Panorama

"Sonst nur schwer beherrschbar" Intensivmediziner fordern längeren Lockdown

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In einem von der Divi beschriebenen Szenario könnte die dritte Welle "kaum noch beherrschbar" werden.

(Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild)

Bund und Länder entscheiden in der kommenden Woche, ob Deutschland noch länger im Lockdown bleibt oder ob weitreichende Lockerungen kommen. Intensivmediziner mahnen noch mindestens drei weitere Wochen Disziplin an. Andernfalls könnten im schlimmsten Fall die Intensivstationen überlastet sein.

Die deutschen Intensivmediziner drängen auf eine Verlängerung des derzeitigen Lockdowns bis mindestens zum 1. April. "Sonst wird die dritte Welle nur schwer oder überhaupt nicht beherrschbar sein", warnte der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi), Gernot Marx. Dabei spielt besonders die Gefahr durch die Ausbreitung von Mutanten des Coronavirus eine Rolle.

Die Divi stellte dazu ein neues Prognosemodell vor, mit dem in unterschiedlichen Szenarien die Belegung von Intensivbetten durch Covid-Patientinnen und -Patienten in den kommenden Monaten vorhergesagt wird. Die Zahl der Corona-Intensivpatienten sei zwar erfreulicherweise im Vergleich zum Jahresbeginn wieder deutlich auf derzeit rund 2900 gesunken, könnte demnach aber im ungünstigsten Fall bis Mitte Mai auf bis zu 25.000 hochschnellen - ein extrem hoher Wert, der Intensivstationen überfordern würde. Der bisherige Höchststand habe im Januar bei 6000 solchen Patienten gelegen.

Dies würde den Divi-Berechnungen zufolge für den Fall gelten, dass der sogenannte R-Wert als Indikator für die Zahl der Ansteckungen pro Infiziertem bei 1,2 für den ursprünglichen Virustyp und bei 1,55 für die britische Variante B.1.1.7 liegt, es bereits ab dem 7. März weitgehende Lockerungen gibt und zugleich bei den Impfungen eine durchschnittliche Zahl von etwa 230.000 pro Tag erreicht wird. Der R-Wert zeigt, wie viele weitere Menschen ein Infizierter im Durchschnitt ansteckt. Er dürfe nicht über 1,2 steigen, mahnte die Mediziner-Vereinigung. Durch die ansteckendere Variante wird befürchtet, dass der R-Wert schwerer unter 1 gedrückt werden kann. Erst wenn er längere Zeit unter 1 liegt, flaut das Infektionsgeschehen ab.

Bei einem schnelleren Verlauf mit 350.000 Impfungen pro Tag sei in diesem Szenario immer noch eine Belegungszahl von 12.000 für die Intensivbetten zu erwarten, erläuterte der Aachener Biomediziner Andreas Schuppert, der das Prognosemodell maßgeblich mitentwickelt hat. Bei Lockerungen erst ab dem 1. April würde demnach dagegen die Belegungszahl zwar auch ansteigen, aber selbst im ungünstigsten Szenario auf lediglich bis zu 6000. Es gehe daher darum, "die nächsten Wochen zu kontrollieren", sagte Schuppert.

Der seit Mitte Dezember geltende Lockdown ist bis zum 7. März befristet. Am Mittwoch beraten Kanzlerin Angela Merkel und die Länderchefs darüber, wie es danach weitergeht - etwa, ob der Lockdown oder einzelne Maßnahmen verlängert werden oder ob es Lockerungen gibt. Mehrere Bundesländer kündigten bereits Lockerungen der Corona-Beschränkungen ab März an. Unter anderem dürfen neben Friseursalons in einigen Ländern auch Blumenläden und Baumärkte wieder öffnen.

Wettlauf zwischen Impfungen und Infektionswelle

Wird ein niedrigerer R-Wert von 1,0 für das Ursprungsvirus und 1,35 für Mutanten angenommen, läge die Höchstbelegung der Intensivbetten bei langsamem Impfverlauf und Lockerungen ab 7. März laut Divi-Prognose immer noch bei bis zu 4000, bei schnellerer Impfung bei bis zu 3000.

Der Divi-Experte Christian Karagiannidis wies jedoch darauf hin, dass ohne Lockdown im vergangenen Oktober der R-Wert deutlich über 1,2 lag, in der Zeit der Weihnachtseinkäufe im Dezember ungefähr bei 1,2. Eine um drei Wochen spätere Lockerung sei insofern entscheidend, weil dann die Wirkung der Impfungen "der Infektionswelle vorausläuft". Bei Öffnungen ab 7. März wäre es demnach umgekehrt. "Drei Wochen Disziplin zwischen 7. März und 1. April entscheiden das Spiel in der Nachspielzeit", bilanzierte Karagiannidis.

Die Mediziner drängten deswegen auch darauf, die Impfkampagne voranzutreiben. "Also auch mit Astrazeneca", sagte Marx mit Blick auf Akzeptanzprobleme dieses Produkts. Generell solle bis Ende September eine Impfquote von 80 Prozent erreicht werden, um die Pandemie erfolgreich einzudämmen.

Der Divi-Mediziner Steffen Weber-Carstens warnte zudem davor, die Grenzen der Belastbarkeit des Gesundheitssystems auszutesten. Es gehe nicht nur um die Zahl der Corona-Toten, sondern auch um schwere Langzeitfolgen nach Infektionen sowie um viele Patientinnen und Patienten, die dann nicht operiert werden könnten. So werden laut Divi derzeit zahlreiche Tumor- und Herzoperationen nachgeholt, die eigentlich schon in den vergangenen Monaten hätten stattfinden sollen.

Divi-Mediziner empfehlen Strategiewechsel

Die Divi-Mediziner rieten dazu, Öffnungsstrategien in einem Strategiewechsel am R-Wert auszurichten. Bisher ist dafür eher die 7-Tage-Inzidenz im Blick, die Infektionen pro 100.000 Einwohner in einer Woche abbildet. "Wir müssen dringend appellieren, dass Impfungen extrem effektiv sind", sagte Janssens insbesondere mit Blick auf das Vakzin von Astrazeneca. Sie seien der Rettungsanker, der helfen werde, endlich aus dieser Krise herauszukommen. Die Bevölkerung sei zwar am Ende, aber Besserung sei in Aussicht. Für die Modelle wurde angenommen, dass die Impfung zu 100 Prozent vor einem so schweren Krankheitsverlauf schützt, dass man auf der Intensivstation behandelt werden muss.

Für die Mediziner geht es auch um die Belastung für das Personal: Er habe noch nie eine Situation erlebt, in der so viele Mitarbeiter aus verschiedenen Bereichen psychisch, physisch und emotional so erschöpft waren, sagte Marx. "Sie sind keine Maschinen." Eine am Mittwoch veröffentlichte Berechnung des Robert-Koch-Instituts (RKI) hatte mehr als die Hälfte der Menschen in Deutschland über 15 Jahre der Risikogruppe für schwere Covid-19-Verläufe zugerechnet. Ausschlaggebend waren dafür vor allem Alter (über 65 Jahre) und bestimmte Vorerkrankungen.

Quelle: ntv.de, hul/AFP/dpa

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