Panorama

Ein Jahr nach dem BergsturzMenschen aus Blatten müssen neu heimisch werden

28.05.2026, 06:43 Uhr
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Von Blatten ist nur wenig übrig geblieben, zunächst unversehrte Häuser sind im See versunken, der durch die gestaute Lonza hinter dem Schuttberg entstand. (Foto: dpa)

Ein Engel im Schlamm, ein Lego-Roboter im Dreck: Wie kleine Wunder nach der Katastrophe im Lötschental Hoffnung spenden - und was die Menschen trotz allem zusammenhält.

Es ist wirklich ein Engel, den Damian Bellwald aus dem modrigen Schlamm in seinem halb untergegangenen Haus geborgen hat. Ein weißer Engel, aus Holz, mit goldenem Herzen. "Er stand immer auf meinem Nachttisch", sagt seine 43-jährige Frau, Rachel. Ein Nachttisch, der im Mai 2025 wie der gesamte Hausstand der fünfköpfigen Familie bei der Bergsturz-Katastrophe bei Blatten im Schweizer Lötschental untergegangen ist.

Ein goldverziertes Schmuckkästchen fischte er auch heraus, darin unversehrt die Kette, die er seiner Frau zum 40. Geburtstag geschenkt hatte. Und zur Freude seines Sohnes überstand auch noch ein Roboter aus Lego das Desaster. Stolz zeigt der fast achtjährige Hannes die leicht lädierte Figur, sein Lieblingsspielzeug.

Wie vieles andere war der Roboter damals, als die Räumung der Häuser im Dorf Blatten angeordnet wurde, zurückgeblieben. Für ein paar Tage, wie alle dachten, reine Vorsichtsmaßnahme, die Räumung. Die Bellwalds haben wie die meisten der rund 300 Einwohner ein paar Taschen mit Wäsche gepackt, Laptops, Ladekabel und Ähnlichem. "Ich war mir sicher, dass wir bald zurückkehren", sagt Rachel Bellwald, Physiotherapeutin und heute Präsidentin des Kirchenchors von Blatten. Die Familie hat in Kippel, ein paar Kilometer vor Blatten, eine vorübergehende Bleibe gefunden.

Viele Leute wälzen seitdem Zukunftsfragen. Wie geht es weiter mit der Dorfgemeinschaft? Halten die Vereine zusammen? Kehren alle zurück? Blatten soll neu aufgebaut werden. "Die Befürchtung ist, dass das neue Dorf zwar schön ist, aber sich nicht wie daheim anfühlt", sagt Bellwald. "Diese Fragen beschäftigen einen jeden Tag."

Der Horrortag - Rückblende

Das Kleine Nesthorn (einst 3342 Meter hoch) oberhalb von Blatten war seit Jahren brüchig. Immer wieder stürzen Brocken hinab und landen auf dem Birchgletscher. Kameras werden zur Überwachung installiert. Als das Material ins Tal zu stürzen und Blatten auf gut 1500 Metern Höhe zu treffen droht, kommt am 19. Mai der Befehl zur Räumung.

Doch was am 28. Mai dann passiert, sprengt jede Vorstellung: Um kurz vor 16.00 Uhr donnern Millionen Tonnen Fels, Geröll und Eis innerhalb von Sekunden 2600 Meter den Hang hinab. Das Getöse ist im ganzen Tal zu hören. Die Massen zermalmen alles, was auf ihrem Weg liegt, zerstören Blatten großteils und schieben sich am gegenüberliegenden Hang noch hoch. Wo einst das Dorf war, liegt ein bis zu 30 Meter hoher Schuttkegel.

Einer, der es live gesehen hat, ist Kilian Kalbermatten. Der 23-jährige Student war nach der Räumung bei den Großeltern im Nachbardorf. "Ich wollte lernen für eine Prüfung, aber alle hatten so ein unheimliches Gefühl", erzählt er in der Wohnung in Wiler, in der seine Familie jetzt lebt. "Großvater sagte: Du kannst eh nicht lernen, wir gehen hoch." Sie fuhren gegenüber dem Kleinen Nesthorn den Berg hinauf, Richtung Lauchernalp, als es passierte.

Kalbermatten zeigt ein Video auf seinem Handy. "Himmel!" hört man ihn rufen, als die gewaltige Lawine aus Schutt, Geröll und Eis plötzlich herunterdonnert und sich eine gigantische Staubwolke im Tal ausbreitet. "Ich hatte bis zuletzt gedacht, dass alles gut kommt", sagt Kalbermatten. "Als wir sahen, wie weit der Schutt ins Tal hinuntergekommen war, war klar: Das hat Blatten voll getroffen." Kalbermatten will Forstingenieur werden, mit Schwerpunkt Gefahrenmanagement. Das habe er schon vor der Katastrophe gewählt, sagt er.

Zusammenhalt gewachsen

Kalbermatten ist Präsident des Jugendvereins mit rund 30 Mitgliedern. Da mache praktisch jeder im Dorf mit, von 16 bis etwa 30 Jahren. Der Verein hält zusammen, ist er überzeugt, auch, wenn die Leute nun über die Dörfer verstreut sind. "Wir haben uns vorher über Whatsapp vernetzt, das machen wir jetzt auch", sagt er. Der Verein organisiert Partys, Ausflüge, einen Suppentag, wenn für das ganze Dorf gekocht wird, und ist beim Dorfputz im Einsatz. Der Suppentag fand auch dieses Jahr wieder statt.

