Panorama

Von Tumoren, Leichen und Kaffee Pathologin schreibt letztes Menschen-Kapitel

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Im Sektionssaal der Leipziger Pathologie werden gelegentlich auch Kriminalserien und Filme gedreht.

(Foto: Lisa Schwesig)

Katrin Schierle ist eine Art Autorin für die Toten. Im Sektionssaal schreibt die Pathologin das letzte Zeugnis einer menschlichen Existenz. Das Krimi-Genre spielt in ihrem Beruf keine Rolle - ebenso wenig wie Mitgefühl.

Bevor Katrin Schierle beginnt, die "letzte große Krankengeschichte" eines Menschen aufzuschreiben, prüft sie ihre Protagonisten auf Herz und Nieren, schneidet in sie hinein und sieht sich einzelne Teile unter dem Mikroskop an. Die Resultate ihrer Untersuchungen können positiv oder negativ für ihre manchmal lebendigen, manchmal toten Hauptfiguren sein. In beiden Fällen tragen sie dazu bei, ein Kapitel nach dem anderen im Leben einer Person zu beleuchten.

Jeden Morgen liegen auf Schierles Schreibtisch rund 50 Fälle, zu denen sie ihre Einschätzung abgibt. Das Repertoire der gebürtigen Schwäbin mit den grauen Locken, dem blauen OP-Oberteil und der dazu passenden Hose ist breit gefächert: Es reicht von einzelnen Gewebeproben über ganze Körperteile bis hin zu Leichen natürlich Verstorbener. Die 40-Jährige ist Pathologin am Universitätsklinikum Leipzig.

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Katrin Schierle lässt die Arbeit auch privat nicht los. Sie schaut sich gerne Arztserien an, beklagt aber die Ungenauigkeit der Obduktionen. Das mache sie wahnsinnig, sagt sie.

(Foto: Lisa Schwesig)

Das Krimi-Genre spielt in Schierles Arbeitsalltag - entgegen dem Volksglauben - keine Rolle: Nur wer eines natürlichen Todes stirbt, darf mit Zustimmung der Angehörigen überhaupt von einem Pathologen obduziert werden. Gibt es keine näheren Verwandten, legt das Ordnungsamt das weitere Prozedere fest. Bei ungeklärten Todesfällen entscheidet die Staatsanwaltschaft, ob ein natürlicher oder ein unnatürlicher Tod vorliegt. Unnatürliche Todesfälle landen nicht auf Schierles Seziertisch, sondern in der Rechtsmedizin.

"Pathologie und Rechtsmedizin sind zwei völlig getrennte Dinge", erklärt die Oberärztin mit dem einnehmenden Lachen, die auch für die Ausbildung von Medizinstudenten zuständig ist. Rechtsmediziner beschäftigen sich daneben mit Vaterschaftstests und toxikologischen Untersuchungen, während Pathologen menschliches Gewebe auf Entzündungen und Tumore durchleuchten. Gemeinsam ist beiden die Sektion von Leichen, aber "Rechtsmediziner obduzieren unter ganz anderen Gesichtspunkten als wir Pathologen", sagt Schierle, während ihre neongelben Turnschuhe quietschend durch die Flure der Leipziger Pathologie hallen.

Detektivarbeit am Mikroskop

Vor dem Prolog der "letzten großen Krankengeschichte" eines Menschen, wie Schierle ihre Arbeit nennt, steht die Frage: Was ist passiert? Um eine Antwort zu finden und mit dem ersten Kapitel zu beginnen, geht die Pathologin erst makroskopisch, dann mikroskopisch vor. Zunächst untersucht sie das Gewebe mit ihren Händen und Augen, wiegt und vermisst es. Auffällige Stellen trennt sie heraus und präpariert diese. Nachdem den Proben das Wasser entzogen wurde, werden sie von medizinisch-technischen Assistenten in handelsübliches Wachs gegossen, um die so entstandenen Blöcke anschließend mit einem Hobel in feine Scheiben zu schneiden. Auf einem Objektträger landen sie dann unter Schierles Mikroskop.

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Die Leipziger Pathologie liegt mitten auf dem Universitätsgelände mit angeschlossener Klinik. Dort werden sowohl Patienten behandelt als auch Studenten unterrichtet.

