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Ehre für ermordeten Bischof Romero Papst spricht Helden Lateinamerikas selig

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Bischof Oscar Romero (1917-1980).

(Foto: AP)

Fast 21 Jahre lässt sich der Vatikan Zeit, um den 1980 während einer Messe in San Salvador ermordeten Bischof Romero selig zu sprechen. Doch dass nun der Befreiungstheologe als Märtyrer anerkannt wird, kommt einer kleinen Revolution im Vatikan gleich.

Eine Million Menschen versammeln sich am 30. März 1980 in San Salvador, um Bischof Oscar Romero die letzte Ehre zu erweisen. Viele arme Menschen sind darunter. Sie trauern um den Mann, der sich wie kaum jemand vor ihm für sie eingesetzt hat. Und sie stehen noch unter Schock: Sechs Tage vorher hatte Romero noch eine Messe gefeiert. Diese fand ein jähes Ende, als ein VW Käfer vorfuhr, aus dem ein Unbekannter das Feuer eröffnete.

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Romero nach seinem Tod.

(Foto: AP)

Romero starb und mit ihm der Frieden in El Salvador. Schon bei seinem Begräbnis nehmen Scharfschützen einzelne Trauernde ins Visier, 40 Menschen werden getötet. Es ist der Beginn einer jahrelangen Bürgerkriegshölle, die in El Salvador 75.000 Menschen das Leben kostet. Erst 1992 unterzeichnen die Konfliktparteien ein Friedensabkommen.

35 Jahre nach dem Mord an Romero erweist die katholische Kirche dem Mann nun ihren Respekt. Papst Franziskus lässt verkünden, dass er den Mittelamerikaner als Märtyrer anerkennt und ihn selig sprechen will. Einen Termin dafür gibt es noch nicht. Seit März 1994 lief der Prozess der Seligsprechung und dauerte damit fast 21 Jahre. Warum so lange? Was war das Problem, so einem Mann diese Anerkennung zuteil werden zu lassen?

Marxistisch "infiziert"?

Romero setzte sich zwar für die Armen ein, doch wie er das tat, passte vielen katholischen Würdenträgern nicht. Denn bald nachdem er 1977 das Bischofsamt von San Salvador übernommen hatte, wandte sich der damals 60-Jährige der Befreiungstheologie zu - jener Lehre, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, sich besonders intensiv für die Armen einzusetzen. Das Problem: Befreiungstheologen in der Tradition des peruanischen Geistlichen Gustavo Gutiérrez traten oft in einen Dialog mit marxistisch geprägten Soziologen und Wirtschaftswissenschaftlern. Dies brachte den Lateinamerikanern in der Kirche den Ruf ein, "marxistisch infiziert" zu sein.

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Die Nähe zu den Armen und einfachen Leuten sucht auch Papst Franziskus.

(Foto: picture alliance / dpa)

Manche Geistliche hätten das Kreuz gegen das Maschinengewehr getauscht, lautete ein polemischer Vorwurf. In der 1984 veröffentlichten "Instruktion über einige Aspekte der 'Theologie der Befreiung'" bezeichnete die Glaubenskongretation des Vatikans den Klassenkampf als "Mythos" und schärfte den Befreiungstheologen ein, dass sie nicht nur für eine Klasse da seien und den Armen nach Art der Heiligen helfen sollten, nicht nach Art der Kommunisten.

Bevor er Bischof wurde, sah dies auch Oscar Romero so. Die Reichen in San Salvador freuten sich sogar darüber, dass er das Amt bekleiden durfte. Er sei als Garant eines guten Einvernehmens von Klerus und Politik angesehen worden, heißt es in einer Biographie der "Christlichen Initiative Romero". Doch ein Massaker an Demonstranten, die gegen Wahlfälschungen protestierten und der Mord an einem Befreiungstheologen änderten Romeros Sicht der Dinge.

Ratzinger rief Romero zur Ordnung

Romero setzte sich nun selbst besonders für die Schwachen ein und galt schließlich als einer der Befreiungstheologen schlechthin. Er erhob die Stimme gegen das Militärregime des Landes und sprach sich gegen den überbordenden Privatbesitz mancher Reicher aus sowie gegen die Gier, immer mehr Geld und Güter aufzuhäufen. Dies begründete er stets aus der Bibel heraus - und nicht aus dem Kommunistischen Manifest. Manche kritisierten ihn jedoch dafür, dass in seinem Windschatten linke Gruppen prosperiert hätten.

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Benedikt XVI. kritisierte die Befreiungstheologen immer wieder scharf.

(Foto: dpa)

Der Vorsitzende der Glaubenskongregation, die in den 80er Jahren die Befreiungstheologen zum Gehorsam aufrief, hieß Josef Ratzinger - als dieser unter dem Namen Benedikt XVI. Papst wurde, war also nicht unbedingt eine Seligsprechung zu erwarten. Allerdings bezeichnete er Romero als einen Mann von "großer christlicher Tugend", der jedoch politisch instrumentalisiert worden sei, was wiederum verhindert werden müsse.

Seit ein Argentinier Papst ist, erwarteten viele dass sich die Sicht des Vatikans auf Romero ändert. Franziskus nenne zwar das "polemische Wort 'Befreiungstheologie'" nicht, wie deren wichtiger Vertreter Ernesto Cardenal in einem Interview sagte, er handele aber danach. Tatsächlich hat Franziskus bereits durch viele Aufsehen erregende Aktionen gezeigt, wie sehr er sich den Armen verbunden fühlt.

Franziskus macht es anders

Die Anzeichen für eine Aussöhnung mit den Befreiungstheologen mehren sich. So empfing Franziskus 2013 bereits Gustavo Gutierrez, der Anfang der 70er Jahre die Befreiungstheologie wissenschaftlich begründet hatte. Im vergangenen Jahr traf er sich dann mit dem Brasilianer Leonardo Boff, ebenfalls einer der bekanntesten Vertreter der kirchlichen Strömung. Die Seligsprechung kommt also nicht überraschend - und ist gleichzeitig ein weiteres Zeichen dafür, wie sehr sich der lateinamerikanische Papst von seinen Vorgängern Benedikt XVI. und Johannes Paul II. absetzt.

Für Oscar Romero ist es eine späte Anerkennung dafür, dass er während der Ausübung seines Glaubens gestorben ist. Laut der Christlichen Initiative Romero wurden Anfang der 90er Jahre einige Verdächtige ermittelt, die für seinen Tod verantwortlich sein sollen. Die Spur führt zum Militär. Verurteilt wurde bis heute niemand.

Quelle: n-tv.de

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