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In New York demonstrierten Dutzende Frauen vor dem Trump Tower. Der US-Präsident wurde bereits mehrfach beschuldigt, sexuell übergriffig gewesen zu sein. Konsequenzen hat er nicht gezogen.
In New York demonstrierten Dutzende Frauen vor dem Trump Tower. Der US-Präsident wurde bereits mehrfach beschuldigt, sexuell übergriffig gewesen zu sein. Konsequenzen hat er nicht gezogen.(Foto: imago/Pacific Press Agency)
Mittwoch, 27. Dezember 2017

Bestimmende Debatte 2017: #Metoo ist mehr als Gewalt gegen Frauen

Von Lisa Schwesig

Tausende Frauen machen in diesem Jahr öffentlich, sexuell belästigt oder vergewaltigt worden zu sein - darunter auch prominente Damen. Es gründet sich die #Metoo-Bewegung. Sie zeigt: Sprache ist eine mächtige Waffe.

"Dieser Pullover hebt Ihre Figur besonders gut hervor": Ein Satz, der auf vielerlei Arten interpretiert werden kann. Fällt er in einem privaten Kontext, sieht die angesprochene Person ihn vielleicht als Kompliment. Fällt er in einem beruflichen Kontext, kann er als sexuelle Belästigung gelten. Dass die Gesellschaft überhaupt über die Bedeutung eines solchen Satzes nachdenkt, ist der #Metoo-Debatte zu verdanken.

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Schon 2013 gab es in Deutschland eine Diskussion um den "Herrenwitz" des FDP-Politikers Rainer Brüderle. Damals beschuldigte eine Journalistin den damaligen Parteispitzenkandidaten, sie verbal belästigt zu haben. Später berichteten auch andere Frauen von ähnlichen Erfahrungen aus ihrem Berufsleben. Der #Aufschrei setzte etwas in Bewegung, verebbte aber nach kurzer Zeit wieder. Konsequenzen mussten die Beschuldigten nicht fürchten.

Spätestens seit die "New York Times" die Machenschaften von Hollywood-Produzent Harvey Weinstein in diesem Jahr aufdeckte, ist das anders. Die Debatte um sexuelle Übergriffe hat wieder Fahrt aufgenommen. Der Schöpfer von Oscar-prämierten Filmen wie "Shakespeare in Love" soll unter anderem Darstellerin Gwyneth Paltrow sexuell belästigt haben. Auch Kolleginnen wie Angelina Jolie, Cara Delevigne und zuletzt Salma Hayek beschuldigen Weinstein. Die Schauspielerinnen werfen dem erfolgreichen Produzenten vor allem Machtmissbrauch vor. Dabei trifft es diese Wortwahl nicht ganz. Denn Machtmissbrauch beschreibt lediglich, dass ein Herrschender die ihm durch seine Stellung verliehenen Privilegien für falsche Zwecke einsetzt. Die Komponente der Übergriffigkeit wird dabei ausgeklammert.

Die Macht der Sprache

Die Sprache spielt eine entscheidende Rolle in der Diskussion um #Metoo. Wie "Süddeutsche Zeitung"-Autor Julian Dörr richtig anmerkt, ist fälschlicherweise häufig von einem Sex-Skandal die Rede. Das treibe die Debatte in eine Rotlichtecke, in die sie nicht hineingehört, schreibt er. Stattdessen sollte man direkt benennen, um was es sich handelt: einen Missbrauch. Er beklagt ebenfalls, dass immer wieder von Gewalt gegen Frauen die Rede sei, statt von Gewalt von Männern. Dabei holt die Bestimmung der Gewaltquelle Frauen aus der Opferrolle und gibt Männern die Gelegenheit, einzugreifen, bevor etwas Ernsteres passiert. Wer sich bewusst macht, dass er Gewalt ausübt, kann diese vermeiden.

Dass nicht nur Frauen von sexueller Gewalt betroffen sind, sollte jedem und jeder klar sein. Ein salopper Spruch zum Kollegen ist schnell ausgesprochen. Erst danach stellt sich die Frage, ob das nicht eigentlich auch eine sexuelle Belästigung ist. Die Antwort ist simpel: Ja, ist es. Umso wichtiger erscheint es, sich seine Worte bewusst zu machen - am besten, bevor man sie äußert. Niemand soll Angst davor haben, einem Mann oder einer Frau ein angebrachtes Kompliment zu machen. Entscheidend sind der Kontext, die Intention und die Reaktion des Gegenübers.

Für manch einen ist der Satz "Dieser Pullover hebt Ihre Figur besonders gut hervor" ein Kompliment, für andere bereits ein sexueller Übergriff. Jedes Individuum hat dahingehend seine persönlichen Grenzen und diese müssen respektiert werden. Nicht jeder vermeintliche #Metoo-Aufschrei hat diesen Namen tatsächlich verdient, aber jeder gehört ernst genommen.

Quelle: n-tv.de