(Foto: Lisa Schwesig)

Um zum Hauptteil der Geschichte ihrer Patienten zu gelangen, braucht die Autorin aus dem Sektionssaal aber noch mehr Informationen. "Wir sammeln alles, was wir bekommen können: alte Arztbriefe, Notizen über Vorerkrankungen und Vorpräparate, die aus früheren Operationen stammen." Am Ende hält Schierle die biologische Biografie eines Menschen in den Händen. Es ist das letzte Zeugnis seiner Existenz.

Ebenso liebevoll wie ein Schriftsteller behandelt auch die Medizinerin ihren Werkstoff. Die Würde des Patienten hat für die Ärztin und ihre Kollegen oberste Priorität. "Wir legen Wert darauf, bei einer Obduktion pietätvoll mit den Menschen und Materialien umzugehen", erklärt Schierle. So schneidet Schierle einen Körper entlang eines umgedrehten Y auf, das bei einer Bestattung gut durch Kleidung verdeckt werden kann. Nach Sektionen am Kopf achten ihre Assistenten darauf, die Naht so zu setzen, dass diese nicht sichtbar auf dem Sargkissen aufliegt.

Mitgefühl? Nicht in OP-Kleidung!

Gute Literatur zeichnet sich auch dadurch aus, dass sie den Leser berührt, ohne dass der Autor seine professionelle Distanz zu seinen Figuren verliert. Immer wieder muss er von außen das Geschehen betrachten, um jede Einzelheit zu erfassen. Diese Beobachtungsgabe ist auch in der Pathologie notwendig: "Wenn man nur nach dem einen sucht, guckt man bei dem anderen nicht mehr richtig hin. Das können wir uns nicht leisten", sagt Schierle mit einer Mischung aus schwäbischem und sächsischem Dialekt.

Mitgefühl gehört nicht zum Berufsalltag der Frau, die mit viel Wärme von ihrem Mann und den gemeinsamen zwei Katzen erzählt. "In dem Moment, in dem ich zu viel Mitgefühl habe, kann ich meinen Job nicht mehr richtig machen", sagt Schierle. Bei Fehl- oder Totgeburten etwa könne sie den Eltern nur helfen, wenn sie sachlich ihre Ergebnisse präsentiert. "Mitgefühl hat im Pathologenalltag wenig Platz." Sobald sie den Sektionssaal aber verlässt, ändert sich ihr Tenor: "Ich glaube, im privaten Rahmen haben wir Pathologen mehr Mitgefühl als viele andere - aber nicht, solange wir unsere Dienstkleidung tragen." Ekel empfindet Schierle nur selten - vor allem dann, wenn sie das Erbrochene ihrer Katzen beseitigen muss: "Alles Schleimige kann ich überhaupt nicht leiden."

Jede gute Geschichte bietet eine Vielzahl an Emotionen: Freude, Trauer, Ernsthaftigkeit, Ironie. Das gilt auch für die Leipziger Pathologen. Obwohl sie täglich mit der Vergänglichkeit des Menschen konfrontiert sind, haben sie das Lachen nicht verlernt. "Wir haben einen sehr speziellen Humor", erklärt die reiselustige Fachärztin, deren Kichern bei jeder Gelegenheit ertönt. Gerade der Humor mag dazu beitragen, dass die Außenwirkung der Pathologie verklärt ist: "In unserer Gesellschaft ist der Umgang mit dem Tod kompliziert", sagt Schierle. Als Pathologin komme sie aber ständig mit dem Tod in Berührung. Daher reagiere sie anders auf den Tod als andere Menschen. "Das verstehen viele nicht." Ihre eigene Beerdigung hat sie bereits geplant. Mit Simon & Garfunkels "Sound of Silence" möchte sich Schierle einmal von den Lebenden verabschieden.

Literatur und Fernsehen haben in den Köpfen vieler Menschen ein verzerrtes Bild der Pathologie erzeugt. So reichen die Vorstellungen von Tatortermittlungen in weißen Ganzkörperanzügen über Leichenfledderei unter zitternden Neonlampen bis hin zu modrigen Kellern, in denen der Geruch verwesender Menschen wabert. Mit der Realität hat das wenig zu tun. "Für mich riecht die Pathologie vor allem nach Formalin, das in der Nase beißt, und Xylol, das mich an Nagellackentferner erinnert", erzählt Schierle und fügt zwei weitere Duftnoten hinzu: "Manchmal stinkt es auch ein bisschen nach Kacke und gelegentlich duftet es nach Kaffee."

Quelle: n-tv.de