Der Kirchenchor ist gleich nach der Katastrophe auch wieder zusammengekommen. "Die Treffen tun uns gut, es ist ein Stückchen Normalität", sagt Bellwald. "Der Zusammenhalt ist noch gewachsen." Die Proben gehen jetzt in einem Nachbardorf weiter, jeden zweiten Sonntag gestaltet der Kirchenchor dort die Messe. Den Chor mit rund 20 Aktiven plagen eher die üblichen Probleme: Nachwuchssorgen. Aber immerhin seien seit der Katastrophe drei neue Mitglieder dazugestoßen.

Schimmel, Geruch und Verwüstung

Bellwalds Haus wurde erst noch verschont, aber hinter dem meterhohen Schuttberg staute sich der Fluss Lonza, dessen Bett verschüttet war. Und das Wasser stieg und stieg. Bei einem Hubschrauberüberflug ein paar Wochen später bekam die Familie die traurige Gewissheit: Das Haus stand bis zur Hälfte des dritten Stocks unter Wasser.

Als die Bellwalds später mit einem Boot zu ihrem Haus durften, mussten sie über den Balkon in den dritten Stock einsteigen. "Ich hatte mit dem Schlimmsten gerechnet, aber es war noch schlimmer", sagt Bellwald. "Der Schimmel. Der Geruch. Die Verwüstung."

Neben dem, was ihr Mann aus dem Schlamm rettet, findet Rachel Bellwald wie durch ein Wunder noch einen ganz besonderen Schatz unversehrt: Einen handgemachten Trachtenhut, den ihre Mutter schon trug und ihr übergeben hatte. Dass der Hut den Verlust der Heimat überlebt hat, bedeutet der Familie viel. "Ich hatte ihn extra ins oberste Schrankfach gelegt, damit die Kinder damit nicht herumspielen", sagt sie. Hannes hat noch zwei Brüder, 10 und 12 Jahre alt. Schließlich nimmt Bellwald noch ein Foto von der Wand mit ins neue Leben. Es wurde an ihrem Hochzeitstag gemacht. Das Foto hat mit deutlichen Wasserspuren überlebt.

Neuanfang das erklärte Ziel

Die Kalbermattens hatten mehr Glück. Ihr Haus stand zwar im Wasser, aber sie wohnten weit genug oben. Im Herbst, als das Wasser zurückgegangen war, konnte die Familie einmal hin. "Das war ganz unwirklich", sagt Kilian. "Da war alles genauso, wie ich es verlassen hatte. Und nur einen Stock tiefer: alles zur Sau." Sie haben alles ausgeräumt.

Viele Bewohner und Bewohnerinnen haben dagegen alles verloren. Erst jetzt können einige in die wenigen unversehrten Häuser zurück. Es gibt dort wieder Wasser, Glasfaserkabel sollen im Sommer kommen. Eine neue Zugangsstraße wird aber gerade erst gebaut. Einige Ruinen und Häuser stehen auch in der neu ausgewiesenen Gefahrenzone, wo niemand mehr wohnen darf.

Rückkehr und Neuanfang sind aber das erklärte Ziel. Nur zwei Wochen nach der Katastrophe hat Gemeindepräsident Matthias Bellwald eine Vision präsentiert: wie ein neues Dorf entsteht, mit Wohnraum für alle, die vorher da waren, Dorfplatz, Kirche und allem anderen, was dazu gehört. "Die Vision hat den Exodus aus dem Lötschental verhindert", sagt Bellwald. "75 Prozent der Leute sind geblieben". In Blatten tragen viele die Nachnamen Bellwald und Kalbermatten und die meisten sind weitläufig verwandt.

Ausdauer gefragt

Ob das klappt mit dem neuen Blatten? Rachel Bellwald will mit ihrer Familie eigentlich zurück, "den Jungen geben, was sie dort einmal hatten", sagt sie. "Viele fragen: Was wollt ihr dort? Ist doch dann alles neu. Aber die Erinnerungen stecken auch ja in der umliegenden Natur, in den Wegen, den Bergen."

Gleichwohl sorgt sie sich: Wie lange wird es dauern mit dem Wiederaufbau? Der Plan sind vier, fünf Jahre. Wird da auch nichts überstürzt und hässlich gebaut? Was, wenn ihre Kinder dann heimischer dort sind, wo sie jetzt wohnen? Was, wenn viele ehemalige Nachbarn doch nicht zurückkehren? "Halten wir so lange durch? Das braucht viel Ausdauer", sagt sie.

Auch Kalbermatten will zurück. "Bis vor einem Jahr war hier die heile Welt", sagt er. Beim Anblick des Schuttkegels kämen zwar die Erinnerungen hoch. "Aber es bringt nichts, wenn man sich so runterdrücken lässt." Dort müsse am besten bald mal etwas wachsen, "Farbe drauf", meint er.

Was ist Heimat?

Heimat, das ist ein großes Thema bei allen, die ihr Dorf, das mindestens seit dem Mittelalter bestand, verloren haben. "Was ist Heimat? Das ist ein Gefühl, sich Wohlfühlen, Erinnerungen, nicht fremd sein", sagt Bellwald. "Das war mir vorher gar nicht so bewusst, aber hier in Kippel merke ich es: Ich fühle hier keine echte Heimat." Sie schließt aber nicht aus, dass das noch kommen könnte. Für Kilian ist Heimat nicht das Gebäude, in dem er gewohnt hat: "Heimat, das sind die umliegenden Berge, die Wege, die Leute, die man kennt."

Wie ist die Gefühlslage ein Jahr später, Rachel Bellwald? Ihre Antwort: "Es ist nicht mehr Wut und Trauer, sondern Hoffnung und Zuversicht."

Quelle: ntv.de, Christiane Oelrich, dpa

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