Panorama

Missbrauch hinter biederer Fassade Keine Trauer um Paul Schäfer

Seinen Anhängern beschnitt er die persönlichen Freiheiten, er selbst führte ein zügelloses Leben. Der Ex-Chef der Colonia Dignidad ist tot. Die Kolonie will nichts mehr von ihm wissen.

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Paul Schäfer wird nicht in der Kolonie beerdigt.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

"Wir sind schon traurig angesichts des Todes von Paul Schäfer", sagt Martin Matthusen über den früheren Chef der sektenartigen Siedlung Colonia Dignidad im Süden Chiles. "Wir sind traurig, aber nur weil sich Schäfer seit seinem Verschwinden in den 1990er Jahren nie gemeldet hat, nie um Vergebung oder Entschuldigung gebeten hat für das große Leid und die vielen Schäden, die er angerichtet hat", fügt der Sprecher der Siedlung hinzu, die heute "Villa Baviera", Bayerisches Dorf, heißt.

Der 41-Jährige wurde in der von Schäfer Anfang der 1960er Jahre gegründeten 17.000 Hektar großen Anlage geboren, als sie noch Colonia Dignidad hieß. Der Name, auf Deutsch Kolonie der Würde, war immer ein Hohn. Die hermetisch von der Außenwelt abgeschottete Anlage erlangte traurige Berühmtheit durch den sexuellen Missbrauch Minderjähriger durch Schäfer und als Folterzentrum der Pinochet-Diktatur.

Keine individueller Freiheiten

Matthusen nutzt den Tod des Mannes mit dem Glasauge, um sich bei den Chilenen zu entschuldigen: "Wir bedauern sehr, wenn durch Taten oder Unterlassungen von Mitgliedern dieser Gemeinschaft Leid angerichtet wurde und bitten das chilenische Volk dafür um Vergebung." Hinter diesem Satz verbergen sich Erinnerungen an die Hölle der Colonia, in der Matthusen aufgewachsen ist. Schäfer spielte sich als eine Art Gott auf, kombinierte Psychoterror und Brutalität mit harter Arbeit und der völligen Beschneidung individueller Freiheiten. Nebenher verging er sich sexuell an Minderjährigen aus der Kolonie und der chilenischen Bevölkerung.

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"Villa Baviera", Bayerisches Dorf, heißt die Colonia Dignidad heute.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

In seiner Jugendzeit hatte sich der 1921 in Bonn geborene Schäfer der evangelischen Kirche angeschlossen. Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete er in evangelischen Jugendheimen. Wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs von Kindern wurde er entlassen und die Justiz ermittelte. Schäfer entzog sich jedoch rechtzeitig durch die Flucht nach Südamerika.

"Daueronkel" Schäfer

In Südamerika baute der Sektenprediger mit etwa 300 Anhängern die Colonia Dignidad auf. Schäfer hatte die Deutschen mit Prophezeiungen wie der bevorstehenden "Ankunft des Herrn" oder des nahenden Dritten Weltkrieges um sich gescharrt. Die Gruppenmitglieder traten ihr Eigentum an die Colonia ab. In der Umgebung des landwirtschaftlichen Gutes wurden schnell Gerüchte laut, dass es dort zu Unzucht mit Minderjährigen komme.

Die dort lebenden Kinder mussten die Erwachsenen mit Onkel und Tante anreden. Schäfer war der "Daueronkel". Regelmäßig mussten die Sektenmitglieder die "Beichte" bei Schäfer ablegen. Wer bei ihm in Ungnade fiel, wurde Schauprozessen unterzogen, während derer Schäfer Siedler dazu aufstachelte, das Opfer gleich vor Ort zu schlagen und niederzubrüllen.

Kindesmissbrauch im Kachelbad

Durch die harte Arbeit der Siedler entstand bald eine blühende Landwirtschaftssiedlung mit Krankenhaus, Schule und Internat. Im Muff der Selbstisolierung und hinter einer biederen Bauernhof-Fassade führte Schäfer selbst jedoch ein zügelloses Leben. An sein Arbeitszimmer hatte er sich eigens einen Baderaum bauen lassen. Vom altdeutsch eingerichteten Zimmer mit Häkeldeckchen hinter Panzerglas ging es direkt ins Kachelbad. Dort verging er sich an den Kindern.

Bald nach dem Ende der Pinochet-Diktatur 1990 tauchte Schäfer unter. 2005 wurde er in Argentinien geschnappt, nach Chile überstellt und dort vor allem wegen sexuellen Missbrauchs zu einer langen Haftstrafe verurteilt. Seine frühere Siedlung will nichts mehr von ihm wissen. "Er wird hier weder beerdigt noch wird eine Delegation des Dorfes an seiner Beisetzung teilnehmen", bekräftigt Matthusen. Der Schatten Schäfers aber wird noch lange auf den Menschen liegen.

Quelle: n-tv.de, Jan-Uwe Ronneburger, dpa

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