Studie zum verheerenden HochwasserFlutgefahr im Ahrtal wurde wohl massiv unterschätzt

Eine neue Studie zur Ahrtal-Flut kommt zu einem erschütternden Ergebnis. Demnach war die Katastrophe mit 135 Toten kein unvorhersehbarer Ausnahmefall. Die offizielle Risikoeinschätzung basierte dem Forschungsteam zufolge auf einem fatalen Irrtum.
Das verheerende Hochwasser im Ahrtal im Sommer 2021 war einer neuen Studie zufolge kein unvorhersehbarer Ausnahmefall. Im Gegenteil: Neue wissenschaftliche Analysen der Universität Leipzig zeigen, dass ähnlich extreme Fluten dort schon mehrfach aufgetreten sind - und zwar über Jahrhunderte hinweg. Das legen demnach sowohl geologische Spuren als auch historische Quellen nahe. Die Flutkatastrophe mit 135 Todesopfern hätte daher vorhergesagt und vielleicht sogar vermieden werden können, schreiben die Forschenden im Fachmagazin "Earth Surface Processes and Landforms".
Im Juli 2021 hatte tagelanger Starkregen die Ahr und andere kleinere Flüsse in Westdeutschland in reißende Sturzfluten verwandelt. Ortschaften wurden überrollt, Brücken und Häuser zerstört, ganze Straßenzüge weggespült. Es war die tödlichste Naturkatastrophe in Deutschland seit Jahrzehnten. Neben Defiziten bei Warnsystemen und Krisenkommunikation spielte der neuen Studie zufolge ein weiterer Faktor eine zentrale Rolle: die massive Unterschätzung der Hochwassergefahr an der Ahr.
Denn die offiziellen Risikobewertungen stützten sich laut Forschungsteam bislang fast ausschließlich auf Messdaten der vergangenen rund 70 Jahre. Diese vergleichsweise kurze Zeitspanne habe den Eindruck eines eher harmlosen Mittelgebirgsflusses vermittelt. Ein fataler Irrtum, wie Studienautor Christoph Zielhofer von der Universität Leipzig und sein Team nun sagen. Um die langfristige Hochwassergeschichte der Ahr zu rekonstruieren, untersuchten die Forschenden Sedimentbohrkerne aus den Ahr-Auen bei Mayschoß. In den Ablagerungen suchten sie nach typischen Spuren von Sturzfluten - grobem Geröll und Sand, die nur bei extremen Ereignissen bis in höher gelegene Talbereiche gelangen.
Schwerste Fluten traten im Sommer auf
Das Ergebnis: In den Sedimenten fanden sich Hinweise auf mindestens drei Hochwasser, die mit der Flut von 2021 vergleichbar sind. "Die untersuchten Sedimente dokumentieren die katastrophale Flut von 2021 und zwei Extremhochwasser von 1804 und 1910 sowie ein Hochwasserereignis, das etwa auf das Ende des 5. Jahrhunderts datiert wird", sagt Zielhofer laut Mitteilung der Uni. Ergänzt wurden diese Befunde durch historische Dokumente, die verheerende Sommerhochwasser belegen - etwa 1804 mit mindestens 65 Todesopfern oder 1910 mit mehr als 50 Toten. Auch für das 17. Jahrhundert finden sich demnach Hinweise auf zerstörte Brücken und schwere Flutschäden.
Zusammengenommen zeichnen diese Daten laut Studie ein klares Bild: Extreme Sturzfluten gehören im Ahrtal zur langfristigen Realität. "Unsere Untersuchung zeigt, dass hochenergetische Hochwasserereignisse im Bereich von Jahrhunderten bis Jahrtausenden im Ahrtal nicht die Ausnahme, sondern die Regel darstellen", so Zielhofer. Auffällig sei zudem, dass viele der schwersten Fluten im Sommer auftraten. Das deute darauf hin, dass feuchtwarme Luftmassen und intensiver Starkregen - also genau jene Wetterlagen, die auch 2021 eine Rolle spielten - schon seit Jahrhunderten entscheidend sind.