vor dem Delta-Herbst verfolgt, könnte sich ins Jahr 2020 zurückversetzt fühlen. Kassenärzte-Chef Gassen sieht darin Panikmache, Irrationalität und Inzidenzgläubigkeit. Angesichts des Impffortschritts fordert er, Quarantäne-Regeln für geimpfte Portugal-Reisende sofort aufzuheben.

Die Inzidenz in Deutschland sinkt, der Delta-Anteil steigt, aber längst nicht jeder findet das schlimm. Der Vorstandschef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, sieht in der Diskussion um schärfere Regeln zum Schutz vor der Delta-Variante eine unverantwortliche Panikmache. Im Gespräch mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland warf der Mediziner der Bundesregierung irrationales Handeln vor: "Ich halte die Debatte derzeit für in Teilen fast schon hysterisch", sagte Gassen dem RND. "Es ist unverantwortlich, immer wieder mit Endzeitszenarien zu operieren", fügte er hinzu.

Die Delta-Variante dürfte bereits Ende Juli hierzulande die dominierende Mutante werden, so der KBV-Chef. "Aber deshalb müssen wir nicht in Panik verfallen", sagte er. "Delta ist ansteckender, aber nach heutigen Erkenntnissen wohl nicht wesentlich gefährlicher als die bisherigen Varianten", argumentierte Gassen. Es könne durchaus sein, dass die Infektionszahlen wieder hochgingen. "Aber es gibt bisher keine fundierten Hinweise darauf, dass dadurch auch der Anteil der schweren Erkrankungen wieder steigt, zumal Geimpfte zuverlässig geschützt sind", betonte er. Man müsse das weiter genau beobachten. "Aber der von einigen verbreitete Alarmismus ist völlig fehl am Platz", so Gassen.

"Wir müssen gewisse Inzidenz akzeptieren"

Gassen verlangte ein Umdenken bei der Beurteilung der Infektionslage. "Es war schon immer falsch, nur starr auf die sogenannte Inzidenz zu schauen. Aber angesichts des enormen Impffortschritts wird es immer absurder, das weiter zum Maßstab des Handelns zu machen", argumentierte er. Wenn immer mehr Menschen durch eine Impfung vor schweren Krankheitsverläufen geschützt seien, dürfe die Infektionszahl nicht die entscheidende Rolle spielen. "Wir können eine gewisse Inzidenz akzeptieren und das werden wir perspektivisch auch müssen", sagte er.

Kritik übte Gassen insbesondere an den Reiseregeln. "Die Bundesregierung ist dabei, Vertrauen in der Bevölkerung zu verspielen", sagte er. "Portugal mit seinen harten Lockdowns wird lange als Musterland der Corona-Bekämpfung dargestellt, für das Reisen wird mit großem Brimborium der digitale Impfpass eingeführt. Doch dann wird über Nacht der Urlaub in Portugal quasi unmöglich gemacht, weil alle Rückreisenden - ob geimpft oder nicht - in 14-tägige Quarantäne geschickt werden", kritisierte er.

Gassen forderte, die Quarantäne für vollständig geimpfte Reiserückkehrer aus sogenannten Virusvariantengebieten zu streichen. "Wir wissen, dass vollständig Geimpfte auch gegen Delta hervorragend geschützt sind. Daher darf man nicht alle über einen Kamm scheren", so Gassen.

Quelle: ntv.de, mau

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